Satire

Wie Giacobbo/Müller unseren Alltag geprägt haben

Seit 2008 prägen Viktor Giacobbo und Mike Müller die Schweiz.

Seit 2008 prägen Viktor Giacobbo und Mike Müller die Schweiz.

Es gilt als chic, die SRF-Late-Night-Show nicht zu mögen – Zeit für eine Würdigung.

Viktor Giacobbo und Mike Müller sind die Besten. In der Schweiz. In ihrem Bereich. Ja, das hat auch damit zu tun, dass sie hier die Einzigen in ihrem Bereich sind. Die Schweiz ist keine grosse Late-Night-Nation. Dieter Moor («Night Moor» 1997–1999) und das Duo Roman Kilchsperger/Chris von Rohr («Black’n’Blond» 2005–2006) reichen höchstens für eine Tradition des Misserfolgs. Auch ist die Schweiz nicht das Land der politischen TV-Satire. Es gibt sogar Leute, die behaupten, Humor sei generell keine Stärke dieses Landes.

Es ist deshalb wenig überraschend, dass «Giacobbo/Müller» nie so giftig wie ihr Pendant «Willkommen Österreich», nie so temporeich wie die «heute-show» auf ZDF und nie so zeitgeistig hip, wie «Neo Royal Magazin» (ebenfalls im zweiten deutschen Programm) waren. Aber das ist in etwa, wie wenn man dem Schweizer Bundespräsidenten Johannes Schneider-Ammanns vorwerfen würde, er sei nicht so eloquent wie der ehemalige Pastor und aktuelle deutsche Bundespräsident Joachim Gauck: nämlich unfair.

Teil der Alltagskultur

2016 treten die einzigen TV-Humoristen der Schweiz ab. Unter so genannten Kulturbürgern ist es zu einem Sport geworden, sich darin zu überbieten, wie wenig man «Giacobbo/Müller» schaut. Damit wird man weder der Sendung noch ihrer Bedeutung gerecht. Erstens hatte «Giacobbo/Müller» immer eine Top-Quote. Und wichtiger: Keine der oben genannten Sendungen aus den Nachbarländern hat ihr Land auch nur ansatzweise so geprägt wie «Giacobbo/Müller» die Schweiz.

Figuren wie Hanspeter Burri, Mergim Muzzafer oder Dr. Klöti sind längst Deutschschweizer Allgemeingut. Harry Hasler aus der Vorgänger-Sendung «Viktors Spätprogramm» sowieso. Die Parodien von Roger Schawinski, Toni Brunner oder Mike Shiva sind bekannter als die Originalfiguren. Einen solchen Einfluss auf die Alltagskultur hatten in Deutschland allenfalls Kaliber wie Stefan Raab und Harald Schmidt.

Dazu kommt: «Giacobbo/Müller» waren und sind so etwas wie der Nachbrenner für die Schweizer Kleinkunst. Die Show kann Nachwuchskünstlern einen Schub verleihen wie kein anderes Format in der Deutschschweiz. Weder die Slampoetin Hazel Brugger, noch Fabian Unteregger wären heute so populär ohne «Late Service Public».

Was kommt danach?

Ende 2016 geht die Ära «Giacobbo/Müller» zu Ende. Was kommt danach? Offiziell sagt Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy und Quiz bei SRF: «Über die Programmierung auf diesem Sendeplatz ist noch nicht entschieden.» Hinter den Kulissen gilt es jedoch als ausgemacht, dass «Giacobbo/Müller» eine humoristische Nachfolgesendung bekommt. Viktor Giacobbo sagt im Gespräch mit der «Nordwestschweiz», er hoffe sehr, «dass SRF Mut beweist».

Mutig wäre in diesem Fall eine politisch unbequeme Humor-Sendung.

Erst kürzlich entschied sich die Abteilung Humor und Quiz aber, auf Nummer sicher zu gehen. Sie strich die schweiz-kritische Nummer des deutschen Satirikers Serdar Somuncu aus der Sendung des Arosa HumorFestivals – was ihr prompt Zensur-Vorwürfe des Satirikers einbrachte.

Mit Mut hat man es derzeit nicht einfach am Leutschenbach. Das SRF befindet sich in einer politischen Druckphase, wie selten zuvor in seiner Geschichte. Die politischen Gegner der SRG sind im Parlament im Aufwind. Ihr Vorwurf, der Staatssender sei ein Hort linker Journalisten und Redaktoren, ist allgegenwärtig. Die Nachfolgeregelung von «Giacobbo/Müller» wird zeigen, ob dies Teil eines neuen Kuschelkurses mit den politischen SRG-Gegnern war.

Sünneli dank Late-Night-Show

Dass unbequeme Sendungen der SVP nicht schaden, zeigt «Giacobbo/Müller» exemplarisch. Die grösste Schweizer Partei war immer wieder Ziel ihrer satirischen Attacken. Und trotzdem war die Sendung bei SVP-Politikern beliebt. Denn die leutseligen SVP-Politiker kamen im Interview mit Giacobbo und Müller oft natürlicher rüber, als Politikerinnen und Politiker der Linken. Insbesondere Toni Brunner verdankt sein Image als SVP-Sünneli massgeblich seinen Gute-Laune-Auftritten in der Schweizer Late-Night-Show.

Toni Brunner bei Giacobbo/Müller

Toni Brunner bei Giacobbo/Müller

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1