Kino

«Victoria»: Kein Schnitt und trotzdem ein packender Thriller

Vier Uhr morgens: Victoria lernt vor einem Club Sonne und Boxer kennen.

Vier Uhr morgens: Victoria lernt vor einem Club Sonne und Boxer kennen.

Der Film «Victoria» ist eine einzige lange Kamerafahrt – ohne Schnitt, ohne Tricks, nur eine einzige Einstellung. Der Filmt hatan der Berlinale abgeräumt und wird wohl noch weitere Preise einheimsen.

«Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich Lust hätte, einmal eine Bank zu überfallen», antwortete der Deutsche Regisseur Sebastian Schipper auf die Frage, wie er auf die Idee für «Victoria» gekommen sei. Er sei aber kein Bankräuber, sondern ein Filmemacher – ein Filmemacher auf der Suche nach dem wahren Erlebnis. «Wir überlegten uns, wie ein Film sein müsste, um das Gefühl eines Raubüberfalls rüberzubringen», erklärte Produzent Jan Dressler.

Dem Filmteam ging es um Schnelligkeit und Direktheit, es wollte jede abstrahierende Massnahme vermeiden. Schipper beschloss, einen ganzen Spielfilm in nur einer Einstellung zu drehen – ohne Schnitt, ohne Überblendung, ohne Tricks.

136 Minuten am Stück

Ein Wagnis, an dem sich seine Vorgänger bisher die Zähne ausgebissen haben: Alfred Hitchcock musste in seinem experimentellsten Film, «Rope» (1948), trotz langer Einstellungen auf wenige Schnitte zurückgreifen. Der russische Filmemacher Alexander Sokurow produzierte mit «Russian Ark» (2002) zwar einen über 90 Minuten langen One Take, doch nahm er die Tonspur getrennt auf. Und der Mexikaner Alejandro Iñárritu griff bei «Birdman» (2014) ganz bewusst tief in die digitale Trickkiste, um den Eindruck einer spielfilmlangen Einstellung zu erwecken.

Nicht grundlos bedienen sich Filmemacher raffinierter Kniffe im Schnittstudio – der logistische Aufwand für einen One Take ist enorm. Angefangen bei den Drehorten, die nah beieinander liegen müssen, um lange Fahrten zu vermeiden, bis hin zu unwissenden Passanten, die den ganzen Film ruinieren können. Denn es braucht nur einen Fehler und der Dreh geht von vorne los.

Ist es ein guter Film?

Sebastian Schipper hat es geschafft: 136 Minuten lang ist die Einstellung, die sein norwegischer Kameramann Sturla Brandth Grøvlen an einem Stück aufgenommen hat. Ganz ohne nachträgliches Basteln ging es dann aber doch nicht: Zwar wurde der Ton original aufgenommen, doch fügte Schipper an manchen Stellen Musik hinzu. So wird eine längere Liftfahrt dramaturgisch musikalisch gekonnt überbrückt, und einer ausgelassenen Feier in der Disco schauen wir plötzlich wie aus der Ferne zu, als der hämmernde Originalsound von ruhiger Filmmusik abgelöst wird.

Alles dreht sich um dieses kleine Wunder der Filmtechnik, um den neuen Rekord einer ungeschnittenen Kamerafahrt. Dabei geht aber eine wichtige Frage unter: Ist es ein guter Film? An der Berlinale holte Schippers Werk gleich drei Auszeichnungen, unter anderem den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung. Und für den Deutschen Filmpreis, der am Donnerstag verliehen wird, ist «Victoria» in sieben Kategorien nominiert – zu Recht.

Psychedelisch hämmernder Bass, flimmerndes Stroboskop und schemenhafte Umrisse tanzender Menschen – mitten darin tanzt die Spanierin Victoria (Laia Costa). Sie gönnt sich noch einen letzten Schnaps, bevor sie den Heimweg antreten will. Vor dem Club trifft sie auf vier Berliner Jungs, es herrscht angeheiterte Sympathie. Gerade dann, wenn die Nacht schon zum frühen Morgen wird, wenn das Feiern scheinbar vorbei ist, beginnt die Geschichte. In diese fühlt sich die Zuschauerin sofort hineingesogen – sie verliert sich in den scheinbar oberflächlichen, angetrunkenen Gesprächen der Gruppe. Nach und nach lernen sich die Protagonisten untereinander kennen, häppchenweise schliesst auch das Publikum Bekanntschaft mit den Figuren. Es wird nie langweilig, obwohl – oder gerade weil – kein überflüssiges Wort weggeschnitten wird. Der Film versprüht Realität, scheint einfach Alltag zu sein, und ist dann doch Kino durch und durch.

Sehr plötzlich wird aus der harmlosen Begegnung ein ernster Thriller: Die Jungs geraten in kriminelle Machenschaften und Victoria muss kurzfristig als Fahrerin einspringen. Durch ihre Augen verfolgen wir die Ereignisse, verspüren das Kribbeln im Bauch, wenn sie waghalsig über die Brüstung eines Hochhauses klettert und werden selbst ganz nervös, wenn der Fluchtwagen plötzlich nicht mehr anspringen will.

Victoria, (D 2015) Regie: Sebastian Schipper, ab Donnerstag im Kino. 

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1