Der Auftritt ist schon mal filmreif: Nicola Mastroberardino tuckert mit seinem Piaggio Ciao durch den Basler Nieselregen, stellt es vor der Cafébar ab, kommt die Glastür hinein, Helm aus, Locken geschüttelt, Kellnerin verzückt. «Dasselbe wie gestern?» Er schüttelt den Kopf. «Dieses Mal einen Kaffee, bitte.» Der Kaffee steht schneller auf dem Tisch, als er sich setzen kann. Ganz der schöne Schauspieler.

Das blöde Klischee verzieht sich glücklicherweise sofort wieder – sobald Mastroberardino den Mund aufmacht. Attitüdenlos geht es um seinen Werdegang, die Zeit an der Schauspielschule, dann Essen, Bochum und schliesslich die Anstellung am Theater Basel, wo ihm das Basler Publikum sofort an den Lippen hängt: Nicola Mastroberardino, der Neuling im Ensemble, spielt in Simon Stones «Engel in Amerika» den homosexuellen Prior – so herzzerreissend sterbend, dass man nach der Vorstellung das Theater flüsternd verlässt. «Hast du das gesehen? Ein Star ist geboren!»

Mit Haut und Haar

Aber der Reihe nach. Geboren ist Nicola Mastroberardino nicht am Theater Basel, sondern in Zürich. Vater italienischer Konsulatsangestellter, Mutter Schweizer Kindergärtnerin. Zum ersten Mal steht er im Gymnasium auf der Bühne, er spielt den Sohn in Gotthold Ephraim Lessings «Der Misogyne». Und merkt sofort: Das will ich werden. Schauspieler. Er sagts seiner Lehrerin, die findets gut, aber warnt: «Pass auf, Schauspieler sein kann man nur mit Haut und Haar.» Mit Haut und Haar? Klingt gut, sagt sich der junge Nicola und bewirbt sich nach RS und Südamerika-Jahr an der Schauspielschule in Zürich. «Ich wusste gar nicht, dass es auch noch andere Schauspielschulen gibt», sagt er heute und lacht. Es gab halt Zürich und da wollte er hin. Und wurde prompt beim ersten Mal genommen.

Ab da war der Weg gelegt: Nicola Mastroberardino würde Schauspieler werden. Es folgten glückliche Jahre in Zürich, man spielte leicht, man fühlte sich als Teil einer Gruppe, man stemmte die Stücke zusammen, zweifelte auch, klar, als Schauspieler immer, aber die Spiellust war da, stark. Danach folgte das Essener Stadttheater, die «etwas eingeschlafene Regionalliga». Hier herrschte wieder bewertungsfreie Zone, man durfte sich ausprobieren, war frei, durfte auffallen.

Stets vor dem Penalty

Nach fünf Jahren in Essen kam der Schnitt: Wechsel ins Stadttheater Bochum. Sprung in die Bundesliga. «Ich fühlte mich in der Zeit wie ein Penaltyschiesser», sagt Mastroberardino. «Du hast diesen Ball vor dir, und die ganze Arena um dich herum. So viele Erwartungen. Du versuchst dich zu konzentrieren, alles auszublenden, du weisst: Du musst diesen Ball jetzt einfach treffen.» So fühlte sich die Zeit in Bochum an.

2014 dann wieder eine Wende: In Basel sucht Andreas Beck Schweizer Schauspieler für sein Basler Ensemble. Mastroberardino und seine Frau haben eh vor, mit den beiden Kindern zurück in die Schweiz zu ziehen, also geht er ans Vorsprechen in Wien, obwohl er so gar nicht der Vorsprechtyp ist («Theater lebt so fest von den Begegnungen, von der Zeit, die man miteinander ins Stück investiert, dass es total absurd ist, 20 Minuten lang alleine zu zeigen, was man draufhat»). Er hat sich kaum umgezogen, da kommt schon Andreas Beck in seine Garderobe: «Ich nehme dich mit nach Basel.»

Das ist jetzt vier Jahre her, aktuell spielt Mastroberardino den Woyzeck, inszeniert von Ulrich Rasche. Das bedeutet: Drei Stunden lang Schweiss und Leid auf der Drehscheibe, so heftig, dass es selbst dem zähsten Zuschauer ein Stöhnen abverlangt. Und so überzeugend, dass «Woyzeck» dieses Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Nicht nur im Theater läufts für Nicola Mastroberardino rund: Ab 26. Februar ist er in «Seitentriebe» zu sehen, einer SRF-Serie, geschrieben und konzipiert von Drehbuchautorin Güzin Kar. Darin spielt er den frustrierten Gianni, dessen Sexleben in seiner zehnjährigen Beziehung mit Nele (Vera Brommer) eingeschlafen ist. Die beiden suchen nach Lösungen, jeder für sich auf einem Seitensprungportal. Unglücklicherweise auf dem gleichen.

Das ist lustig, aber eigentlich nur der Storydriver für eine viel tiefere Angelegenheit: «Seitentriebe» erzählt vom Biotop Agglomeration und den Befindlichkeiten, die sich in einem solchen Kosmos zusammenbrauen. «Halt dieses Metro, Boulot, Dodo-Verhalten.» Mastroberardino kennt es, er ist selbst in der Zürcher Agglo aufgewachsen. «Diese Art zu leben hat etwas extrem Trauriges, aber wenn man an sich arbeitet und sich traut, Missstände zu benennen, sich ehrlich fragt: Was interessiert mich, wo geht es hin – das finde ich eine wunderschöne Art, zu leben.»

Der Kaffee ist leer, noch eine letzte Frage: Von der Agglo auf die nationalen Bildschirme und Bühnen – was macht das mit einem? Er lacht. «Die Brötchen müssen am nächsten Morgen trotzdem geschmiert sein.» Sagts und schwingt sich auf sein Piaggio Ciao. A presto!