Literatur

Flussstück mit Tiffany

Nell Zink schrieb vor dem «Mauerläufer» nur an Freunde.

Nell Zink schrieb vor dem «Mauerläufer» nur an Freunde.

Die amerikanische Autorin Nell Zink debütiert mit einem überraschend anderen Roman

Ornithologen sind anders als andere Menschen. Sie gehen einer einsamen Tätigkeit nach und müssen leise sein dabei. Die Objekte ihrer Begierde haben im Tierreich das Alleinstellungsmerkmal, fliegen zu können. Auch das macht sie so faszinierend. Für den Ornithologen sind zum Beispiel Buschmeisen interessanter als eigene Kinder. Das ist problematisch für Paarbeziehungen.

Frauen sind nicht unbedingt begeistert, wenn sie mit ihrem Orni an Wochenenden über festgefrorene Erde stolpern dürfen, um ihm dann beim Objektivausrichten behilflich zu sein. Ornis «locken Vögel an, indem sie am Daumen lutschen, bis es quietscht». Auch das nicht besonders sexy, selbst wenn das von den Objekten ihrer Begierde abgeleitete Tuwort anderes in Aussicht stellt. Viel eher beobachten sich Ornithologen untereinander, um dann dem Kollegen, genau so, wie das auch bei den Ökologen Usus ist, mit unwiderlegbaren gegenteiligen Fakten zu widersprechen. Das macht sie nicht unbedingt erträglicher als Lebenspartner.

Netze moralischer Imperative

Die Amerikanerin Nell Zink weiss genau, wovon sie schreibt, wenn sie in ihrem ebenso heiteren wie bissigen Debütroman Ökos und Ornis mit Vogelruf-Apps auf ihren Smartphones losschickt, sie anhand diverser Naturphänomene aneinander vorbeiargumentieren lässt und sie irgendwo alle mit ihrer Antiheldin Tiffany ins Bett bringt.

Einer versorgt sie mit Ideologie, Feldsalat, Haferflocken und Wurzelgemüse, ein anderer meint, Vegetarismus ginge an der Erhaltung der Biodiversität vorbei. So weben sie an ihren je eigenen Netzen moralischer Imperative. Einer liebt die Erderwärmung, ein anderer rechnet aus, wie es gelaufen wäre, hätte nicht der Neopren-Surfer die Vögel verjagt, ein dritter kämpft mit Häkchen in seiner Kladde gegen die Entropie. Einig sind sie sich nur im grossen Ganzen, die Details aber geben Gründe für Scharmützel.

So war das auch mit Nell Zink und Jonathan Franzen. Der vogelliebende Grossschriftsteller hatte einen Essay über die Zugvogeljagd im Mittelmeerraum veröffentlicht, der sie erzürnt hatte, weil der Balkan fehlte. Zornig tadelte sie ihn in einem langen Brief, den er so geistreich fand, dass er antwortete, worauf sich eine Korrespondenz entspann, die in Franzens dringender Bitte mündete, sie möge doch für ein grösseres Publikum schreiben. Um es ihm zu zeigen, verfasste sie in kürzester Zeit «Der Mauerläufer».

Als Leser kann man Franzen nur dankbar sein für sein Insistieren. Sie wird es auch sein, denn inzwischen avancierte die in Bad Belzig wohnende Weltenbummlerin zu einer der aktuell gefragtesten amerikanischen Gegenwartsautorinnen. Ihr zweiter Roman stand auf der Liste für den National Book Award und hinsichtlich des dritten hört man von sechsstelligen Vorschusssummen.

In der brandenburgischen Provinz

Nell Zink ist nicht wie andere Autorinnen. Die Frau vom Jahrgang 1964 lebte in Virginia, Tel Aviv und Tübingen, bevor sie in die brandenburgische Provinz kam, weil hier ihr unabhängiges Leben bezahlbar ist. Sie promovierte über die Rezeption von Popmusik und schlug sich so durch, nur für enge Freunde schreibend, war Sekretärin, technische Zeichnerin und widmet sich dem Umweltschutz.

Manche Eckdaten findet man in der Biografie ihrer Tiffany wieder. Die ist ordentlich durchgeknallt und nicht sehr ehrgeizig. Ihren Lebensunterhalt kann und will sie nicht selbst verdienen. Deswegen folgt sie ihrem Mann Stephen aus Philadelphia über Bern nach Berlin. Fatalistisch muss sie mit ansehen, wie er sich im ökologischen Wahn immer mehr abhandenkommt.

Das treibt sie zu anderen Männern, vornehmlich an der Front des Steckby-Lödderitzer Forstes in Sachsen-Anhalt. «Wasserkraft? Nein danke» gilt hier in Mitteleuropas grösstem Auwaldgebiet. Die Elbe fliesst ungestaut und ist noch nicht so verdorben wie der Rhein. Hier lohnt es sich noch, als Ökoterroristin muskulös und naturaffin zu handeln.

Ebenso klug wie temposcharf lässt diese unverhoffte Autorin die Fetzen fliegen. Radikalironisch, existenzverängstigt und prallvoll mit Detailkenntnissen spottet sie in gänzlich unverbrauchter Sprache, die Übersetzer Thomas Überhoff vorzüglich eingefangen hat, über Triebsteuerung und die Beziehungen von Mensch und Vogel – «brüten und futtern» als Lebenskonstanten und permanente Gefährdung beim Nestbau.

Nell Zink Der Mauerläufer. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Rowohlt. 188 Seiten. 27.90 Fr.

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