Sie sitzen nach zweieinhalb sexlosen Jahren auf der Couch eines Therapeuten. «Ich liebe meine Frau, aber ich begehre sie nicht», sagt Gianni (Nicola Mastroberardino). «Liebe und Sex, das bringe ich nicht mehr zusammen», sagt seine Frau Nele (Vera Bommer). Ein schönes Paar, mit einem an sich schönen Leben. Job, Fabrikloft, Lebenserwartung, alles gut bei den beiden. Aber irgendwie war früher alles besser und aufregender. Wo sind ihre Träume hin?

Es kommt dann schon zum Sex in dieser Serie. Was vor allem den Nebendarstellern geschuldet ist. Da wäre Clara (Sunnyi Melles): Die 60-Jährige ist sexsüchtig und geht dauernd fremd, mit deutlich jüngeren Männern. Oder Monika, sie hat Mann und Kinder, aber noch nie einen Orgasmus gehabt.

Die Brüste der Hauptdarstellerin Bommer bekommen für SRF-Verhältnisse zwar skandalös viel Sendezeit – anrüchig ist an dieser Serie dennoch nichts. Drehbuchautorin und Regisseurin Güzin Kar hat es geschafft, das Sexualverhalten Schweizer Langzeitpaare liebevoll, witzig und authentisch darzustellen. Ohne in lustlose Klischees zu verfallen – allein dafür gebührt ihr Lob und Preis.

«Seitentriebe», Folge 1:

SRF Play Seitentriebe, Folge 1

Es gehe ihr in der achtteiligen Serie gar nicht um Sex. Der sei nur der Aufhänger, sagt die 46-jährige Aargauerin im Gespräch. «Es geht um Paare in ihren besten Jahren und ihre Sehnsüchte. Menschen, die ein gutes, reiches Leben haben und sich trotzdem in einer Sackgasse fühlen.»

Sehnsucht nach Ausbruch

Wie Nele, die Kunst studiert hat und jetzt im Shoppingcenter Degustierproben verteilt. «Ich wünsche mir mehr Sex und einen besseren Job», sagt sie. Derweil ihr Angetrauter Gianni in der Krise plötzlich Kinder will und sich als Vater schon in der Rolle seines Lebens sieht.

Kars Figuren sagen Sätze, die man sich selbst schon sagen hörte – zumindest im Stillen. Die Serie bietet viel Wiedererkennungspotenzial, wenn nicht mit Gianni und Nele, dann mit Monika und Heinz, dem Paar mit den beiden Söhnen. Sex haben die beiden noch. Die «Sache» dauert allerdings nie länger als ein paar Minuten und irgendwie wissen beide nicht, wie sie in dieses Leben hineingeraten sind. Die Sehnsucht aller Figuren, aus ihrem Alltag auszubrechen, sei es auf dem Gepäckträger eines Töfflis oder im Bett einer Beizenbekanntschaft, ist ansteckend.

«Seitentriebe», Folge 2:

Kar erzählt keine grossen Dramen, sie interessiert sich für die kleinen Geschichten und erzählt sie gross. «Glücklichen Menschen beim Glücklichsein zuzusehen, das interessiert niemanden.» Zwei Jahre lang hat sie an Drehbuch und Film gearbeitet. «Ich wollte etwas Neues machen. Nicht unbedingt thematisch, sondern filmisch neue Wege gehen.»

Das ist Güzin Kar gelungen. «Seitentriebe» ist für eine TV-Serie ungewöhnlich schnell und dicht erzählt. Es gibt komödiantische Elemente, doch der Erzählton ist ernst, fast melancholisch. Eine Folge dauert knapp 24 Minuten: eine bewusste Entscheidung der Regisseurin. «Ich kenne das von mir. Abends mit dem Laptop im Bett oder auf dem Sofa vor dem TV, da sind 50 Minuten schon zu lang. Schnurz und kurz ist besser.» Ein Glück, dass SRF die Serie in Doppelfolgen ausstrahlt. Hat man eine gesehen, will man sofort noch eine sehen.

Zweite Staffel in Arbeit

Die Ästhetik von «Seitentriebe» ist, wie bei vielen neuen Serien zu beobachten, stark ans Arthouse-Kino angelehnt. Sie habe alle Spielszenen mit der Handkamera drehen lassen, erzählt Kar. «Das gibt der Serie einen bewegten Grundton, der für die Unruhe der Figuren steht.»

Tatsächlich braucht «Seitentriebe» Vergleiche mit Netflix-Serien wie «Love» oder «Easy» nicht zu scheuen. Bereits jetzt erhalte sie Anfragen aus dem Ausland für Remakes oder Übernahmen, erzählt Güzin Kar. Ob die Serie eine Fortsetzung erhält, ist jedoch nicht sicher. «Ich schreibe an den Drehbüchern für eine zweite Staffel. Ob es diese geben wird, entscheide nicht ich.» Das entscheiden die Zuschauer mittels Quote und das Stimmvolk am 4. März.

Seitentriebe Jeweils montags, 20.10 Uhr auf SRF zwei.