«Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.» Dieses witzige und berühmte Zitat stammt von Francis Picabia (1879–1953). Der grosse Franzose sagte das nicht nur, er lebte auch danach. So viele abrupte Wechsel, solch wilde Sprünge von Stil zu Stil, so abenteuerliche Kurven wie in diesem Werk, gibt es nur selten.

Würde man fünf oder zehn typische Werke Picabias aus seinen verschiedenen Phasen nebeneinander hängen – es käme niemand auf die Idee, dass sie alle vom gleichen Künstler stammen. Gut also, hat das Kunsthaus Zürich sich nicht nur auf das Label der Zürcher Festspiele, auf Dada kapriziert, sondern versucht, uns endlich mal den ganzen Picabia zu zeigen. Über 200 Exponate konnten dafür in Zusammenarbeit mit dem MoMa New York aus aller Welt hergeschafft werden. Aber was heisst der ganze Picabia? Der Schriftsteller, Drehbuch- und Theaterschreiber kommt in einer Ausstellung natürlich etwas unter die Räder.

Les Démoiselles

Dafür gibt es dank illustrierten Briefen einige – auch intime – Einblicke in Picabias Leben. Da lassen sich denn doch auch Konstanten finden: Neben Experimentierlust und der Liebe zum Wandel ist es die Faszination der Erotik. Legen wir uns also selber einen roten Faden durch dieses rätselhafte, verrückte und nicht nachvollziehbar wechselhafte Werk. Schauen wir, wie er in seinen verschiedenen Phasen die Tänzerinnen, Démoiselles und Frauen darstellte.

Prominent am Anfang der Schau hängt ein vielsagendes Selbstporträt des Künstlers von 1940. Er zeigt sich als Lebemann. Braun gebrannt, lächelnd, wallendes Haar eingerahmt von zwei Schönheiten, die ihn anhimmeln. Daneben müsste jeder Film-Schönling vor Neid erblassen.

Neidlos muss man dem jungen Picabia malerische Virtuosität attestieren. Von 1905 bis 1911 verschreibt er sich dem angesagten Impressionismus, malt Seine-Landschaften, Notre-Dame und frönt erotischen Motiven – wie in «Adam und Eva».

Doch halt, neben hübschen Damen gibt es in seinem Leben auch die Künstlerfreunde in Paris und New York. Und die experimentieren in jenen Jahren an der Erneuerung der Kunst, an der Abstraktion. Mit Energie und viel Eifer rudert Picabia mit, ja er findet für sich eine eigene Ausprägung. Den orphischen Kubismus. Eine beeindruckende Mischung aus Figuration und Abstraktion. In verwinkelten, kurvigen Geometrien lässt er uns die Figur einer Tänzerin noch erahnen. 1914 scheint er mit «Mariage comique» einen Endpunkt erreicht zu haben. Just also, als der Ausbruch des Ersten Weltkrieges Europa umkrempelte.

Als Zeichner und Schreiber und als (Mit-)Herausgeber versucht er, sich in New York neu zu erfinden. Der Mensch wird zum Rädchen in der Weltenmaschine oder gar selber zur Mechanik. «Voilà la femme» schreibt er unter die Zeichnung eines Stempels und das «Porträt einer jungen Amerikanerin im nackten Zustand» ist – echt Dada– eine Zündkerze.

Dada – Nichtdada

Picabia wird von New York und Paris aus einer der eifrigsten Dadaisten. Aberwitzig ist seine Kritik am Kunstbetrieb, wunderbar absurd sein Film «Entre’acte». Und doch verabschiedet er sich 1921 von Dada. Wegen Meinungsverschiedenheiten.

Er experimentiert: Mit Lackfarben malt er plakativ-grafische Bilder, wie «La Nuit espagnole». Die Frau neben dem Flamencotänzer wird darin zur Zielscheibe. 1924 legt er ein stilles Frauenporträt aus Streichhölzern, eine schmuckbehängte Dame verwandelt er in ein grelles Zerrbild. 1924 zügelt er an die Côte d’Azur, wird Lebemann. Und er kehrt zur klassischen Malerei, gar zu antiken Themen zurück – analog wie sein «Gegner» Picasso. Die «Sphinx» oder «Judith» malt er als prallen, klassischen Akt, überlagert von geheimnisvollen Schleiern.

Undurchsichtig wird dagegen Picabias Haltung in den 40er-Jahren – politisch wie künstlerisch changiert er zwischen den Lagern. Faschistoide Züge sehen wir in den badenden Frauen oder in der Blondine im «Frühling». Gepaart mit virtuosem Zitieren von Werbefotografien und einem plakativen Realismus ergibt das ein seltsames Gemisch.

Aber wieder zieht sich Picabia nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer eleganten Pirouette aus der Sackgasse: Mit Kreisvarianten wird er zum Abstrakten. Ausser in seinen illustrierten Briefen. Hier dominieren weiter die hübschen Démoiselles, die erotischen Träume.

Francis Picabia Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Kunsthaus Zürich, bis 25. September.