Was passiert, wenn man überfordert ist? Wohin flieht man, was denkt man, was fühlt man? Wozu ist man in der Lage? In ihrem neuen Stück «Frau im Wald» will Julia Haenni das herausfinden. «Ich selbst komme oft in diese Situation», gesteht sie, die wachen, hellbraunen Augen auf die Kaffeetasse in ihrer Hand gerichtet. «Vielleicht ist man gerade selbst überfordert, fühlt sich gestresst und ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man vergisst, wie es eigentlich dem Gegenüber gerade geht.» Das sei wohl normal, in der heutigen Zeit, in der alles schnell geht und man allgegenwärtig und von allen Seiten mit Informationen beliefert, von Lärm beschallt, unter Druck gesetzt wird.

Ein Mentorat mit Folgen

Letztes Jahr wurde Julia Haenni gemeinsam mit vier anderen Teilnehmenden in die Autoren- und Autorinnenwerkstatt Dramenprozessor aufgenommen. Dieses von verschiedenen Theatern betreute Mentorat ermöglichte der 30-Jährigen nicht nur ein neues, eigenes Stück zu verfassen, sondern es auch immer wieder in der Praxis auszuprobieren. «Diesen Austausch habe ich sehr genossen, und es war schön, das Interesse an meinem Stoff so deutlich zu spüren», sagt Haenni nach einer intensiven Probe in der Bar des Theater Tuchlaube.

Das Theater Marie, welches Haennis Stück «Frau im Wald» am Mittwoch zur Aufführung bringen wird, arbeitet für die neuste Produktion mit dem Theater Winkelwiese sowie dem Theater St. Gallen und Chur zusammen. Die Regie teilen sich Olivier Keller und Patric Bachmann. Auch sie können sich mit der Thematik identifizieren: «Jeden betrifft das doch, diese tägliche Flut an Informationen. Dabei muss man eigentlich nur erkennen, dass einen das auch weiterbringt, man kann sozusagen gemeinsam vorwärtskommen. Nicht das Negieren, sondern das Integrieren ist der Schlüssel.»

Von Hasen und Arztterminen

Was geschieht, wenn man sich doch aus der Ruhe bringen lässt, zeigt das Stück «Frau im Wald». Die Überforderung mit ganz alltäglichen Dingen wie dem Ausmachen eines Arzttermins kann sich hier immer weiter steigern, bis hin zu existenziellen Ängsten und dem Drang, zu flüchten – in den Wald, wo es ruhig ist, wo man alleine ist. «Das ist vielleicht ein klischiertes Bild von Ruhe und der Sehnsucht nach Geborgenheit, wo man gleichzeitig auch Einsamkeit und Angst spürt», sagt Haenni, das gebe sie zu. «Aber dann wiederum stimmt es ja auch gar nicht. Man ist da zwar vielleicht mit sich selbst alleine; die eigenen Kämpfe muss man auch im Wald austragen, die Ängste sind nicht einfach weg.» Und diese Ängste und Kämpfe werden in «Frau im Wald» deutlich dargestellt: Der Versuch, sich vor sich selbst und der Welt zu verstecken, wird gar physisch dargestellt durch eine kleine Box auf der Bühne, in die sich die vier Schauspielerinnen hineindrängen. Und dort gehen sie, begleitet von einer Kamera, aufeinander los: mit Schwertern und Wörtern (Szenografie: Erik Noorlander, Dominik Steinmann, Video: Kevin Graber).

Im Ganzen ist es Haenni wichtig, die Frauen stets als Handlungsträgerinnen zu zeigen; die Frauenfigur alleine sollte bestimmen, was im Stück passiert, ohne die Impulse einer Männerfigur. Deshalb wolle sie in «Frau im Wald» lediglich Frauen auf der Bühne haben. Diese litten wohl besonders oft unter den eigenen Ansprüchen oder dem Gefühl, stets beobachtet und bewertet zu werden. Doch pauschalisieren will Haenni nichts: «Ich glaube, es gibt keine geschlechterspezifischen Themen.» Und Regisseur und Dramaturg Patric Bachmann pflichtet ihr bei: «Ich kenne diese kleinen Kritiker, die im eigenen Kopf hocken, auch. Das hat wohl eher mit Ausbildung und mit Erziehung zu tun als mit Geschlecht.»

Schreiben und Spielen

Julia Haenni, die sich für unser Treffen aus der auffälligen Bühnenbekleidung geschält hat (Kostüme: Tatjana Knutsch) und in Jeans und Pulli am Tisch sitzt, steht für «Frau im Wald» auch selbst auf der Bühne. Zusammen mit Judith Cuénod, Barbara Heynen und Sandra Utzinger verkörpert sie die vielen Facetten einer einzelnen Frau; durch die Mehrstimmigkeit der Figur möchte Hänni das Einzelne im Vielen und das Viele im Einzelnen darstellen: «Das Stimmengewirr zeigt die Überforderung und stellt gleichzeitig die Addition der verschiedenen Probleme und Meinungen dar.» Dass sie ein Stück für Frauen geschrieben hat, begründet Haenni mit ihren eigenen politischen Ansprüchen. «Ich finde, dass ein Frauenkollektiv auf der Bühne noch immer ein Spezialfall ist. Mit ‹Frau im Wald› möchte ich einer Frau und ihrer Geschichte einen Raum geben», erklärt Haenni.

Bis zum Sonntag spielt das Theater Marie im Theater Tuchlaube «Frau im Wald». Was danach kommt, bleibt ein Geheimnis. «Ich kann aber sagen, dass ich mich weiterhin und zunehmend für den Rhythmus der Sprache, die Musikalität von Gesprochenem interessiere», verrät Haenni. Seit Kurzem versucht sie sich deshalb auch als Rapperin und Slammerin. Man darf gespannt sein, welche Ideen sich hinter dem dunklen Pony als Nächstes ausbreiten; für den Moment geht es zurück auf die Bühne, wo Haenni ihre eigenen Texte mit Leidenschaft und Ernsthaftigkeit zum Leben erweckt.

Frau im Wald 14.–18. März, jeweils um 20.15 Uhr, Theater Tuchlaube, Aarau.