Kino

Vom Bürgerkrieg in die Ausgrenzung

Dheepan und seine «falsche» Tochter bauen nach ihrer Flucht aus Sri Lanka eine Beziehung auf, die Halt in einem erdrückenden Umfeld vermittelt. Filmcoopi

Dheepan und seine «falsche» Tochter bauen nach ihrer Flucht aus Sri Lanka eine Beziehung auf, die Halt in einem erdrückenden Umfeld vermittelt. Filmcoopi

«Dheepan» zeigt das Leben dreier Tamilen nach der Flucht aus dem Bürgerkrieg. Das bewegende Drama wurde an den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldene Palme ausgezeichnet.

Die Sonne scheint, Menschen arbeiten unter Palmen und schichten Holz auf. Dann der Schock: Auf dem Stapel sind auch Leichen. Nach dem Verbrennen bleiben nur rauchende Knochen übrig. Sie stammen von den Opfern des Bürgerkrieges, der von 1983 bis 2009 in Sri Lanka herrschte. Sivadhasan (stark: Antonythasan Jesuthasan) ist unter jenen, die auf diese grausame Weise von den eigenen Truppenkameraden und Familienmitgliedern Abschied nehmen müssen. Selbst wenn sie nur in wenigen Szenen angerissen ist, schockiert die Erbarmungslosigkeit des Krieges.

Flucht in die Perspektivlosigkeit

Sivadhasan will fliehen und wechselt dafür die Identität: Er wird zu Dheepan. Yalini und Illayaal, die er beide noch nie gesehen hat, geben vor, seine Frau respektive Tochter zu sein, weil das die Aufnahme in Europa erleichtert. In einer Banlieue von Paris wird Dheepan Hausmeister in einem baufälligen Häuserblock. Überall liegt Müll. Afrikaner in XXL-Pullovern tauschen Drogen gegen Geld. Auch wenn sich Dheepan dem Drogenhandel verweigert, muss er mit seiner neuen Familie das kriminelle Umfeld aushalten.

Lange, ununterbrochene Sequenzen zeigen ein trostloses Frankreich, das nichts mit Montmartre und Eiffelturm zu tun hat. Geschickt werden die grauen Bilder kontrastiert mit Dheepans Träumen von Palmen und Elefanten, den schönen Seiten seiner Heimat. Durch die Gegenüberstellung vermittelt der Film eindrücklich, wie unbefriedigend der perspektivlose Neuanfang für die Immigranten ist. Die lauernde Depression wird durch die langsame Frequenz der Schnitte fühlbar.

Wiederholt taucht das Gefühl des Fremdseins und das Ankämpfen dagegen auf. Dheepan will Yalini dazu bringen, «gleich zu sein wie die Leute hier». Auch ihm fällt das nicht leicht. Er sagt, er verstehe den französischen Humor nicht, denn er findet die Witze der Araber nicht lustig. Dem Film gelingt es, in nur zwei Szenen zu erklären, dass sich die Neuankömmlinge integrieren wollen — und sich in eine Parallelgesellschaft der Immigranten eingliedern. Frankreich ist derart segregiert, dass es in der Banlieue keine Franzosen gibt, die vorleben könnten, worin eine europäisch geprägte Kultur besteht, in die sich die Flüchtlinge integrieren sollen, wie oft gefordert wird. Beeindruckend, mit welch minimalen Mitteln «Dheepan» davor warnt, die Komplexität von Integration zu unterschätzen.

Nachdruck durch Ruhe

Der Film des französischen Regisseurs Jacques Audiard («Un prophète») überzeugt inhaltlich und schauspielerisch, aber er zeichnet sich auch durch seine unaufgeregte Beobachtung aus. Oft folgt die Kamera ganz schlicht den Figuren; gerade in der Mitte enthält der Film wenige «spektakuläre» Szenen – der Verzicht auf sensationslustige Action verleiht dem Film eine umso erschütterndere Wirkung. Er entwickelt eine unglaubliche Intensität, denn es ist klar, dass das Gesehene nicht das Fazit, sondern die Ruhe vor dem Sturm darstellt. Er tritt ein, als im Drogenmilieu Gewalt ausbricht. An den Filmfestspielen von Cannes wurde «Dheepan» mit der Palme d’or belohnt. Dem Preis wird nachgesagt, er honoriere neben filmischer Exzellenz auch Sozialkritik und die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen — was läge näher als die Flüchtlingskrise?

Dheepan (F 2015) 109 Min. Regie: Jacques Audiard. Ab heute im Kino.

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