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Wird in Kabul je wieder Musik zu hören sein?

Eine berührende Geschichte, wunderschön erzählt und gezeichnet: der Animationsfilm «Les hirondelles de Kaboul».

Ein Leben ohne Kino und Theater, ohne Literatur und – ohne Musik. Wer kann sich das vorstellen? Kabul, Afghanistan, 1998. Es ist das Jahr, in dem Frankreich Fussballweltmeister wird. An der Torlatte in Kabuls Stadion aber hängen Stricke. Die Taliban sind erst seit kurzem da, sie stehen in den leeren Strassen mit ihren ­Kalaschnikows, die Stadt liegt schon in Trümmern. Die Frauen sind gezwungen, sich komplett zu verschleiern.

Zunaira trägt keine Burka. Zu Hause ist die Malerin frei. Sie malt Szenen ihrer grossen Liebe mit dem Lehrer Mohsen an die Wand und wippt mit dem Fuss zum Song «Burka Blue». «Meine Mutter trägt eine Burka, mein Vater tut es auch. Auch ich muss eine Burka tragen, ihre Farbe, die ist blau», dröhnt es aus dem Gettoblaster. Zunaira ist ein Freigeist. Und sie ist schön.

Der Animationsfilm «Les hirondelles de Kaboul» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Yasmina Khadra, der 2001 spielt. Die Regisseurinnen Zabou Breitman (Drehbuch) und Eléa Gobbé-Mévellec (Animation) haben die Handlung drei Jahre vorversetzt. Das strenge Gottesregime, das jegliche persönliche Freiheit unterdrückt, insbesondere der Frauen, ist noch neu. So stellt sich Zunaira und Mohsen die entscheidende Frage: Sollen sie Kabul verlassen oder für eine Zukunft in Freiheit kämpfen?

Schauspieler spielten Sprechrollen tatsächlich

Atiq betrachtet die Wandzeichnungen von Zunaira, im Vordergrund ein Akt von ihr selber.

Atiq betrachtet die Wandzeichnungen von Zunaira, im Vordergrund ein Akt von ihr selber.

Eines Tages wird Mohsen Zeuge einer Steinigung. Er hebt, wenn auch widerwillig, einen Stein auf und wirft ihn. Diese Tat, die nicht weiter erklärt wird, bringt die Liebe zwischen ihm und Zunaira aus dem Gleichgewicht und endet in einem wüsten Streit.

Atiq ist angewidert vom islamistischen Terror, aber auch er hat nicht die Kraft, sich zu widersetzen. Resigniert geht er seiner Arbeit als Gefängniswärter nach, während seine sterbenskranke Frau Mussarat zu Hause auf ihn wartet. Er könnte sich eine jüngere, gesunde suchen, doch vom Frauenbild der Taliban hält er nichts. Über die Figur Zunaira wird die Geschichte der beiden Paare zusammengeführt. Zunaira lässt in Atiq etwas aufblühen, was er schon lange als verloren ansah: der Glaube an die Liebe. Und Hoffnung.

Die schlichten Zeichnungen im Aquarellstil sind sinnlich und schön, die Animationen einfach gehalten; Licht und Schatten sorgen für Magie. Die Menschlichkeit liegt in den Figuren, die in ihrer konsequenten Haltung oder in ihren Widersprüchen zu leben beginnen. Die Schauspieler in den Sprechrollen haben die Szenen tatsächlich gespielt, mit Kostümen und Requisiten, was den Figuren emotionale Authentizität verleiht.

Die Garage-Punk-Frauengruppe Burka Band – sie treten anonymisiert in Burkas auf – mischte Afghanistan erst 2003 mit ihrem Song «Burka Blue» auf. Das Lied zu verwenden ist eine der Freiheiten, die sich Breitman und Gobbé-Mévellec genommen haben. So bringen sie das Thema auf den Punkt.

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