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Wingsuit-Doku «Ikarus»: «Durch Patricks Tod ist das Kartenhaus zusammengestürzt»

Am 28. April zeigt SRF 1 die Dokumentation «Ikarus», die die Wingsuit-Szene beleuchtet. Das Beklemmende daran: Patrick Kerber, einer der Protagonisten, sprang nach den Dreharbeiten im März 2016 in den Tod.

Philipp Dahm, watson.ch
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Wingsuit-Doku Ikarus von SRF
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Der Traum vom Fliegen hat Patrick Kerber verwirklicht...
...doch seine Leidenschaft musste der Zürcher mit dem Tod bezahlen Er ruhe in Frieden.
In diesem Tal gibt es jährlich über 20000 Sprünge. Lauterbrunnen gilt weltweit als das Wingsuit-Mekka
Für Wingsuit-Fans sind das magische Momente, die jedoch tödlich enden können
Die Dokumentation zeigt auf, wofür Menschen alles in Kauf nehmen: Dank Helmkameras und Drohnen sind Fans stets dabei
Patrick Kerber wurde nur 35 Jahre alt
Patrick Kerber hat den Sport 12 Jahre lang betrieben. 2000 Sprünge seien seine Lebensversicherung, heisst es im Film
Pläne, die nicht mehr wahr werden können: «Wenn einmal Kinder da sind, stellt sich die Frage, ob das Fliegen das Risiko wert ist», so Ashley. «Aber das muss jeder selber für sich beantworten.»
Warten auf Patricks Landung: Ashley Kerber ist nun Witwe

Wingsuit-Doku Ikarus von SRF

Screenshot: SRF

«Ikarus kam der Sonne zu nahe – und stürzte in den Tod», leitet die Stimme aus dem Off die SRF-Dokumentation über die Wingsuit-Szene ein.

Und tatsächlich ist auch das Risiko bei den Extremsportlern, die im Film vorkommen, immer mit auf dem Sprung.

So wie bei Wingsuit-Springerin und Snowboarderin Géraldine Fasnacht, die ihren Ehemann beim Gleitschirm-Skifahren und gerade erst ihre Freundin, die Freeride-Weltmeisterin Estelle Balet, verloren hat.

Oder wie bei Michael Schwery, der von einem Mexikaner in die Wingsuit-Szene eingeführt wurde.

Der Südamerikaner liess sein Leben in der Schweiz – gerade als Pfarrer Christian Hörler in Lauterbunnen einen Gottesdienst für die Springer abhielt.

Oder wie Patrick Kerber, einer der Protagonisten des Dokumentarfilms. Der Zürcher stürzte am 14. März 2016 in Engelberg vom Titlis in den Tod.

Die Dokumentation zeigt, wie umsichtig und reflektiert der 35-Jährige war. «Ich fühle nicht wirklich Adrenalin. Die Zeiten sind vorbei. Für mich ist das etwas sehr Technisches. Ich gehe genau nach Plan vor.»

Risiken einzugehen sei nicht sein Ding, sagt er in «Ikarus»: «Das bin ich auch meiner Frau schuldig, dass ich alles tue, um das sicher zu machen.»

Ehefrau Ashley kommt aus einer Pilotenfamilie. «Patrick könnte auf der Strasse überfahren werden und ich an Krebs sterben. Deshalb darf ich ihm den Traum vom Fliegen nicht wegnehmen. Für ihn ist das eine Wissenschaft.»

Das heisst nicht, dass sie sich keine Sorgen macht. «Das Warten ist am schwierigsten. Wenn die Gedanken kreisen und die Ängste galoppieren. Wenn du nichts von ihm hörst, fängt das Rad an sich zu drehen.»

Als ihr Mann wieder festen Boden unter den Füssen hat, haucht sie ihm zu: «Ich liebe dich, du Verrückter.» Das lässt keinen Zuschauer kalt, der weiss, dass Kerber heute nicht mehr unter uns ist.

Patrick Kerber hat den Sport 12 Jahre lang betrieben. 2000 Sprünge seien seine Lebensversicherung, heisst es im Film

Patrick Kerber hat den Sport 12 Jahre lang betrieben. 2000 Sprünge seien seine Lebensversicherung, heisst es im Film

Screenshot: SRF

Vor zwei Jahren hat der Regisseur der Dokumentation zum ersten Mal mit Patrick und Ashley Kerber gedreht.

Die letzten Aufnahmen mit dem Paar hat Alain Godet vor wenigen Monaten an der Jungfrau gemacht. Das Interview mit dem Filmemacher über die Geschehnisse:

Herr Godet, «Ikarus» wird von Patrick Kerbers Tod überschattet. Was wollten Sie eigentlich beleuchten?

Alain Godet: Der Film zeigt ja eigentlich einen Menschheitstraum: den Traum vom Fliegen. Ich wollte mit diesem Film das Thema Wingsuit eigentlich aus der Testosteron-Ecke herausholen und zeigen, wie der Sport nahtlos an diesen Menschheitstraum anknüpft. Durch Patricks Tod, das muss ich sagen, ist dieses Kartenhaus schon zusammengestürzt.

Ihr Film veranschaulicht ursprünglich, dass die Wingsuit-Szene im Aufwind begriffen ist.

Sie wächst unaufhörlich – wie alle Abenteuer- und Extremsportarten. Man sieht das an den Sportartikel-Verkaufszahlen: Den Leuten dürstet es förmlich nach Bergen, Wildnis und Selbsterfahrung. Die Szene wird gleichzeitig immer jünger und Testosteron-betonter. Aus der ganzen Welt kommen die Leute heute in die Schweiz, um zu springen. Die Orte sind gut zugänglich und du kannst ohne Einschränkungen durch Behörden hier immer noch frei fliegen.

Was bedeutet der Trend gesellschaftlich?

Wenn man das gesellschaftlich einbettet, entsprechen die Abenteuer-Sportarten einem quasi-religiösen Bedürfnis nach Transzendenz – also im Sinne von etwas, das deine Existenz sprengt. Diese Phänomene haben in den letzten 20 Jahren stark zugenommen: Ich finde, das ist ein Gegenpol zur gesellschaftlichen Situation.

Dabei wird die Gesellschaft immer bünzliger: 18-Jährige sorgen sich heutzutage vor allem um ihre Rente.

Eben, alles ist klar, nichts passiert und Dreijährige laufen im Velohelm herum.

Was macht das Wingsuit-Fliegen in der Schweiz so bequem?

Man zahlt 20 Franken für die Bahn, läuft 20 Minuten und kann dann den Absprung machen. Dann machen sie zwei, drei Sprünge und denken: Du kennst ja jetzt die Topographie. Damit nehmen sie mehr Risiko in Kauf und fliegen näher am Boden.

Sind diese Leute also alle jung und heissblütig?

Es gibt auch die anderen: die Profis, die Avantgarde, zu der auch Patrick gehörte. Er hat ja weltweit schwierige Sprünge gemacht und hält den Rekord für den längsten Sprung. Er hatte eine eigene Güteklasse – und dann offensichtlich einmal zu viel Risiko gewagt. Das hat mich sehr getroffen, weil ich ihm das gar nicht zugetraut hätte.

Kerbers Schicksal muss Ihnen nahe gegangen sein.

Ich bin schockiert vom Tod von Patrick. Wir haben uns sehr gut verstanden. Er war ein sehr strukturierter, fokussierter und umsichtiger Flieger. Ich hätte mit ihm sogar einen Tandem-Wingsuit-Sprung gemacht, wenn es so etwas gebe.

Nicht nur die Wingsuit-Flieger, sondern auch ihren Partnern scheint das Risiko sehr bewusst zu sein.

Das ist sicher sehr schwierig. Ashley sagt es sehr schön: «Ich kann doch nicht seinen Traum zerstören, das funktioniert nicht in einer Beziehung.» Da bleibt dir als Partner eigentlich nur das Hoffen. Die ersten 100, 200 Sprünge bist du immer in grösster Sorge und atmest nach der Landung auf, aber nach 1000 Sprüngen ist das natürlich anders – auch wenn du immer noch nervös bist.

Und dann passiert so etwas Schlimmes ...

Der plötzliche Tod ist für die Hinterbliebenen natürlich sehr schwierig. Du kannst nicht mehr Abschied nehmen, nichts mehr auflösen. Es kann ja sogar sein, dass von dem Menschen gar nichts mehr vorhanden ist, weil er in unzugängliches Gebiet wie die Schattenbach-Schlucht fällst. Ein Amerikaner hat dort einmal ein halbes Jahr gelegen, bevor man seine Leiche herausholen konnte.

Haben Sie eine Idee, warum Patrick, der so besonnen war, an seinem Todestag gesprungen ist, obwohl Nebel war?

Nein, ich habe keine Idee. Ich kann nur spekulieren, dass es die Routine war. Ich klettere viel: Routine kann tödlich sein. Einerseits ist sie gut: Du kommst voran und alles ist eingespielt. Aber sie kann auch die Aufmerksamkeit dämpfen und die Hemmschwelle senken. Du denkst dann: «Ich hab's im Griff, ich hab das schon x Mal gemacht», und dann passt du zu wenig auf und nimmst es zu locker.

Im Film sagt Ashley, der Sport gehöre zu Patrick, doch das Paar betont auch, dass sich vielleicht etwas ändern würde, wenn Kinder da sind. Ein Widerspruch?

Nein, wenn du Kinder hast, gehst du nochmal über die Bücher und fragst dich: Ist es das wert? Es gibt ja verschiedene Wingsuit-Springer, die Freund und Kollegen durch den Sport verloren und dann aufgehört haben, als Kinder da waren. Man trägt eine andere Verantwortung. Stephan Siegrist ist so ein Beispiel, der das Basejumping aufgegeben hat.

Hatten Sie nach Patricks Tod Kontakt zu Ashley?

Ja, klar. Es war sehr ... erschütternd zu sehen, wie sein Tod die Hinterbliebenen aus der Bahn geworfen hat.

Hat Ihnen der Dreh – bis zu Patricks Tod – Lust darauf gemacht, selbst einen Wingsuit auszuprobieren?

Ja, sicher! Alle Reaktionen beim Dreh waren: Das ist ja wirklich wunderschönes Fliegen! Ich bin aber zu alt dafür: Man muss erst Hunderte von Fallschirmsprüngen machen, dann Hunderte Basejumps machen. Das braucht Jahre. Dann springst du erst einmal von einer Tausend-Meter-Wand, die einem auch noch mal ein paar Fehler verzeiht. Ich würde das sofort machen, das muss sensationell sein!

«Ikarus» läuft am 28. April um 20.05 Uhr auf SRF1.

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