Coronakrise

Verschobene Starts und vor Viren nicht gefeit: Bei den Kinos stehen die Zeichen auf Alarm

Beginnt bald das grosse Kinosterben?

Beginnt bald das grosse Kinosterben?

Von wegen virenfreie Zone: Ein Papier des Bunds warnt vor Kinos fast ebenso wie vor Club-Besuchen. Nun zeigt sich: Schweizer Kinobetreiber stecken in einer Zwickmühle.

In einem Kinosaal herrscht ein gleich hohes Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken wie in einer Bar oder in einem Club. Zu diesem Schluss kam der Bund, als er die Risiken der Lockerungsschritte für Restaurants, Clubs, Demos und Kinos verglich.

Die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus? Hoch. Die Gefahr schwerer Covid-19-Krankheitsverläufe? Hoch. Gesamtrisiko­score? 13 auf einer Ungünstigskala bis 16. Das Papier wurde diese Woche publik, nachdem es ein Informatiker mit Berufung auf das Öffentlichkeitsgesetz vom Bund verlangt hatte.

Bei den Clubs sollten sich die Warnungen in den letzten Tagen bewahrheiten. Unter den Ausgehschuppen fungierten einige als regelrechte Virenschleudern. Anders die Kinos: Noch kein einziges geriet in Verruf, das Virus wäre unter Besuchern zirkuliert.

Und doch ist die schlechte Prognose für Kinos nachvollziehbar: Stellen Sie sich eine ausverkaufte «Bond»-Premiere vor, das Foyer rappelvoll, der Saal bis auf den letzten Sessel gefüllt, Mensch an Mensch, dicht gedrängt – und das über zwei Stunden in einem geschlossenen Raum. Idealbedingungen für das Virus.

Eigentlich. Denn ausverkaufte Premieren gehören zurzeit eben gerade nicht zum Bild. Das Schutzkonzept erlaubt es Kinos, nur gut die Hälfte der Plätze zu besetzen. Das und die Risikoanalyse des Bunds zusammen bilden das Fundament der Zwickmühle, in der die Kinobranche steckt:

Mehr Leute dürfen nicht hereingelassen werden, weil die Kinos so zu Virenschleudern werden könnten. Dürfen sich aber nicht mehr Leute einen Film gemeinsam ansehen, so rücken die rettenden Blockbuster in weite Ferne.

Was der neue «Bond» mit diesem Dilemma zu tun hat

Die Studios halten Blockbusters zurück, solange sie wegen der Schutzmassnahmen nicht genug einspielen können. Dafür gibt es Evidenz: Die Hoffnungen der Kinobetreiber zu Beginn der Lockerungen lagen in Christopher Nolans neuem Film «Tenet» sowie in Disney’s «Mulan». Beide haben Kassenschlager-Potenzial und waren von ihren Studios für Juli angekündigt worden. Dann aber wurden beide Filme in den August verschoben. Doch auch dieser Termin steht in den Sternen.

Womit wir wieder bei «Bond» wären. Er wurde wegen des globalen Lockdown vom Frühling in den Herbst verschoben. Auch hier ist der Termin fraglich.

Im Herbst aber wird manchen Kinos langsam der Schnauf ausgehen. Mit wem man auch spricht in der Branche: Alle zeigen sich besorgt, bei manchen macht sich Alarmstimmung breit.Frank Braun von der Zürcher Neugass Kino AG, die in Luzern das Bourbaki betreibt, sagt:

Und damit landeten die Kinos mitten im Sommer, in dem ohnehin Flaute herrscht.

Dabei verbreitet der Dachverband Procinema dieser Tage Zweckoptimismus. Die Zahlen nach der Wiedereröffnung seien überraschend positiv ausgefallen, schrieb er. Und verschwieg, dass die Zahlen in der Zwischenzeit schweizweit in den Keller gefallen sind. Manche Kinobetriebe nennen Einbussen von einem Drittel bis zur Hälfte, verglichen zur Vorjahresperiode.

Kinosterben oder eine gute Nachricht zum Schluss?

Frank Braun von der Zürcher Neugass-Kette prognostiziert ein richtiggehendes Kinosterben in den beiden nächsten Jahren. So weit wollen nicht alle gehen, aber dass die Kinolandschaft in zwei Jahren anders aussieht als vor Corona, ist wahrscheinlich.

Hinzu kommt: Die Kinos stehen wegen des ­Streamings schon ohne Corona unter gewaltigem Druck. Nächste Woche wird ein neuer Film mit Tom Hanks lanciert. In «Greyhound» geht es um die Atlantikschlacht während des Zweiten Weltkriegs. Ein Film, der auf die grosse Leinwand gehört und das Zeug zum Blockbuster hat. Wo aber gibt es ihn zu sehen? Richtig, auf dem iPhone zum Beispiel, mittels Streamingdienst Apple TV+.

Eine gute Nachricht aber noch zum Schluss: Die besagte Risikoanalyse des Bunds berücksichtigt die angewandten Schutzkonzepte nicht. Und so findet das Virus in den Kinosälen derzeit nicht ideale Bedingungen vor. Zu gross sind die Sicherheitsabstände zwischen den Gästen, zu klein die Ansammlungen im Foyer. Also liegt das Risiko, sich während einer Filmvorführung in einem Kino mit dem Coronavirus zu infizieren, wohl eher tief.

Das dünnbesetzte Kino als Refugium vor dem Coronavirus? Vielleicht ist das eine Chance. Und sollte all jenen zu denken geben, die auf gleich lange Spiesse für Kinos wie Clubs pochen und eine Lockerung der Schutzmassnahmen im Kino fordern. Denn noch gelten Kinos als virenfrei, ein Superspreaderfall wie bei den Clubs aber wäre toxisch für eine Branche, die von einem älteren und damit risikoaffineren Publikum lebt als die jüngere Clubszene.

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