Intouchables
Wie ein Arbeitsloser einem behinderten Adligen hilft, sich zu vergnügen

Es ist eine wahre Geschichte – von einem reichen Adligen im Rollstuhl und seinem Helfer, einem lebenslustigen Arbeitslosen aus der Banlieue. Es ist aber auch die Geschichte eines Phänomens: Bei seinem Erscheinen von der Kritik eher vernachlässigt, ist die Komödie in kurzer Zeit zu einem Riesenerfolg geworden.

Stefan Brändle, Paris
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17 Millionen Franzosen haben sie schon gesehen, und die Filmstatistiker rechnen damit, dass sie mittelfristig sogar den meistgesehenen französischen Streifen – «Les Cht’is» mit 20 Millionen verkauften Tickets – überrunden dürfte.

«Ich versuche immer noch zu verstehen, was ‹Intouchables› in der Filmhitparade emporschiessen lässt», meint selbst der querschnittgelähmte Philippe Pozzo di Borgo, der die Vorgabe zum Film abgab und über sein Schicksal ein – bedeutend düsteres – Buch schrieb. «Aber vielleicht haben alle Leute eine affektive Behinderung und sagen sich: ‹Schau, da sind zwei Jungs, sie sich aus der Affäre ziehen, weil sie sich auf den jeweils anderen abstützen.› Es ist die Geschichte vom Teilen – in einer Gesellschaft, die ein wenig vergessen hat, was Teilen heisst.»

Der Pariser Co-Regisseur Eric Toledano bekennt, er sei mit seinem Filmprojekt anfangs auf viele Skeptiker gestossen. «Schon bei der Finanzplanung hörten wir, Themen wie Behinderung oder Banlieue flössten nur Angst ein. Wir wussten, dass wir Debatten auslösen würden, wenn wir solche Fragen aufgriffen. Auch wenn es kein politischer Film ist; er schlägt keine Lösungen vor.»

Zementierte Stereotype

Die Debatte wogt in Paris in der Tat hoch – und sie ist sehr politisch. Die gemässigt linke Zeitung «Le Monde» begrüsst den «versöhnlichen» Streifen auch wegen der begeisterten Publikumsreaktionen als «Rezept gegen Le Pen», das heisst gegen die Thesen des fremdenfeindlichen Front National. Die feministische Autorin Marcel Iacub sieht im Film hingegen eine «versteckte Propaganda für die Sozialpolitik von Nicolas Sarkozy», betone doch der französische Präsident immer wieder, jeder Bürger könne unabhängig von seiner sozialen Stellung oder Diskriminierung reüssieren. «Intouchables» unterstreiche nur die Clichés, so etwa wenn der Behindertenhelfer Driss (gespielt von Omar Sy) bei dem Aristokraten Philippe (François Cluset) ein Goldobjekt stehle und moderne Kunstgemälde nur unter dem Aspekt des – horrenden – Kaufpreises anschaue.

Am härtesten geht aber das amerikanische Szenemagazin «Variety» mit dem französischen Publikumsschlager ins Gericht: Dieser bediene «Rassen- und Klassen-Stereotype, Driss sei das «Gesellschaftsäffchen, das dem Weissen hilft, sich zu amüsieren, indem Vivaldi durch Boogie Wonderland ersetzt wird». Die Rolle des Vorstadtjugendlichen hebe sich, so «Variety», «kaum von der Ära der Sklaverei» ab und zementiere so ziemlich alle Stereotype.

Das konservative Pariser Wochenblatt «Valeurs actuelles» kontert, das US-Magazin habe die «spezifisch französische Subtilität der Erzählung nicht erfasst». Diese «Geschichte einer gegenseitigen Erlösung», bei der man so gerne lache, gerade weil es sich um ein ernstes Thema handle, stelle letztlich klassisches Kino dar – mit dem Bonus, dass es sich um eine wahre Geschichte handle. Gemäss Co-Regisseur Toledano erzählten ihm mehrere Behinderte, beim Betreten des Kinos habe sie aus Verlegenheit niemand anzuschauen getraut, nach dem Ende des Films hätten ihnen aber alle anderen Zuschauer die Tür aufgehalten.

Intouchables (Frankreich 2011) 112 Min. Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano. Mit: François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot u.a. Ab 19.1. im Kino.

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