Kino
Wie Lara Croft oder Hunger Games: Wenn die Frau das Spiel bestimmt

Games als Bausatz für Filmheldinnen: Da erwacht das Kind im Kinofan. Die Spielfilme «Nerve» und «Polder» bedienen spielerische Urbedürfnisse, sind jedoch auf ein komplett unterschiedliches Publikum zugeschnitten

Hans Jürg Zinsli
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Enttäuschend: Der Film «Polder» hangelt sich von Meta-Ebene zu Meta-Ebene, grosse Spannung kommt keine auf.

Enttäuschend: Der Film «Polder» hangelt sich von Meta-Ebene zu Meta-Ebene, grosse Spannung kommt keine auf.

Filmcoopi

Man kennt das aus eigenem Gameverhalten. Zunächst ist man skeptisch, findet diese oder jene Spielanlage doof, unrealistisch oder beides. Aber dann lädt man sich aus Neugier die App runter, und ehe man sichs versieht, hat es einen gepackt. Dann ist man plötzlich Pokémon-Jäger oder kämpft gegen andere Spieler um Königreiche, Power-ups oder magische Strahlen.

Weibliche Hauptfiguren

«Im echten Manne ist ein Kind versteckt; das will spielen.» So formulierte es der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche in «Also sprach Zarathustra», einem philosophischen Standardwerk aus dem späten 19. Jahrhundert. Weniger bekannt ist Nietzsches Folgesatz: «Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne.» Schön und gut, aber dürfen denn Frauen nicht spielen?

Doch, sie dürfen. In aktuellen Filmen, die sich um Games drehen, ist die Hauptfigur immer öfter weiblich. Das gilt für herkömmliche Game-Adaptionen wie «Lara Croft», deren jüngstes Kinoabenteuer 2018 in die Kinos kommen soll – mit Alicia Vikander in der Hauptrolle. Das gilt aber auch für Filme, in denen die Heldin kein vordefiniertes Spielfeld findet, sondern sich erst mit den Regeln vertraut machen muss, bevor sie diese Regeln gegen ihre Erfinder wenden kann. Zum Beispiel in den «Hunger Games» («Die Tribute von Panem»). Da war es Jennifer Lawrence, die sich als Gladiatorin Katniss in die Schlacht warf. Sie tat dies in einem künstlichen Urwald zur Gaudi von Fernsehzuschauern – während einen als Kinobesucher das Gefühl beschlich, einer mörderischen Castingshow in der Masoala-Halle beizuwohnen.

Einen Nerv getroffen:»Nerve» bietet packende Kinounterhaltung.

Einen Nerv getroffen:»Nerve» bietet packende Kinounterhaltung.

Ungleich näher an der Realität ist nun der Film «Nerve». Wenn sich die schüchterne Heldin in eine Game-App einklinkt, um mittels Mutproben in der Grossstadt Punkte zu sammeln, entfaltet sich vor unseren Augen ein bekanntes Spiel: Finde Verbündete, überwinde deine Ängste, wachse an deinen Aufgaben. Dieses Prinzip funktioniert, weil «Nerve» im Unterschied zu den «Hunger Games» kaum mehr als Science-Fiction erkennbar ist. Der Dschungel aus den «Hunger Games» ist hier ein realer Grossstadtdschungel, in dem es um die Selbstfindung eines Durchschnitts Teenagers geht.

Der Zwang und die Folgen des Dabeiseins

Vee (Emma Roberts) ist ein Mauerblümchen. Aber sie will ihrer besten Freundin Sydney (Emily Meade) nacheifern, die im Online-Spiel «Nerve» ein Star ist. Da wird Vee ebenfalls zur Spielerin.

Anfänglich simple Aufgaben weichen dabei immer waghalsigeren Aufgaben, die von einer anonymen Game-Community bestimmt werden: Nachdem Vee einen Fremden (Dave Franco) im Restaurant geküsst hat, muss sie diesen bald auf einem Motorrad
durch New York lotsen, ohne dass er etwas sieht.

Voyeurismus pur? Allerdings. Es geht im Film von Henry Joost und Ariel Schulman ums Dabeisein, um den Zwang des Dabeiseins und die Folgen des Dabeiseins. Das spiegelt sich darin, dass die Leinwand nicht nur von Figuren, sondern auch von Online-Kommentaren ausgefüllt wird.

Eine Anbiederung an den Zeitgeist? Mag sein. Man sollte aber auch festhalten: Selten wurde die Tendenz zur virtuellen Dauerabhängigkeit in einem Film so gut getroffen. «Nerve» trifft da zweifellos einen Nerv. Und unterhaltsam ist das Ganze obendrein. (zas)

Nerve Ab 8. September im Kino.

Packend verfilmt

Interessant an Filmen wie «Nerve», «Hunger Games» oder «Tomb Raider» ist nicht nur, dass sie weibliche Hauptfiguren haben. Auch die Buchvorlagen und Drehbücher stammen überwiegend von Frauen. Was kein grosses Aufheben wert wäre, wenn Hollywood nicht gefühlte 95 Prozent seiner Energie in männliche Stars, Autoren und Regisseure investieren würde: Die aktuelle Superhelden-Flut ist eine reine Männerdomäne. Bei «Nerve», «Hunger Games» und «Tomb Raider» sitzen zwar auch Männer im Regiestuhl. Aber sie haben immerhin weibliche Perspektiven auf packende Art verfilmt.

Und die Schweiz?

Vom Schweizer Film «Polder» lässt sich solches leider nicht behaupten. Es gibt da zwar ebenfalls eine Heldin. Aber was die tut und warum, bleibt das Geheimnis ihrer männlichen Macher. Und die Abenteuerlust bleibt auf der Strecke. Schade. Wir hätten gerne eine Schweizer Heldin gesehen, die zwecks Selbstbestätigung in attraktiver Spielumgebung Kopf und Kragen riskiert.

Übermässiges Geschwurbel

War da was? Allerdings. Der Film «Polder» sorgte 2013 in Bern für Aufsehen, weil das Beitragsgesuch von der kantonalen Filmförderung abgelehnt wurde. Verdikt: kein Bernbezug. Die Involvierten rebellierten. Jetzt kommt «Polder» (über ein Jahr nach der Premiere in Neuchâtel) in die Kinos. Ohne Berner Beteiligung.

Was soll man nun mit diesem Transmedia-Konstrukt (samt eigener App und Audio-Walks) anfangen? Der Film von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal («Mary & Johnny») handelt von einer Witwe (Nina Fog), die ihrem verschollenen Gatten (Michael Bach) nachforscht. Der hatte ein Game entwickelt, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufhob. Nun taumeln die Witwe sowie Gamekonzern-Programmierer durch ein Raum-Zeit-Dickicht, das vor allem durch seinen Retrostyle auffällt. Was hat der Zuschauer davon? Nicht allzu viel. Es ist, als ob sich der «Polder» am liebsten von Meta-Ebene zu Meta-Ebene hangelte. Das wirkt verkopft statt verspielt, mitfiebern mag man kaum.

War also der damalige Förderentscheid, «Polder» nicht zu unterstützen, richtig? Nun, die Begründung «fehlender Bernbezug» bleibt zweifelhaft. Ehrlicher wäre es gewesen, den Film wegen übermässigen Geschwurbels abzulehnen. (zas)

Polder Der Film läuft bereits im Kino. Für einzelne Vorstellungen wird vor dem Film ein 30-minütiger Audio-Walk angeboten. Dafür benötigt man die App «Der Polder» auf seinem Smartphone und Kopfhörer.

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