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Faszinierend und verstörend: Netflix-Serie «Tiger King» zeigt Milieu der US-Privatzoo-Besitzer

Joe Exotic und einer seiner Tiger

Joe Exotic und einer seiner Tiger

Netflix taucht mit der True-Crime-Serie «Tiger King» in das Milieu der Privatzoo-Besitzer in den USA ein und trifft auf Verstörendes.

Wie der Rausch, der sich nach zu schnellem Aufstehen einstellt: In etwa so fühlt sich das Schauen von «Tiger King – Murder, Mayhem and Madness» (Mord, Chaos und Wahnsinn) an. Kaum jemand kommt derzeit an der siebenteiligen True-­Crime-Serie von Netflix mit ihrem Protagonisten Joe Exotic vorbei. Für den Streamingdienst ist der Mittfünfziger mit blondem Vokuhila und absurd-tragischem Lebensweg ein absoluter Glücksfall.

Ab 2014 begleiten die Filmer Exotic, der im konservativen Hinterland des US-Südstaates Oklahoma einen Privatzoo betreibt. Zeitweise leben bis zu 200 Tiger, Löwen und Pumas in der Anlage, die eher an einen Schrottplatz erinnert. Randständige – allen fehlt mindestens ein Gliedmass – versorgen die Tiere, denen in ihren viel zu kleinen Käfigen verdorbenes Fleisch vom Grossverteiler verfüttert wird. Exotic ist offen schwul und gleich mit zwei Männern liiert, die er im Verlauf der Sendung zeitgleich ehelicht.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen

Exotics grösstes Problem ist Tierschützerin Carole Baskin. Die exzentrische Millionärin, die sich ausschliesslich in Tierprints kleidet, besitzt in Florida ein Schutzreservoir für misshandelte Grosskatzen. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, solche Zoos wie jenen von Exotic zu verbieten, da die Tiere dort nicht artgerecht gehalten werden.

Was als unterhaltsame Tier-Doku beginnt und mit der Rivalität zwischen Exotic und Baskin auch komödiantische Züge annimmt, wird schliesslich zu einer beklemmenden Kriminalgeschichte. Besonders bei den Protagonisten verwischen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse. So steht Tieraktivistin Baskin bald unter Verdacht, ihren Ehemann getötet und die Leiche Tigern vorgesetzt zu haben.

Exotic lässt keine Gelegenheit aus, sie dieses Verbrechens zu bezichtigen. Doch er selbst tut nicht nur mit seinen Tieren Verwerfliches. So waren seine beiden Ehemänner nie homosexuell, sondern Crystal-Meth-abhängig und ihm daher hörig. Dass er Baskin von Auftragskillern umbringen lassen wollte, ist einer der Tiefpunkte. Die Herzen der Netflix-Community fliegen ihm dennoch zu, Hunderte «Tiger King»-Memes- und -Gifs fluten die sozialen Medien.

Warum ist die Welt verrückt nach «Tiger King»? Besonders für Europäer – hier ist die private Haltung von Grosskatzen eine Seltenheit und stark reglementiert – bietet die Doku faszinierende Einblicke in dieses Milieu. Nachdem man sich über die Verrücktheit der Protagonisten lustig gemacht hat, kommt aber bald die pure Fassungslosigkeit ob dieser wahren Geschichte.

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