Dokumentarfilm

Wieso Bauer Arthur nichts auf seinen Misthaufen werfen kann

Trailer zum Film «Messies, ein schönes Chaos»

Trailer zum Film «Messies, ein schönes Chaos»

«Messies, ein schönes Chaos» von Ulrich Grossenbacher porträtiert eine ungewöhnliche Krankheit, die Sammelwut. Vier Menschen erzählen, wieso sie sich nicht von alten Dingen lösen können, ja davon geradezu magisch angezogen werden.

Ein zugemüllter Hof, ein vollgestopftes Haus und eine mit Bergen von Tonbandkassetten versperrte Wohnung: Das sind die Schauplätze, an denen der mehrfach preisgekrönte Dokfilm «Messies, ein schönes Chaos» von Ulrich Grossenbacher spielt.

Der verzweifelte Kampf der Protagonisten gegen ihre Sammelsucht – und weit intensiver noch um den Erhalt ihrer Bestände – mag bisweilen komisch wirken. Hinter den schrägen Bildern liegen jedoch auch tragische Schicksale. Karls Krankheit etwa zersetzt eine mehr als 40-jährige, weitgehend glückliche Ehe.

Karls Gattin lässt wenig unversucht und engagiert Helferinnen, um ihrem Mann etwas Platz im überfüllten Haus abzuringen. Nichts fruchtet. Schliesslich findet sie heraus, dass Karl nicht nur die gemeinsame Behausung in ein Schrottlager verwandelt, sondern darüber hinaus für teures Geld diverse Scheunen zumietet.

Aufräumen heisst für die Messies kaum je wegwerfen, sondern meist verschieben. Wenn Karl sich von einem Schrottteil trennen soll, bricht er in Tränen aus. Eine andere Protagonistin des Films, eine ältere Intellektuelle aus der Ostschweiz, schleppt Zeitungsartikel und Tonkassetten in mühevoller Arbeit in den Estrich.

«Das Chaos stellt sich von selber her», sagt die Frau, was wohl nicht jedem Zuschauer unmittelbar einleuchtet. Andere Aussagen dürften die meisten gut nachvollziehen können: «Man hat einfach zu wenig Leben, es reicht einfach nicht.» In solchen Momenten stehen die Messies im Film für etwas Grösseres.

Geduldige Behördenvertreter

Auch der knorrige Berner Bauer Arthur, der seinen Hof samt anliegender Grundstücke mit alten Maschinen vollgestellt hat, wirkt bisweilen wie ein Philosoph: «Die alten Sachen schaffen Vertrauen, sie schaffen Bewusstsein», sagt er – und findet zwischen allem Schrott einen fahrtüchtigen, uralten Fiat.

Kritikern aus Deutschland und Österreich, die im Rahmen der Solothurner Filmtage im Januar über Grossenbachers Werk diskutierten, fiel der freundliche Ton auf, in dem die geduldigen Berner Behördenvertreter im Film mit Arthur sprechen.

Der widerspenstige Mann hatte seine Gefährte-Sammlung bis vor Bundesgericht zu verteidigen versucht. Als er schliesslich bei der Teilräumung einen zum Hühnerstall umgenutzten Schrottwagen im Gelände stehen lassen kann, räumt er sanftmütig ein, ihm sei «zum Schluss etwas Menschlichkeit» erwiesen worden.

Von «Messies» anderer Art

Vergleichsweise gut scheint auch ein vierter «Messie» mit seiner Sammelwut leben zu können. Aus Schrott-Teilen bastelt er eine Maschine, die das von blossem Auge kaum sichtbare Wachstum von Pflanzen abbildet. Er wartet mit einer verblüffenden Aussage auf, als er über einen der Lieferanten seiner Altteile spricht.

Dieser sei kein typischer «Messie», mit «Überordnung und Überperfektion aber genauso verloren». Ob das Anhäufen von Besitztümern in der ordentlichen Schweiz besonders verbreitet ist, wird in Grossenbachers Film nicht erläutert. Gezeigt werden ausschliesslich die Protagonisten, keine Experten.

Die Auseinandersetzung mit Sammelsucht und Ordnungssinn stösst auf Anklang: «Messies, ein schönes Chaos» erhielt nach der Uraufführung an der Kritikerwoche am Filmfestival Locarno Lob und Preis, später den Berner Filmpreis und kürzlich eine Nomination für den Schweizer Filmpreis – ein interessiertes Publikum wird sich ebenfalls finden. (sda)

Messies, ein schönes Chaos (CH 2011).117 Min. Regie: Ulrich Grossenbacher

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