Filmförderung
Frankreich bittet Netflix viel stärker zur Kasse und produziert grandiose Serien – kann die Schweiz daraus lernen?

Frankreich begeistert immer wieder mit erstklassigen Serien, aktuell mit der «Lupin»-Fortsetzung. Was unsere Nachbarn besser machen.

Daniel Fuchs
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Der französische Schauspieler Gérard Depardieu in der Serie «Marseille».

Der französische Schauspieler Gérard Depardieu in der Serie «Marseille».

Bild: Netflix

Der Streamingdienst Netflix soll in der Schweiz stärker zur Kasse gebeten werden, als ihm lieb ist. Das entschied diese Woche der Ständerat. Neu sollen ausländische Videoplattformen wie Netflix, Disney+ und Co. dazu gezwungen werden, ins hiesige Filmschaffen zu investieren. Wie es in anderen Ländern längst geschieht. An vorderster Stelle tut das Frankreich, das eine rekordhohe Investitionspflicht für Film- und Serienanbieter kennt – und sie weiter ausbauen will. Die Investitionen lohnen sich sowohl für das Publikum als auch für den Streaminganbieter selbst, wie die gestern angelaufene zweite Staffel mit Franzosen-Star Omar Sy in der Fortsetzung der erfolgreichen Netflix-Serie «Lupin» zeigt.

Immer wieder begeistern die Franzosen mit Serien und Filmen, die im Streaming und in den Kinos Kassenschlager werden. Und das international. Ist das französische Modell eines, das auch den Schweizer Film zum Fliegen bringen könnte? Der Bund und die Filmbranche erhoffen sich genau das mit der Investitionspflicht, über deren Höhe sich der Ständerat und der Nationalrat in Bern noch einigen müssen.

Westschweizer Serien hätten besonders gute Voraussetzungen

Netflix betont bei jeder Gelegenheit, sich an nationale Vorgaben halten zu wollen. Von einer wie vom Bundesrat und nun dem Ständerat vorgeschlagenen 4-Prozent-Investitionspflicht fühlt sich der Streamingriese jedoch bedrängt. Auf den Markt mit den zahlbereiten Schweizer Kunden wird der Anbieter jedoch genauso wenig verzichten wie in Frankreich, wo Netflix mit bis zu einem Viertel des Jahresumsatzes massiv mehr Geld investieren muss. Was indes weniger stark wiegt, weil sich französische Produktionen generell besser am internationalen Markt absetzen lassen als schweizerische.

Exemplarisch dafür steht «Lupin». Omar Sy ist ein Star von Weltformat. Wäre die Serie nur halb so gut, sie würde allein wegen Omar Sy gestreamt. In der Schweiz gibt es weder eine Schauspielerin noch einen Schauspieler von ähnlichem Format. Die Frage drängt sich trotzdem auf: Zeigt nicht gerade das Beispiel Frankreich, dass eine Verpflichtung von Netflix das hiesige Filmschaffen befruchten würde? Lokale Geschichten, die universell gültig sind, so lautet die Netflix-Erfolgsdevise. Egal also, ob sie aus Frankreich oder der Schweiz kommen?

Bereits mit der zweiten Staffel am Start: Omar Sy in «Lupin».

Quelle: Youtube

Nicht ganz. Frankreichs Filmlandschaft lässt sich nicht mit der schweizerischen vergleichen. Die Franzosen, mit ihrer Kinotradition, ihren Regie-Koryphäen, dem Cannes-Filmfestival und Schauspielern von Juliette Binoche bis Gérard Depardieu, sind ein anderes Kaliber. Zudem ist der Absatzmarkt für französischsprachige Filme ein ganz anderer als derjenige für deutschsprachige. Was eigentlich eine gute Voraussetzung dafür ist, dass einer der sehr guten Westschweizer Serien einmal international der Durchbruch gelingt.

Doch hier liegt die Krux: Frankreich verlangt von Anbietern wie Netflix zwar rekordhohe Investitionen, jedoch nur zu einem kleinen Anteil in französische Produktionen. Zum grösseren Teil fliessen sie in europäische Produktionen. Das bietet Netflix trotz der hohen Investitionspflicht flexiblere Möglichkeiten als in der Schweiz, wo das Geld zwar auch in Koproduktionen fliessen kann, generell aber von einer Investitionspflicht in den Schweizer Film die Rede ist. Netflix müsste hier einen Schweizer Produzenten auswählen. Ob dieser Film- und Seriennationalismus überhaupt zeitgemäss ist, sei dahingestellt.

Beispiel Deutschland: Das Land nimmt Netflix und Co. auch in die Pflicht. Mit einer Abgabe, die von den Förderinstitutionen verteilt wird. Der Satz ist jedoch zu tief, als dass ihn Netflix stören würde. Und dem Anbieter, der erfolgreich Serienformate entwickelt, viel Spielraum lässt. So darf man gespannt sein auf die Serie «1899», die im Milieu der europäischen Auswanderer nach Amerika angesiedelt ist. «1899» wird keine deutsche Serie, sondern ein paneuropäisches Projekt mit Autoren aus Ländern an Bord, aus denen auch die Protagonisten stammen, die in die Neue Welt übersetzen.

Netflix wird sich mit einer hohen Verpflichtung arrangieren

Deutschland also hält Netflix und andere Streaminganbieter an der langen Leine, während Frankreich die ohnehin kurze Leine weiter strafft. Wo also hin in der Schweizer Filmförderpolitik? Nach Deutschland oder nach Frankreich schielen? Immer wahr­schein­licher wird eine Investitionspflicht, die zwischen 1 und 4 Prozent zu liegen kommt. Netflix wird sich damit arrangieren. Das zeigt das Beispiel Frankreich, wo die hohen finanziellen Verpflichtungen dazu geführt haben, dass das Unternehmen extra ein Büro eröffnete. So weit wird es selbst mit einer 4-Prozent-Abgabe in der Schweiz nicht kommen.

Vor kurzem wurde bekannt, dass Netflix mit zwei Schweizer Partnern (unter ihnen CH Media, Heraus­geberin dieser Zeitung) den Film «Early Birds» plant. Halb Europa hat schon Netflix-Produktionen lanciert. Warum nur dauerte es in der Schweiz so lange? Eine Antwort darauf liefert Netflix nicht. Klar ist nur, dass in der viersprachigen Schweiz die Kunden gut zurechtkommen mit Produktionen aus den Nachbarländern. Ferner fanden auch spanische Serien wie «Casa de Papel» hier eine grosse Fangemeinde.

Netflix selbst sieht Österreich als Modellland für die Schweiz. Dort entstand letztes Jahr in Zusammenarbeit mit dem ORF die Serie «Freud». Diesem Projekt folgen nun weitere, «teils auch grenzüberschreitende», wie Netflix auf Anfrage schreibt.

Wir sind gespannt: Die Schweiz bietet wohl keinen Meisterdieb wie Ar­sène Lupin, aber nach Sigmund Freud wäre ja Albert Einstein interessant.