Solothurner Filmtage

Was heisst festivaltauglich?

Beat Zoderer (l.) und Christian Eisenberger.

Beat Zoderer (l.) und Christian Eisenberger.

Zwei Dok-Filme über Künstler. Aber nur einer wird an den Solothurner Filmtagen gezeigt und bekam Förderung. Eine Nachbetrachtung.

Den «Eisenberger» müsse man sich anschauen, «ein hervorragender Künstlerfilm», sagte Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage, zum Filmredaktor dieser Zeitung. Die Kunstredaktorin ging also hin – und amüsierte sich bestens. Denn der Österreicher Christian Eisenberger ist ein Urviech von einem Künstler, ein Kraftprotz, der an die Grenzen geht – oder darüber hinaus.

Tausende seiner Gemälde und Collagen auf Abfall-Kartons platzierte er in den Strassen, wer wollte, konnte sie mitnehmen. So lernte ihn der Basler Filmer Hercli Bundi kennen und beschloss: Über den drehe ich einen Film. Er begleitete Eisenberger über Monate und bekam treffliches Bildmaterial zusammen.

Wir sehen den Künstler im Atelier mit Farbe arbeiten, gar wüten, sehen, wie er im Wald kunstvoll mit Ästen oder mit eisigem Wasser hantiert, wie er sich mit seiner Galeristin Ursula Krinzinger, der Nummer eins in Österreich, kreativ kabbelt ...

Eisenberger: Kunst muss schön sein, sagt der Frosch zur Fliege (Trailer)

Ein ähnliches Schlüsselerlebnis mit einem Künstler hatte der Zürcher Filmer Jürg Egli. Er sah 2008 die Ausstellung von Beat Zoderer im Haus Konstruktiv in Zürich – und war begeistert, wie der Künstler die Geometrie gleichzeitig nutzt, ironisiert und spielerisch weitertreibt.

Filmreif, fand Egli und begann zu drehen: in der Ausstellung, bei der Produktion in Fabriken, Giessereien und im Atelier. Er hatte dann die verrückte wie einleuchtende Idee, Beat Zoderers Kunst der Musik des Jazz-Pianisten Nik Bärtsch gegenüberzustellen.

Zwischen Kalkül und Zufall (Trailer)

Im Film «Zwischen Kalkül und Zufall» improvisieren Bärtsch und Zoderer gleichzeitig 65 Minuten lang im Atelier des Künstlers. Im Sog und Rhythmus von Bärtschs repetitiven, minimalistischen Tönen wechselt das Bild zum Werk von Zoderer, seiner Entstehung, in die Galerie von Bartha, zur Limmat vor dem Atelier, in ferne Länder und zum Aufbau von Grossskulpturen.

Musik und Bild spielen im gleichen Takt, bei Bärtschs schnellen Kadenzen wird Zoderers Werk durch Tausende Schnitte zum Stroboskop von Mustern, Farben, Eindrücken. Das Seh- und Hörerlebnis fordert die Besucherin, gebannt schaut man zu, nimmt die Einblendung von Farbnummern aus dem RAL-Schema zusammen mit Tagebuch-Zitaten des Künstlers als weitere, geschickt gesetzte Grundstruktur wahr.

Gleich ist nicht gleich

Beide Filme waren in diesen Tagen zu sehen. Hercli Bundis «Eisenberger. Kunst muss schön sein, sagt der Frosch zur Fliege» an den Solothurner Filmtagen. Jürg Eglis «Zwischen Kalkül und Zufall» aber im Wettinger Kino Orient, weil er von den Solothurner Filmtagen nicht angenommen worden war.

«Nicht in Solothurn und auch nicht am Visions du Réel in Nyon», sagte Egli nach der Vorführung. Am Festival International du Film sur l’Art in Montréal dagegen wurde sein Werk zum besten Film-Essay gekürt. «Die Ablehnungen hier haben mich gewurmt», sagt Egli, «ebenso dass wir für den Film keine Förderung von öffentlichen Stellen bekommen haben.» Warum wisse er nicht. «Ablehnungen werden nie begründet.»

Mehr Glück hatte Hercli Bundi: Sein Film über Eisenberger lief nicht nur in Solothurn, prominent im Wettbewerb um den Prix de Soleure gesetzt, sondern wurde auch von vielen Stellen gefördert (u.a. Bundesamt für Kultur, Filmförderungen Zürich, Basel und Graubünden) und hat einen Verleih, der ihn Ende März in die Kinos bringt.

Zwei unterschiedliche Film-Schicksale, die man als Beobachterin nur schwer versteht. Beide Filme sind gut, aber unterschiedlich innovativ. Bundis Werk ist nach dem 08/15-Schema eines Künstlerfilms gestrickt. Zwischen mitreissenden Bildern über die Arbeit des Künstlers werden wie üblich Statements von Sammlern und Kunstgelehrten und der Künstler-Mutter eingespielt: Sie sind überflüssig bis ärgerlich.

Egli dagegen wagt das Experiment: Ein Film ohne ein Wort, getragen einzig von Bärtschs Musik und starken Bildern. Einen solchen Film zu fördern, bedeutet Risiko. Leider ging keine Förderstelle dieses ein.

Warum die Solothurner Filmtage diesen Mut nicht würdigen, ist unverständlich. Über die Zulassungspraxis der Filmtage wie über ihr künftiges Profil wurde dieses Jahr öffentlich und engagiert debattiert. An diesen beiden Filmen könnte man die Diskussion weiterführen.

Eisenberger. Kunst muss schön sein, sagt der Frosch zur Fliege (CH, 94 Min.) R: Hercli Bundi. Ende März im Kino

Zwischen Kalkül und Zufall (CH, 90 Min.) R: Jürg Egli. Kinos: www.zoderer.ch

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