Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind selbstständig erwerbstätig und ein anständiger Bürger, doch dann widerfährt Ihnen ein Unrecht: Ihr Geschäft wird sabotiert und Sie verlieren Ihre Erwerbsgrundlage. Was tun Sie? «Ich gehe vor Gericht», würden Sie vielleicht erwidern. Aber was wäre, wenn Sie in einem autoritären und korrupten Staat leben? Wie weit sind Sie bereit, an Recht und Moral festzuhalten, wenn es ums nackte Überleben geht? Diese Frage muss sich der Fischzüchter Reza (Reza Akhlaghirad) in «A Man of Integrity» stellen, dem neuesten Film des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof.

Reza ist aus der korrupten Hauptstadt Teheran weggezogen und hat sich im Norden Irans niedergelassen. Mit seiner Familie führt er ein beschauliches Leben als Fischzüchter. Doch auch auf dem Land herrscht Korruption. Der «Betrieb», ein namenloses Grossunternehmen, zwingt die lokalen Bauern in ein Netz der Abhängigkeit. Er beansprucht Rezas Land, und plötzlich gerät der Fischzüchter in einen Strudel von Unrecht und Willkür. Zuerst versiegt die Wasserquelle zu seinen Teichen, dann landet Reza im Gefängnis, und schliesslich werden seine Fische vergiftet.

Er wehrt sich mit allen legalen Mitteln, doch es nützt nichts: Die Polizei, der Richter und der Bürgermeister werden alle vom «Betrieb» geschmiert. Reza befindet sich in einer ausweglosen Situation. Entweder spielt er ebenfalls nach den korrupten Regeln und wirft somit seine Prinzipien über Bord, oder er zieht mit seiner Familie weg.

«Trinkgeld» gehört zum Alltag

«Im Grunde geht es mir nicht darum, ein Schicksal zu erzählen, das exemplarisch ist für die Menschen in meinem Land. Vielmehr geht es mir darum, die Verbindung von Macht und Geld aufzuzeigen», sagte Regisseur Mohammad Rasoulof an der Premiere von «A Man of Integrity» am letztjährigen Filmfestival von Cannes. Rasoulof und seine Filmcrew setzen die Erzählung in ruhigen, beinahe dokumentarischen Bildern um und verzichten gänzlich auf Filmmusik.

Durch die naturalistischen Stilelemente kann sich der Zuschauer ganz auf das Geschehen einlassen, und die Kritik an der korrupten Gesellschaft Irans ertönt so umso lauter. Eine beklemmende Atmosphäre und ständige Ungewissheit durchziehen den Film und widerspiegeln eindrücklich das Leben innerhalb eines autoritären Staates.

Trailer zu "A Man of Integrity"

Trailer zu "A Man of Integrity"

Iran, 2017, 117 Min. Regie: Mohammad Rasoulof

Der sechste Film des 46-jährigen Iraners Rasoulof zeichnet das Bild von einem Land, in dem die Korruption so allgegenwärtig ist wie die Luft, die man atmet. Rezas Widerstand gegen ein marodes System stösst allenthalben auf taube Ohren und blinde Augen. «Wozu die Klage? Verkauf den Hof und zieh irgendwo anders hin», rät ihm ein Polizist. Selbst Rezas Schwager legt ihm nahe, er solle nachgeben.

Gemäss dem Korruptionsindex von Transparency International belegt Iran von 180 Ländern Rang 130. Die Bevölkerung der Islamischen Republik hat sich längst daran gewöhnt, dass Trinkgeld – wie Schmiergeld beschönigend genannt wird – zum Alltag gehört. Rasoulof kennt sich mit den willkürlichen Strukturen des iranischen Staates bestens aus. 2009 wurde er mit seinem Regiekollegen Jafar Panahi verhaftet, zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufs- und Reiseverbot verurteilt.

Das Urteil wurde später auf ein Jahr reduziert, jedoch nicht vollzogen. 2013 erhielt Rasoulof die Erlaubnis, seinen Film «Manuscripts Don’t Burn» in Cannes zu präsentieren. Bei seiner Rückkehr wurden sein Pass sowie seine persönliche Habe konfisziert. «Ich bin gegen Kaution auf freiem Fuss, aber ich nenne das nicht Freiheit. Es ist ein Phantom der Freiheit», so der Regisseur.

«A Man of Integrity» wurde letztes Jahr in Cannes mit dem Preis «Un Certain Regard» ausgezeichnet – nach 2011 und 2013 ist es für den iranischen Regisseur bereits die dritte Auszeichnung an der Croisette. Wie alle Filme von Rasoulof ist auch dieser im Iran verboten. Trotz Zensur arbeitet er weiter: «Ich arbeite, so lange ich kann. Selbst wenn sie mir das Filmemachen wegnehmen, finde ich neue Wege der künstlerischen Schöpfung.»