Der Schauplatz ist eine viel befahrene Kreuzung in der Stadt Zürich an einem heissen Samstag. Teile des Verkehrs werden umgeleitet, und auch Passanten erhalten den netten Hinweis, dass sie das Gelände nicht frei begehen können: Es finden Dreharbeiten statt. Etliche Stunden dauern die Aufnahmen für eine Szene, die dann im fertigen Film wohl keine Minute lang dauern wird.

Es ist ein Schlüsselmoment in der Verfilmung von Thomas Meyers Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse»: Der junge orthodoxe Jude Motti Wolkenbruch ist mit dem Fahrrad unterwegs. Weil eine zweite junge Fahrradfahrerin soeben bei einer Beinahe-Kollision ihr Handy verloren hat, bremst Motti ab, hebt das Handy vom Boden auf und drückt es ihr wortlos in die Hand, mit scheu abgewandtem Blick.

Erstmals begegnen sich hier Motti und Laura, später werden sie eine starke Bindung aufbauen: Sie wird der Grund dafür sein, dass sich Motti vom orthodoxen Judentum zu emanzipieren beginnt. Doch im Moment sind da nur zwei Menschen auf Fahrrädern, die sich einige Sekunden lang unverbindlich näherkommen. Mehr gibts heute nicht.

«Motti» wird der junge, bärtige Mann von der Filmcrew gerufen, und «Laura» die junge Dame – es sind der Zürcher Joel Basman und die Walliserin und Wahlpariserin Noémie Schmidt, die sich mit den Namen ihrer Figuren ansprechen lassen. Öfter als diese Namen hören sie allerdings Begriffe wie «Reset», «Position» und «Action». Immer wieder müssen die Velos an ihre Ausgangspunkte zurückgefahren werden.

Missverständnis um Bewilligung

Es ist heiss, Joel Basman steckt in schwarzer, dicker Kleidung samt Kippa, er muss sich immer und immer wieder nach dem gleichen Handy bücken, mit seinem Velo losfahren und gleich darauf wieder abbremsen. Er schwitzt. «Ein halbes Kilo habe ich heute sicher im Anzug liegengelassen», wird er später beim kühlen Bier scherzen.

Der Mann, der ihm das eingebrockt hat, sitzt in einem weissen Zelt vor einem Monitor und gibt Anweisungen: Regisseur Michael Steiner kontrolliert die Einstellungen in Echtzeit, achtet sich auf potenzielle Anschlussfehler und darauf, dass nie Dinge im Bild sind, die da nicht hingehören. Was auf einer belebten Kreuzung kein Kinderspiel ist.

Von Anfang an war heute viel Organisationstalent und Improvisationsvermögen gefragt: Beim Ersuchen der Drehbewilligung scheint es zu einem Missverständnis gekommen zu sein, und die Filmcrew kann nicht auf der Strassenseite drehen, die ursprünglich vorgesehen war. Zudem haben die Zürcher Verkehrsbetriebe ein grosses Tor geöffnet, das eigentlich geschlossen als Kulisse für den Film hätte dienen sollen.

Aber Michael Steiner lässt sich von solchen Dingen nicht aus der Fassung bringen; es muss vorwärtsgehen. Der Drehplan ist strikt, die Zeit teuer und obwohl viele Verkehrsteilnehmer schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, dass sie gerade an einem Filmset vorbeifahren, sind nicht alle Betroffenen über die Behinderung erfreut. «Ich habe schon ein paar ziemlich aggressive Blicke gespürt», fasst die Darstellerin Noémie Schmidt das Erlebnis zusammen.«Aber doch nicht von der Crew, oder?», vergewissert sich Michael Steiner sofort. Denn alle hatten heute einen eher harten Tag: Der Tonmann musste den Lärm von Flugzeugen und Lastwagen bewältigen, die Schweissperlen der Darsteller hielten die Make-up-Verantwortlichen auf Trab und auch die anwesenden Zaungäste der Medienredaktionen standen nicht immer dort, wo es gerade wünschenswert war.

Doch nach verrichtetem Tageswerk ist die Stimmung unter den Filmschaffenden locker, das Soll scheint erfüllt und das Abendessen steht bereit. Joel Basman gibt unumwunden zu, dass für ihn mit dieser Rolle ein Traum in Erfüllung geht: «Ich habe Steiner eine Menge Geld angeboten, damit er mich castet», erzählt er lachend. Steiner gibt zurück: «Ach was, ein Bier hast Du mir bezahlt.» Die beiden sind langjährige Freunde, und das merkt man.

Gestärkt aus der Auszeit

Noémie Schmidt ist neu in dieser Runde, und auch sprachlich leicht im Nachteil: Die in Sitten geborene und in Paris arbeitende Darstellerin spricht nur gebrochen deutsch. Aber das tut der Geselligkeit keinen Abbruch: Auf Englisch schwärmt sie gegenüber der Presse von Basman als Leinwandpartner und von der Stadt Zürich, deren Bars sie mit ihren neuen Freunden erkundet.

Bei allen Strapazen, die der heutige Tag mit sich gebracht hat: Michael Steiner ist sichtlich froh darüber, endlich wieder ein Spielfilmprojekt zu leiten. Die Finanzierungsprobleme von «Sennentuntschi» (2010) und die verhältnismässig schwachen Eintrittszahlen von «Das Missen Massaker» (2012) haben seinen Willen anscheinend nicht geschwächt, sondern gestärkt.

Und Steiner weiss natürlich auch, dass «Wolkenbruch» letzten Endes mit weniger Risiko verbunden ist als einige der vorangegangenen Projekte: Mit 3,8 Millionen Franken Budget (eher wenig Geld für eine schweizerisch-deutsche Koproduktion) und einem vergnüglichen Stoff, der in Buchform bereits grosse Beliebtheit erlangt hat, sollte eigentlich nichts schiefgehen.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse Voraussichtlicher Kinostart: Herbst 2018.