Nicht nur der Himmel hat im Verlauf der zehn wechselhaften Festivaltage oft geweint, sondern auch die Zuschauer auf der Piazza Grande. Dort, wo jeden Abend dem grossen Publikum das Kino der grossen Gefühle aufgedrängt wurde. Euthanasie («Hin und weg»), gleichgeschlechtliche Liebe («Love Island»), Asylwesen («Schweizer Helden») – die Piazza-Filme diskutierten kontroverse Themen bisweilen mit der Subtilität eines Vorschlaghammers. Jeder Abend ein Feuerwerk an Pathetik.

Am allerschlimmsten: «The 100-Foot Journey» von Lasse Hallström («Chocolat»). Der Gefühlsmanipulator par excellence erzählt von einem indischen Exil-Koch, der es in der französischen Dorfidylle mit der Inhaberin eines klassischen Michelin-Restaurants und mit den lokalen Ressentiments aufnimmt. Selten ein Film, der sich so darum bemüht hat, jedes erdenkliche Klischee zu erfüllen.

Auch im zweiten Jahr unter der künstlerischen Leitung von Carlo Chatrian hatte das Piazza-Programm viel Potenzial. Gerade für jenen Slot nach der grossen Premiere, wenn die 8000 Besucher für ihr Eintrittsgeld noch einen zweiten Film zu sehen bekommen, wünscht man sich mutigere Werke abseits des Mainstreams, die unterhalten, ohne den Zuschauer für dumm zu verkaufen.

Lichtblicke im Wettbewerb

Weitaus wichtiger als das Piazza-Programm ist die Qualität im internationalen Wettbewerb. Diese Auswahl ist entscheidend für das Renommee des Festivals. Und Chatrian hat hier, mit gewissen Abstrichen, ein glücklicheres Händchen bewiesen.

«Listen Up Philip» beispielsweise war das perfekte Gegenmittel zur Piazza-Sentimentalität: ein Indie-Film aus den USA, der vor Zynismus strotzt. Herrlich böse: Jason Schwartzman als narzisstischer Autor und Jonathan Pryce als sein noch misanthropischerer Mentor.

Der heimliche Star von Locarno heisst aber Ariane Labed. Da kann Melanie Griffith mit ihren aufgespritzten Lippen mit den Piazzabesuchern kokettieren, da kann Juryfrau Connie Nielsen im durchsichtigen Top über den roten Teppich gleiten – verliebt hat sich das Locarno-Publikum in die 30-jährige Griechin Labed. Wer sie beim ersten Anblick als blosses Marion Cotillard-Lookalike abstempelte, wurde schnell eines Besseren belehrt.

Gleich zwei Mal war Labed in einer Hauptrolle zu sehen, immer lagen ihr sowohl die Männer als auch die Frauen zu Füssen. Im starken französischen Wettbewerbsfilm «Fidelio – L’odyssée d’Alice» spielt sie eine Ingenieurin auf einem Frachtschiff. Umzingelt von einer männlichen Besatzung ist Ariane Labed taff, verführerisch, zerbrechlich. Diese Dame hat die Leinwandpräsenz eines zukünftigen Stars.

Starke Krisenfilme

Am meisten überzeugt haben die Wettbewerbsbeiträge, die sich mit den Krisen ihrer Herkunftsländer beschäftigten. «Durak – The Fool» aus Russland beispielsweise. Da wird der Riss in der Fassade eines Wohnblocks genauso zum Symbol wie der letzte integre Mensch, der es alleine mit dem gesamten Verwaltungsapparat aufnimmt. Der Film ist Korruptionskritik in Hauruck-Manier, aber am Ende bleibt die deprimierende Gewissheit, ein authentisches Abbild des in sich einstürzenden Sowjetstaates gesehen zu haben.

Weniger didaktisch gibt sich «A Blast» aus Griechenland, der von einer Mutter erzählt (grandios: Aggeliki Papoulia), die mit dem Auto davonrast und Mann und Kinder zurücklässt. Der Grund der Krise und die Schuldzuweisung ist hier schon egal, der Film ist der direkte Wutausbruch danach, die filmische Explosion über ein Volk, das die Schnauze voll hat.

Auch Schweizer mit Chancen

Ein weiterer Favorit auf den Goldenen Leoparden ist der philippinische Beitrag «From What is Before» von Lav Diaz – sofern die Jury den fünfeinhalbstündigen Schwarz-Weiss-Film zu Ende geschaut hat. Der Kino-Koloss über die Auswirkungen der Militärdiktatur auf den Inselstaat ist ein Meisterwerk des langsamen Kinos und hallt nach.

Überzeugen konnten auch die Schweizer Filme im Wettbewerb: «L’abri» von Fernand Melgar, der das nächtliche Drama vor einer Notschlafstelle in Lausanne dokumentiert, und «Cure – Life of Another» von Andrea Štaka, über die Identitätskrise eines jungen Mädchens zwischen Kroatien und der Schweiz; zwar sperrig erzählt, aber mit einer markanten Handschrift.

Beide haben in Locarno bereits einmal reüssiert: Štaka 2006 mit ihrem letzten Film «Das Fräulein», Melgar mit 2008 mit «La forteresse».

Auch wenn die Piazza dieses Jahr enttäuschte – die Qualitätsdichte im Wettbewerb war gross genug, dass man auf die Verkündung der Sieger heute Morgen genau so gespannt sein darf wie auf die weitere Entwicklung des Festivals unter Carlo Chatrian.