Wir sind nicht eingeladen zu den Literaturtagen in Solothurn: Sibylle Berg, Simone Meier und ich. Dabei haben wir alle drei neue Romane. Heute, da ich dies schreibe, steht Bergs Roman «GRM» auf Platz sechs der «Spiegel»-Bestsellerliste. Lobeshymnen in «Zeit», FAZ, NZZ und so weiter. Meiers Roman «Kuss» steht seit Wochen im Bestsellerregal von Orell Füssli, im «Tages-Anzeiger» besprochen und im SRF (52 beste Bücher), und, naja, meiner auch («Vor der Flut»). Was trennt uns? Meier ist geborene Schweizerin. Berg lebt seit 1996 in Zürich und hat den Pass, ich seit 2004 ohne Pass.

Ich liebe das Land, verstehe mich aber als Beobachterin. Was haben wir gemeinsam? Wir sind weiblich, um die 50, unsere Literatur ist manchmal schonungslos, aber in Wirklichkeit auf Schönheit aus wie jede Kunst. Ich bin Ärztin, und als mir angetragen wurde, das Phänomen Machtstrukturen im Literaturbetrieb zu beleuchten, entschied ich mich, dies auf ärztliche Weise zu tun. Sprich: auf wissenschaftliche. Im Folgenden stütze ich mich ausschliesslich auf evidenzbasierte Studien. Evidenzbasiert ist das Zauberwort, wenn alle Antworten beweislich wahr sind. Aber ich will auch eine Geschichte erzählen.

1 Gibt es Machtstrukturen?

Nehmen wir an, du bist eine Frau. Eine junge Frau, du hast noch alles vor dir. Auch schon manches hinter dir. Studien sagen, dass Mädchen ab dem 6. Lebensjahr die eigene Minderwertigkeit verinnerlicht haben. Aber du liebst Geschichten, und einige hast du sogar schon geschrieben. Klar, die sind für die Tonne, aber deiner BFF (Best Friend Forever) haben sie gefallen. In Deutsch eine 6. Du willst in den Literaturbetrieb (weil du das hässliche Wort noch nicht kennst, sagst du, irgendwas mit Schreiben). Sie erzählen dir, du wirst in der Bedeutungslosigkeit landen, in der Sozialhilfe, aber noch hast du genug Trotz.

Dass Frauen im Literaturbetrieb die machtlose Mehrheit darstellen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. 80 Prozent der Angestellten im Buchhandel und 64 Prozent der Angestellten im Lektorat sind Frauen – in Entscheider-Positionen sitzen dagegen nur 20 Prozent weibliches Personal. Alte, weisse Männer verstopfen Jurys und Fördergremien, formuliert es wenig charmant die Autorin Nina George. Und die fördern Männer. George witzelt: Würden wir eine Parität anstreben wollen, müssten wir ... den Georg-Büchner-Preis fortan 45 Jahre lang nur an Frauen vergeben. Uns bleibt das Lachen im Halse stecken.

2 Wie kommt Macht zustande?

Intelligenz hängt von der Fähigkeit ab, verschiedene geistige Leistungen aus mehreren Hirnregionen miteinander in Zusammenhang zu bringen, vor allem das Arbeitsgedächtnis, das Sprachzentrum, das visuell-räumliche Areal und die «Exekutive» für den geordneten Ablauf von Denkprozessen und Handlungen. Es gibt Unterschiede zwischen Frauen und Männern – und bei einigen Subfacetten der Intelligenz sogar deutliche. Das gilt für die räumliche Orientierung, also für die Fähigkeit, sich gedanklich in zwei- oder dreidimensionalen Räumen zu bewegen, da sind Männer besser.

Umgekehrt schneiden Frauen bei anderen Aufgaben besser ab, etwa bei der Wahrnehmungsgeschwindigkeit oder den verbalen Fähigkeiten. Allerdings gibt es, das tut der Feministin weh, unter den Genies etwas mehr Männer (ebenso wie es mehr debile Männer als Frauen gibt), aber nicht so viele mehr, dass sich dadurch die Abwesenheit von Frauen in Spitzenpositionen im Literaturbetrieb erklären würde.

An Begabung mangelt es Frauen nicht. Warum also besprechen männliche Literaturkritiker zu 76 % Bücher männlicher Autoren? Und warum Literaturkritikerinnen zu 52 % Männer? Müssten nicht die Literaturkritikerinnen zu 76 % Frauen besprechen? Kinder wachsen mit einem männlich dominierten Weltbild heran, erklärt Veronika Schuchter von der Universität Innsbruck. Nach kurzer Zeit sind es Mädchen gewohnt, männliche Perspektiven einzunehmen, sowohl im Alltag wie in der Kunst, und bleiben es auch als Frauen.

Gewöhnt daran, Texte von Männern zu lesen, nehmen sie den männlichen Blick auf genderrelevante Themen nicht mehr wahr. Jungen und Männer dagegen tun sich schwer, die Perspektive von Autorinnen einzunehmen und bei der Auseinandersetzung mit deren Werk Kunstgenuss zu empfinden, entsprechend abschlägig ist ihre Textauswahl und späterhin Kritik.

Nun hast du also studiert, vielleicht sogar Literarisches Schreiben, vielleicht sogar in Biel, und bist eine BA, eine Bachelorette of Arts. Kaum 30 Seiten an deinem Roman geschrieben, regnet es Preise, einen Förderpreis deiner Heimatstadt und ein Arbeitsstipendium des Kantons, du heisst Lena oder Lara, bist 22 und wirklich begabt, sagt dein Verleger (denn ja, du hast einen Verlag gefunden). Und weil es ja für irgendwas gut sein muss, dass du eine Frau bist, lässt du ihn seine Hand auf dein Knie legen.

Es wird nicht das letzte Mal sein, aber irgendwann ist dein Roman fertig und tatsächlich gedruckt, da bist du 24. Und gleich in der ersten Woche erscheint die erste Kritik in der Zeitung deiner Heimatstadt mit Foto. Jeden Tag liest du die Feuilletons der grossen Zeitungen und Magazine, und du siehst, da schreiben Männer, und die schreiben über Männer, aber 30 % Prozent der Kritiker sind Frauen, nur schreiben die auch lieber über Männer. Die Schlacht um ein Buch ist nach wenigen Wochen geschlagen, sagt der grosse Reich-Ranicki, dein Verlag hat 248 Exemplare verkauft, davon 50 an deine Mutter.

3 Wie lässt sich Abhilfe schaffen?

Laut dem Global Gender Gap Report des World Economic Forum macht die Schweiz relevante Rückschritte im Bereich der Gleichstellung von Frauen und Männern. Demnach ist sie 2017 von Platz 11 auf Platz 21 der Weltrangliste abgerutscht, 2018 befand sie sich auf Platz 20 hinter Bulgarien und Südafrika. Ausgeschlossen, dass der Literaturbetrieb Fortschritte macht, sagt der Empiriker, wenn die Gesellschaft es nicht tut, und hier endet die Evidenz meiner Betrachtungen.

Denn du lebst jetzt, Lena oder Lara, du willst schreiben und gelesen werden, du willst nicht warten, bis dein Land unter den ersten zehn ist (Island, Norwegen, Schweden, Finnland, Nicaragua, Ruanda, Neuseeland, Philippinen, Irland, Namibia). Darum hast du das Internet durchforstet und bist auf einen gestossen, der Schreibsuchti heisst und einen Blog hat. Schreibsuchti sagt, als Künstlerin arbeitest du zehn Jahre lang und bist unsichtbar, bevor du über Nacht berühmt wirst, vielleicht auch 30 Jahre.

Sei leidenschaftlich, Lena oder Lara, sagt er, authentisch, selbstbestimmt, ambitioniert und optimistisch, resilient und vor allem: geduldig. Das kommt dann schon mit Solothurn, sagt Schreibsuchti auf persönliche Anfrage, und das Merkwürdige ist: Ich glaube ihm.

Solothurner Literaturtage Podium «Machtstrukturen im Literaturbetrieb»: Fr. 31. Mai, 14 Uhr, Stadttheater.