Missbrauchsvorwürfe

Freispruch für die Kunst: Warum man Jackson noch immer spielen soll

Der Dokfilm «Leaving Neverland» erhebt happige Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson. Auch wenn sie zutreffen sollten, darf man seine Songs weiterhin hören. Ein T-Shirt mit seinem Konterfei sollte man aber nicht mehr anziehen. Man muss zwischen der Kunst und seinem Schöpfer unterschieden, findet unser Autor.

Nun hat also auch das SRF den Dokumentarfilm „Leaving Neverland“ ausgestrahlt. Der Film beleuchtet die pädophile Seite des verstorbenen Superstars, der sich an kleinen Buben sexuell vergangen haben soll. So happig sich diese Vorwürfe auch anhören, sie sind alles andere als neu.

Zu Lebzeiten wurde Jackson deswegen zweimal juristisch verfolgt. 1993 entging er einem Prozess, indem er der Familie des Belastungszeugen 22 Millionen Dollar zahlte. 2005 wurde er von einem Geschworenengericht freigesprochen. Die Beschuldigungen wurde er aber bis zu seinem Tod nicht los. Und auch der neue Dokumentarfilm «Leaving Neverland», der diese Woche im Fernsehen ausgestrahlt wurde, zementiert lediglich Vorwürfe. Beweise führt er keine ins Feld.

Und dennoch hat der Film, der in den USA bereits vor einem Montag gezeigt wurde, konkrete Auswirkungen. Auf BBC 2, dem grössten Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Gross Britannien werden keine Jackson-Songs mehr gespielt. Auch die Macher der Comic-Serie „The Simpson“ haben reagiert und wollen eine Serie, in der Jackson einen Gastauftritt hatte, nicht mehr ausstrahlen.

Das ist Ausdruck reiner Bigotterie. In Zeiten von MeToo sind die Chefs der Kulturindustrie so sehr um ein sauberes Image bemüht, dass sie offenbar jegliches Mass verloren haben. Das zeigt auch der Fall von Kevin Spacey: Nachdem dem Oscar-Preisträger sexuelle Vergehen vorgeworfen wurden, hat ihn der Kult-Regisseur Ridley Scott kurzerhand aus seinem bereits gedrehten Film «All the Money in the World» geschnitten. Wer nicht ohne moralische Fehler ist, hat keinen Platz mehr.

Die Kulturindustrie hat verlernt, zu differenzieren – und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Erstens wird nicht zwischen Straftäter und Verdächtigen unterschieden: Weder Michael Jackson noch Kevin Spacey wurden von einem Gericht verurteilt. Folglich gilt die Unschuldsvermutung. Mit ihrem Bann aus dem Unterhaltungsprogramm werden sie aber bestraft, ohne dass ihre Schuld erwiesen wäre.

Zweitens – und diese fehlende Differenzierung ist noch gravierender – wird nicht zwischen dem Künstler und seiner Kunst unterschieden. Ein Künstler kann ein schrecklicher Mensch sein und dennoch fantastische Musik komponieren, wunderbare Bilder malen oder grandiose Romane schreiben. Das Kunstwerk erhält seinen Wert nicht dadurch, dass es von einem guten Menschen gemacht wurde, sondern weil es an sich hervorragend ist. Es steht für sich allein.

Seit Roland Barthes’ bahnbrechendem Aufsatz «Der Tod des Autors» aus dem Jahr 1968 wurden ganze Regale darüber vollgeschrieben, dass der Künstler und sein Werk nicht gleichzusetzen sind. Was uns ein Autor sagen will – wenn er uns denn etwas sagen will –, spielt keine Rolle; den Sinn erhält ein Werk vielmehr im Zusammenspiel zwischen Leser und Text. Wer der Autor war, braucht einen nicht zu kümmern. Diese Erkenntnis kann auch die übereifrige Säuberungsaktion der Kulturindustrie nicht einfach wegwischen.

Songs wie «Thriller», «Beat it» oder «Man in the Mirror» sind in den Ohren vieler Musikliebhaber und Experten Meisterstücke der Popmusik. Daran ändert sich nichts, auch wenn ihr Schöpfer ein Scheusal ist, das kleine Buben zum Sex verführt.

Natürlich gelten für einen Künstler die gleichen Regeln wie für jeden anderen Menschen. Sexueller Missbrauch, besonders von Minderjährigen, ist ein schlimmes Verbrechen und gehört bestraft. Dass gegen Kevin Spacey, aber auch gegen den polnischen Regisseur Roman Polanski, der wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen angeklagt ist, ermittelt wird, ist selbstverständlich richtig. Nur sollen sie sich als Menschen und nicht als Künstler rechtfertigen müssen.

Wenn man mit allen Künstler verfahren würde wie mit Jackson und Spacey, verlöre die Kunst einige ihrer bedeutendsten Werke. Die Bücher von Novalis müssten aus den Bibliotheken verbannt werden. Der Dichter der Romantik verguckte sich in ein zwölfjähriges Mädchen und verlobte sich wenige Monate später mit ihr. Gleich müsste man mit dem Werk von Edgar Allen Poe verfahren, der seine 13-jährige Cousine heiratete.

Was die Maler Balthus, Egon Schiele oder Friedrich Kirchner mit den nackten Mädchen, die sie gemalt haben, noch gemacht haben, weiss man nicht – ahnt aber Böses. Vom Verhalten Pablo Picassos gegenüber Frauen ist zumindest so viel bekannt, dass er einem MeToo-Sturm auf keinen Fall standhalten würde. Sollte man ihre Bilder abhängen?

Verbrechen und moralische Vergehen sind vielfältig und zahlreich: Nicht mehr spielen dürfte man Frank Sinatra wegen seiner Beziehungen zur Mafia, den Komponisten Carlo Gesualdo aus der Spätrenaissance, der seine untreue Frau erstochen hat. Und wohl auch Richard Wagner, wegen seiner antisemitischen Schriften. Sicher aber nicht mehr David Bowie, der Sex mit Minderjährigen hatte.

Und natürlich dürften keine Woody-Allen-Filme mehr im Kino gezeigt werden, wird doch dem Regisseur vorgeworfen, seine Adoptivtochter missbraucht zu haben.

Künstler taugen nur selten als (menschliche) Vorbilder. Das gilt auch für Michael Jackson. Und so sollte man sich vielleicht fragen, ob man sein Konterfei wirklich auf dem T-Shirt tragen will. Überhaupt, ob man als ein «Fan» den Musiker vergöttern will. Seine Songs kann man aber ohne schlechtes Gewissen hören – und lieben.

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