Asado ist ein argentinisches Festessen: Auf offenem Holzfeuer werden Innereien und Filetstücke grilliert. Dazu gibt’s Zitronen und schweren Rotwein. Bei Hernán Ronsino schmeckt man jeden Bissen, den seine Figuren in seinem Roman «In Auflösung» zu Beginn verschlingen. Doch hat man das Buch erst ausgelesen, mag diese Vorstellung nicht mehr recht schmecken. Das Grillfest vom Anfang ist die Vorankündigung eines grauenhaften Schlusses.


Der Held des Romans, Abelardo Kieffer, hat seinen alten Freund Bicho Souza zum Asado geladen. Mit der Begegnung kommen in ihm die Erinnerungen an die Geschichten aus dem Heimatort hoch und er beginnt zu erzählen. Chivilcoy ist eine Kleinstadt bei Buenos Aires. Hier wohnt die schöne Geigerin, die in der Buchhandlung nach einem Werk von Rainer Maria Rilke sucht und in die sich unser Held einst verliebte. Hier bevölkern schnatternde Damen den Bingo-Salon, im Bordell «Gato Nero» arbeiten minderjährige Prostituierte und in den Kneipen saufen sich die Fabrikarbeiter die Misere weg. Kieffer ist Chefredaktor der Lokalzeitung, so fliessen die Geschichten der Stadt bei ihm zusammen. «Aber die Landstrasse ist ein Text, der von allen gemeinsam geschrieben wird», heisst es an einer Stelle.


Wissenschaftlich gnadenlos


Hernán Ronsino ist neben der Schriftstellerei Soziologie-Professor in Buenos Aires. Damit ist sein Blick in die erschütternden Abgründe wissenschaftlich gnadenlos. Die literarische Form, die er dafür findet, widersetzt sich aber der Eindeutigkeit. In kurzen Episoden und Fragmenten verzweigt er auf knappen 125 Seiten die Schicksale zu einem argentinischen Kleinstadt-Kosmos. Wie seine Figuren ist Ronsino in Chivilcoy aufgewachsen. Der Ort mag uns völlig fremd sein, doch Ronsino macht daraus eine universale Parabel für verlorene Hoffnung und ergraute Träume.


Mit wenigen Worten zeichnet der 43-jährige Autor eine dunkle Landschaft und gleichzeitig eine Stimmung bedrohlicher Finsternis: «Wenn die Nacht ein feuchtes Tier ist, das in unsichtbaren Zwischenräumen hechelt, dann hat dieses Tier das Maul eines hungrigen Wolfes. Ich versinke in diesem Maul, auf dem unregelmässigen Boden, der sich von der Landstrasse in steilen Kurven bergab schlängelt.» Solche Stellen muss man zweimal lesen. Ohnehin hält man bei der Lektüre von «In Auflösung» oft inne, setzt auf den luftig bedruckten Seiten noch einmal oben an und lässt die Dunkelheit über Chivilcoy ein zweites Mal ins eigene Wohnzimmer fliessen.


In der Reduktion schafft Ronsino Bilder, die lange nachhallen. Andeutungen zu ausgewanderten Nazis, die nach dem Krieg nach Argentinien flohen, schweben bedrohlich über dem Text. Man liest die Gräuel in Ronsinos Pampa als spätes Erbe des europäischen Faschismus.

Zwischen Schrecken, Schwermut und Trübseligkeit lässt der Autor immer wieder die trostspendende Literatur aufglimmen. Unangestrengt spielt er auf literarische Klassiker von Kafka über Rilke bis zum polnischen Tagebuchschreiber Witold Gombrowicz an.
Die Buchhandlung des Ortes und der Kulturteil der Lokalzeitung werden so zu Fluchtwegen aus der Pampa. Untergetauchte Nazis und erlösende Literatur – beides bleibt bei Ronsino im Ungefähren und genau das ist seine Stärke. Wer sich darauf einlässt, wird nicht mehr von ihm loskommen.


Eine verlegerische Sensation


«In Auflösung» ist der erste Teil einer Trilogie über Chivilcoy, wurde aber jetzt erst nach den beiden anderen Teilen «Lumbre» und «Letzter Zug nach Buenos Aires» ins Deutsche übersetzt. «Letzter Zug nach Buenos Aires» wird zurzeit in Brasilien verfilmt.
Dass Hernán Ronsinos Romane auf Deutsch im kleinen Schweizer bilgerverlag erscheinen, ist eine verlegerische Sensation. Er gilt als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Südamerikas. Die grossen Verlage haben längst angeklopft. Doch mit seinem Zürcher Verleger verbindet den Argentinier eine Freundschaft. Diesen Frühling war er «Writer in Residence» im Literaturhaus Zürich. Sein nächster Roman wird ihn erstmals ais Chivilcoy hinaus führen – nach Buenos Aires und sogar in die Limmatstadt. Auch in die dortigen Abgründe wird man ihm folgen wollen.

Hernàn Ronsino liest am Donnerstag, 14. Juni um 19 Uhr im Literaturhaus Basel.