Berlinale

Vom Flüchtling zum streitbaren Popstar – die bewegte Geschichte der Rapperin M.I.A.

Als Teenager filmte sich die britische Popsängerin M.I.A. ständig selbst. Sie wollte Filmemacherin werden. Cinereach

Als Teenager filmte sich die britische Popsängerin M.I.A. ständig selbst. Sie wollte Filmemacherin werden. Cinereach

Ein Dokumentarfilm zeichnet die bewegte Geschichte der Rapperin M.I.A. nach — intimer, als ihr lieb ist.

Dicke Luft in Berlin. Die britisch-tamilische Rapperin M.I.A. besuchte das Filmfestival, um den neuen Dokumentarfilm «MATANGI / MAYA / M.I.A.» zu promoten. Einfach fällt ihr diese Aufgabe nicht. Der Film von Regisseur Steve Loveridge zeichnet ihre Geschichte vom Flüchtling zur internationalen Popsensation nach. Sie aber hatte sich den Film ganz anders vorgestellt.

«Ich war geschockt», sagt M.I.A., die mit bürgerlichem Namen Mathangi (kurz: Maya) Arulpragasam heisst, im Interview kurz nach der Filmpremiere. «Da sind Sachen drin, die nicht einmal meine Eltern über mich wissen. Es gibt einiges, das Steve und ich noch ausdiskutieren müssen.» Der Regisseur sitzt beim Interview direkt neben ihr. Eine gewisse Anspannung ist spürbar.

Die Stimme der Stimmlosen

M.I.A. erzählt, dass sie lange davon ausgegangen sei, dass Loveridge eine Art Tourbericht drehen würde. Stattdessen taucht seine 95-minütige Dokumentation tief in ihre Biografie ein und beginnt lange, bevor M.I.A. ihren multiethnischen Sound zwischen Ost und West schuf, 2004 mit «Galang» ihren ersten Hit landete und zur Stimme einer stimmlosen Immigranten-Generation wurde.

Der Film zeigt das elfjährige Mädchen, das sich auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern in London niederlässt. Er zeigt die schwierige Beziehung zu ihrem Vater, der die Familie lange vernachlässigt hat, um eine Splittergruppe der Tamil Tigers im Bürgerkrieg anzuführen. Ihr Bruder schämt sich dafür, doch M.I.A. sagt: «Dank ihm sind wir stark und unabhängig.» Der Film zeigt auch ihre Freundschaft zur Sängerin der Britpop-Band Elastica – und den Moment, als M.I.A. merkt: «Sie hatte zwar ein Mikrofon, aber nichts zu sagen.»

Es sind erhellende Szenen. Und M.I.A. hat diese allesamt selbst aufgenommen. Die Musikerin wollte damals noch Dokumentarfilmerin werden. Beim Studium an der Central Saint Martins Kunstschule in London lernte sie 1995 Loveridge kennen, die beiden wurden enge Freunde. «Ich fand ihre Geschichte schon spannend, bevor sie ein Star wurde», sagt Loveridge.

Auf der Höhe ihres Erfolgs begleitete Loveridge M.I.A. 2009 auf ihrer grossen Tournee durch die USA. Die Musikerin war für den Emmy (für «Paper Planes») und den Oscar (für «O... Saya» aus dem Film «Slumdog Millionaire») nominiert, schwanger und mit dem reichen Unternehmer Benjamin Bronfman liiert. Loveridge bat seine Kollegin auch um das selbst gedrehte Filmmaterial aus ihrer Jugend – über 700 Stunden. Dann zog er sich zurück – und liess jahrelang nicht mehr von sich hören. «Ich brauchte diese Distanz, denn es ist nicht einfach, einen Film über einen Freund zu drehen», erklärt er.

M.I.A. fand diese Funkstille gar nicht lustig, sagt sie, denn sie machte damals eine schwere Zeit durch. Mit zunehmender Berühmtheit geriet sie immer stärker ins mediale Kreuzfeuer. Kritisiert wurden ihre Songtexte, die von den Lebensumständen von Immigranten und dem Krieg in ihrem Heimatland erzählen, aber auch Videos wie jenes zu ihrem Song «Born Free». Darin ist zu sehen, wie junge rothaarige Männer hingerichtet werden. Als Youtube den Clip entfernte, fragte M.I.A. auf Twitter: «Warum wird das gelöscht, während Videos von Terroristen, die echte Menschen hinrichten, immer noch überall zu finden sind?»

Mittelfinger in die TV-Kamera

M.I.A. liess kaum eine Gelegenheit aus, ihre politischen Ansichten kundzutun. «Ich wurde in Talkshows eingeladen, aber keiner wollte hören, wie ich über explodierende Babys spreche. Musik ist heute ein reines Kommerzprodukt. Da ist kein Platz für streitbare Popstars.» Als sie 2013 während ihres Auftritts beim Superbowl den Mittelfinger in die Kamera streckte, wurde das zum nationalen Skandal.

M.I.A. mag mit Loveridges Film ihre Probleme haben, doch er kommt ihrem Ruf zugute. Denn er zeigt, was hinter der konstanten Provokation steckt: eine engagierte Künstlerin, die den Finger auf Ungerechtigkeiten legt, statt sich von diesen lähmen zu lassen; eine Frau, die mit kleinen Mitteln Grosses bewirkte. «Maya hat diese Gabe, negative Erlebnisse in etwas Positives umzuwandeln», sagt Loveridge. «Das habe ich immer schon an ihr bewundert.» Da gibt sich selbst M.I.A. versöhnlich: «Steve lässt mich im Film normaler erscheinen, als ich oft rüberkomme. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht.»

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