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«Wonder Woman»: Mehr als eine bewaffnete Schlumpfine

Verteidigung ist der beste Angriff: Die israelische Darstellerin Gal Gadot als DC-Superheldin Wonder Woman. Warner Bros.

Verteidigung ist der beste Angriff: Die israelische Darstellerin Gal Gadot als DC-Superheldin Wonder Woman. Warner Bros.

Gegen alle Widerstände wird der Superheldenfilm mit «Wonder Woman» endlich weiblich. Das tut ihm gut.

Ihr Speed, ihr Gerechtigkeitssinn, ihre Schlagkraft: Diese Frau ist eine Wucht! Eine Schande, dass Wonder Woman derart lange ein Schattendasein fristen musste.

Während Superman und Batman den Sprung von den Comicseiten auf die Kinoleinwand bereits unzählige Male vollführt haben, blieb ihr weibliches Gegenstück, ebenfalls eine Schöpfung der frühen 40er- Jahre, auf halbem Weg dorthin stecken.

Der Eroberungszug von Wonder Woman – notabene die berühmteste Superheldin überhaupt – gipfelte in einer kurzlebigen Fernsehserie (1976—1978).

Selbst die gegenwärtige Flut an Superheldenfilmen brachte bislang bloss eine geballte Ladung Testosteron auf die Leinwand. Von den vielen Comicverfilmungen aus dem Hause Marvel («Iron Man», «Thor» etc.) und von Rivale DC («Man of Steel», «Batman vs. Superman» etc.) hatte kein einziger eine Frau als Protagonistin.

WONDER WOMAN – Official Final Trailer

Filmtrailer «Wonder Woman»

«Wonder Woman» (ab heute im Kino) ist der allererste – nach 9 Jahren und 18 Filmen. Eine erschreckende Statistik.

Auf weiblichen Superhelden schien lange ein Fluch zu lasten. Die letzten Versuche in diese Richtung waren «Catwoman» mit Halle Berry (2004), «Aeon Flux» mit Charlize Theron (2005) und «Elektra» mit Jennifer Garner (2005). Allesamt riesige Flops.

Das Fazit der Studiobosse: Frauen ziehen die Nerds nicht ins Kino. Dass sie möglicherweise einfach drei miese Filme abgeliefert hatten, war kein Thema.

Der Fluch ist gebrochen

«Wonder Woman» kann nun wahlweise als das Brechen dieses Fluchs gelesen werden oder als der Beweis, dass Frauen als Superhelden natürlich doch taugen.

Der Clou: Das Ganze muss nur in fähige Hände gelegt werden. Und die hat «Wonder Woman»-Regisseurin Patty Jenkins.

Klar sieht es scharf aus, wenn Hauptdarstellerin Gal Gadot, ehemalige Miss Israel, im knappen Outfit deutsche Soldaten verprügelt.

Doch deswegen wie der «Guardian» von verschenktem feministischem Potenzial zu sprechen und Gadot als eine «bewaffnete Schlumpfine» zu verunglimpfen, ist, mit Verlaub, kompletter Unsinn.

«Kämpfe machen keine Helden»

«Kämpfe machen keine Helden», sagt Wonder Woman alias Diana Prince zu Beginn des Films. Die Amazonen-Prinzessin ist auf der Insel Themyscira aufgewachsen, die ausschliesslich von Frauen bevölkert wird, die zu Kriegerinnen ausgebildet werden. Eine Legende warnt die Amazonen nämlich vor dem Zorn von Kriegsgott Ares.

Die Amazonen von Themyscira

Die Amazonen von Themyscira

Tatsächlich: Als der britische Kampfpilot Steve Trevor (Chris Pine) auf Themyscira abstürzt, hat er die deutsche Kriegsflotte im Rücken – und den Ersten Weltkrieg. Für Diana ist klar, dass Ares dahintersteckt.

Was auf die atemberaubende Eröffnungssequenz folgt, ist ein genussvolles Spiel mit den Geschlechtern. Diana reist mit Trevor nach London. Dort erklärt ihr Trevors Sekretärin erst mal, was die Pflichten einer Sekretärin sind. «Klingt wie Sklaverei», kommentiert Diana süffisant.

Und als die paffenden Herrschaften im Parlament ob der Anwesenheit einer Frau ihre Nasen rümpfen, hat Diana dafür nur ein müdes Kopfschütteln übrig. Logisch wählt Diana beim Schneider dann kein Rüschenkleid, sondern einen praktischen Hosenanzug.

Doch Diana will vor allem eines: Nach Belgien an die Front, um dort das sinnlose Blutvergiessen zu stoppen. Ihr Motto: Verteidigung ist der beste Angriff. Ihre stärksten Waffen sind ein grosser Schild, ein Lasso sowie magische Armbänder, die Kugeln abwehren.

Männerdomäne erobert

Patty Jenkins «Wonder Woman» gehört wie Zack Snyders «Batman v. Superman» ins Filmuniversum von DC. Im Gegensatz zu Snyder aber verspürt Jenkins kein Bedürfnis, ihren Film mit unzähligen Verweisen und Anspielungen auf spätere DC-Filme (wie «Justice League», der die drei Helden vereinen wird) vollzustopfen.

«Wonder Woman» ist endlich wieder ein Superheldenfilm, der in sich selbst schlüssig ist. Und der DCs düstere und zynische Filmwelt mit Herz und Humor auflockert. Danke, Patty Jenkins!

Aber halt: Hätte das nicht auch ein Mann geschafft? Was tut es zur Sache, dass eine Frau diesen Film verantwortete? Alles!

Denn Hollywood vertraut teure Blockbuster grundsätzlich nur Männern an. «Wonder Woman» kostete 150 Millionen Dollar und ist der teuerste Film, der je von einer Person mit zwei X-Chromosomen gedreht wurde. Man kann den Angstschweiss der Studiobosse förmlich riechen.

«Viele Jobs gelten als männlich. Doch warum das auf den Regieposten zutreffen soll, ist mir schleierhaft», sagte Jenkins in einem Interview.

Und Obacht: Nur eine Woche nach seiner Weltpremiere hat «Wonder Woman» bereits das dreifache seiner Herstellungskosten eingespielt. Jenkins erobert gerade im grossen Stil eine Männerdomäne – und stösst die Tür für ihre Berufskolleginnen ganz weit auf.

Wonder Woman (USA 2017) 141 Min. Regie: Patty Jenkins. Mit Gal Gadot, Chris Pine u.a. Ab heute im Kino.

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