Wenn morgen ihr neuster Film «The Hunger Games: Mockingjay Teil 1» in unseren Kinos anläuft, kann man als zynisch empfinden, dass Hollywood uns nur einen halben Film auftischt. Wie schon bei den Kino-Adaptionen des letzten «Harry Potter»- und «Twilight»-Bandes wurde auch die Handlung des dritten und letzten Romans in der «Hunger Games: Die Tribute von Panem»-Reihe auf zwei Filme aufgeteilt. Auf «Mockingjay Teil 2» müssen wir uns noch ein ganzes Jahr gedulden.

Doch dieses künstliche Ausdehnen zwecks finanzieller Gewinnmaximierung hat auch einen grossen Vorteil für uns Zuschauer: Wir können Jennifer Lawrence ein zusätzliches Mal in jener Kinorolle erleben, die sie mit Fug und Recht in den Hollywood-Olymp katapultiert hat. Lawrence ist ein Phänomen sondergleichen. Die 24-jährige Schönheit aus dem US-Bundesstaat Kentucky ist innerhalb von nur vier Jahren vom Nobody zur erfolgreichsten und beliebtesten Schauspielerin Hollywoods aufgestiegen.

Die erfolgreichste Actionheldin

Unter den 200 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten sind die «Hunger Games»-Adaptionen die einzigen, die sich komplett um einen weiblichen Actionhelden drehen. Die Serie wurde kurzzeitig als «Twilight»-Nachahmung verschmäht, hat die Teenie-Vampirsaga aber längst übertrumpft. Im Gegensatz zu Madame «Twilight» Kristen Stewart spielt Jennifer Lawrence nicht das typische «damsel in distress» – also jene Dame, die permanent von starken Männern gerettet werden muss. Lawrences Filmfigur Katniss Everdeen ist eine toughe Überlebenskünstlerin, die selbstständig handelt und ohne Unterstützung des anderen Geschlechts bestens zurechtkommt. Lawrence verkörpert diesen Typ Frau glaubhaft und wird deshalb als ein authentisches Vorbild wahrgenommen.

Und die Zuschauer stehen Schlange. Kein anderer weiblicher Actiondarsteller hat mit seinen Filmen so viel Geld eingespielt wie sie – nicht weniger als 2,6 Milliarden US-Dollar. Laut Forbes ist Sandra Bullock die einzige Frau in Hollywood, die 2013 mehr verdient hat als Jungstar Lawrence.

Klar, es gibt auch andere erfolgreiche Actionheldinnen. Angelina Jolie, Scarlett Johansson und Lucy Liu etwa können ebenso glaubhaft zupacken. Was Jennifer Lawrence von ihnen abhebt, ist, dass sich bei ihr Action und Anspruch die Waage halten. Und im Arthouse-Bereich ist sie ebenso erfolgreich: In den vier Jahren seit ihrem Durchbruch mit dem starken Independentfilm «Winter’s Bone» wurde Lawrence schon drei Mal für den Oscar nominiert. Sie gewann 2013 (als zweitjüngste Frau aller Zeiten) für ihren Wirbelwind-Auftritt als neurotische Witwe in «Silver Linings Playbook». Ihr Stolperer, als sie zur Bühne schritt, um die Statue in Empfang zu nehmen, machte sie nur noch beliebter – genauso ihre lockere Art, mit der sie am selben Abend vor laufender Kamera die Avancen eines angeheiterten Jack Nicholson umschiffte.

Nähe und Natürlichkeit

Ihr grösstes Verdienst ist es, erfolgreich zu sein, ohne Neider zu wecken. Lawrence ist unter ihren Berufskollegen extrem beliebt. Sie gilt als allürenlos und unkompliziert. Und sie schafft es, diese Eigenschaften auf die Leinwand zu übertragen. Lawrence ist nicht etwa mit einer bahnbrechenden Mimik gesegnet. Was sie stattdessen auszeichnet, neben ihrer unbestreitbaren Schönheit, ist ihr natürliches Auftreten. Nie baut sich da Distanz auf zwischen ihr und uns Zuschauern. Statt in eine Rolle zu schlüpfen, wirkt es bei ihr, als spiele sie sich selbst. Lawrence wirkt unvermittelt und nah.

Das mag daran liegen, dass sie nie Schauspielunterricht genommen hat. «Der beste Unterricht ist, echten Menschen zuzuhören und sie zu beobachten», hat sie mal gesagt. Eine Einstellung, die zu ihrem sympathischen Image beiträgt. Jennifer Lawrence ist mehr als das klassische Leinwandschätzchen, sie verkörpert durch diese Nähe den Kumpeltyp, mit dem man gerne abhängen würde.

Damit wir wenigsten so tun können als ob, schauen wir uns «Mockingjay Teil 1» gerne an – auch wenn der Film kein richtiges Ende hat und offensichtlich alle grossen Actionszenen für Teil 2 aufspart. Denn wie Lawrences Filmfigur Katniss darin zu einer medial inszenierten Symbolfigur einer Rebellion wird, beherbergt Momente überraschend griffiger Medienkritik. Und dürfte beim besonders scharfsinnigen Beobachter die Frage aufwerfen, ob nicht auch dieses makellose Image von Jennifer Lawrence ein Stück weit ein Produkt sein könnte.

The Hunger Games: Mockingjay Teil 1 (USA 2014) 125 Min. Regie: Francis Lawrence. Ab morgen im Kino 

Mockingjay 1