Max Hubacher ist ein ruhiges Gegenüber. Mit überschlagenen Beinen sitzt er im Sitzungszimmer von suissimage in Bern und erzählt in seinem Stadtbernerdialekt. Die Bühne kennt er schon lange, im Alter von 7 Jahren stand er zum ersten Mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Bekannt wurde er durch seine Rolle in «Der Verdingbub». Der Film von Markus Imboden wurde in sechs Kategorien für den Schweizer Filmpreis «Quartz» nominiert, unter anderem als «Bester Film». Max Hubacher, der gefeierte Jungschauspieler, meint, so gross sei das alles gar nicht. Gutschweizerische Bescheidenheit? Auch. Mehr aber eine erstaunliche Professionalität des 18-Jährigen. Die Schauspielerei ist ihm nicht ein hollywoodblau bemaltes Himmelbett, sondern ein Beruf, der nicht einfach zu bewältigen ist. Um sich auf dem Markt zu positionieren, braucht es Geduld, Können und Glück.

Ein trauriges Stück Schweizer Geschichte: Trailer zum Film «Der Verdingbub»

Max Hubacher in «Verdingbub»

Max Hubacher – wie sind Sie mit der Schauspielerei in Kontakt gekommen?
Max Hubacher:
Angefangen hat es mit Kindertheater. Seit der zweiten Klasse habe ich jedes Jahr mitgemacht. Mit etwa 70 Kindern ist es jeweils ein Riesending geworden auf dem Spielplatz Schützenweg in Bern. Dadurch kam ich in den Jugendclub des Schlachthaus Theaters. Und dort wurde ich auf die Ausschreibung für die «Stationspiraten» aufmerksam.

Und schon waren Sie beim Film?!
Es ist natürlich nicht so, dass ich auf einen Schlag in der Filmwelt drin war. Es hat immer mit Glück zu tun, ob man eine Rolle bekommt. Jemand kann noch so gut sein, wenn er nicht in die Idee des Regisseurs passt, klappt es nicht. Und da habe ich bis jetzt viel Glück gehabt.

Ist das Ihr Traumberuf, Schauspieler?
Ja. Früher war es eher ein Wünschen, aber jetzt möchte ich es wirklich.

Sind Sie das denn noch nicht?
Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass es in Zukunft funktionieren wird und ich davon leben kann. Deswegen mache ich jetzt auch die Schule als Absicherung. Aber es gibt keinen Plan B.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien nicht Schauspieler, sondern Laiendarsteller und Schüler. Sehen Sie das immer noch so?
Ja, natürlich. Ich bin kein professioneller Schauspieler, ich lebe nicht davon und ich habe keine Schauspielschule gemacht.

In «Der Verdingbub» haben Sie das Publikum beeindruckt durch Ihre Darstellung von Max. Aufgefallen ist Ihr ausgeprägtes Körperspiel, die Haltung, Gestik und Mimik, bis in winzige Details. Konnten Sie da auf Erfahrung zurückgreifen?
Nützlich war sicher die Arbeit im Jugendtheaterclub. Wir machen oft Statusspiele. Wie sitzt ein Boss auf dem Stuhl, wie bewegt sich ein Bewerber? Der Status äussert sich in der Körperhaltung. Ich habe mir überlegt, wie es einem Menschen gehen kann, dem ständig gesagt wird, er bringe es zu nichts, der immer Angst hat, dass er bestraft wird. Hinzu kommt, dass Max fast nicht zu Wort kommt. Seine Gefühle äussern sich eher durch Körpersprache, etwa im Gesicht. Er kann nie jemanden länger anschauen. Wenn die Aufmerksamkeit einmal auf ihn fällt, dann kann er fast nicht damit umgehen.

Können Sie sich mit Seiten von Max im Film identifizieren?
Manchmal ist da vielleicht eine gewisse Unsicherheit, mit der ich mich identifizieren kann. Ich kann ihn verstehen. Indem ich ihn spiele, bin ich ein Stück weit er selbst. Damit will ich nicht sagen, dass ich weiss, wie es den Verdingkindern gegangen ist.

Sind Sie ehemaligen Verdingkindern begegnet?
Ja, vor allem bei der Premiere des Films. Die Meinungen waren gespalten. Jemand sagte mir, er hätte es gut gehabt bei seiner Familie. Jemand anders meinte, er wäre froh gewesen, wenn er so gut hätte schlafen können wie Max im Schweinestall. Was mich aber meisten beschäftigt hat, war die Angst, dass ehemalige Verdingkinder sagen könnten: «Es ist ganz anders gewesen. Du hast keine Ahnung, was wirklich passiert ist. Und jetzt hast du noch Erfolg damit!»

Wie hätten Sie auf so einen Vorwurf reagiert?
Ich könnte das verstehen. Man spielt ein wahres Schicksal nach und hat vielleicht noch ein bisschen Erfolg damit – das ist schon ziemlich seltsam. Zum Glück sagte niemand so etwas.

Sie haben gesagt, dass Sie zeigen möchten, wie es wirklich war. Möchten Sie auch etwas Politisches transportieren?
Ehrlich gesagt, habe ich mir im Vornherein nicht überlegt, was ich genau aussagen möchte. Wenn ich jetzt sehe, was der Film ausgelöst hat, finde ich es super, dass diese Gräuel endlich zur Sprache kommen. Das Thema Verdingkinder ist lange ein Tabu gewesen. Bis vor dem Casting habe ich nichts davon gewusst, trotz elf Jahren Geschichtsunterricht.

Nun sind Sie Shootingstar an der Berlinale, werden eine Menge Vorstellungsgespräche, Präsentationen, Hearings haben – wie stehen Sie dem gegenüber
Ich freue mich wirklich sehr darüber, aber es ist ziemlich stressig zurzeit. Ich bin im letzten Semester der Fachmittelschule, muss die Abschlussarbeit in einer Woche abgeben, die Abschlussprüfungen finden noch diesen Sommer statt.

Wie sehen Sie der Berlinale und Ihrer Rolle als Shootingstar konkret entgegen?
Ich freue mich extrem, aber ich bin sehr nervös, weil ich weiss, dass es eine einmalige Chance sein kann, die ich nicht vermasseln sollte. Gleichzeitig weiss ich nicht, wie ich sie nicht vermassele. Es ist auch ziemlich schwierig, sich auf etwas vorzubereiten, wenn man gar nicht weiss, worauf man sich vorzubereiten hat.

Wie hat sich Ihr Leben verändert ?
Die grundlegenden Sachen haben sich gar nicht gross geändert. Es ist einfach mehr Stress vorhanden und ich auferlege mir einen gewissen Druck, dass ich einen guten Eindruck hinterlassen muss oder dass ich keine falschen Dinge sage – was auch immer richtig oder falsch ist.

Sie seien froh, nicht in der Zeit der Verdingkinder zu leben, haben Sie einmal gesagt. Das Problem Jugendlicher, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden, sei heute aber sehr ähnlich.
Ich denke, das Problem liegt daran, dass heute alles so stark strukturiert ist. Hinzu kommt, dass auch der Bildungsweg extrem leistungsorientiert ist. Früh wird man in Schubladen gesteckt. In der 8., 9. Klasse musst du dich entscheiden, was du machen willst. In diesem Alter wissen die meisten einfach noch nicht, was sie später arbeiten wollen. Und gleichzeitig hast du so viele Möglichkeiten, dass es schon fast zu viel ist. So wird es schwierig, seinen Platz zu finden.

Einerseits sind ganz klare Strukturen zu erfüllen und gleichzeitig war man noch nie so frei. Ist das der Zwiespalt, den Jugendliche aushalten müssen?
Ja genau. Auch, dass es extreme Vorgaben gibt, was man wie machen muss. Und da versteh ich es auch, wenn viele Jungen anfangen zu rebellieren. «Ich will mich jetzt mal nicht immer darauf achten, was ich tun sollte. Ich will jetzt einfach mal machen, ohne immer die Konsequenzen zu überlegen.»

Wie sieht Ihre Agenda aus in den nächsten Monaten?
Momentan hat die Schule oberste Priorität. Die ist in einem halben Jahr durch und dann kann ich mich auf andere Sachen konzentrieren. Im nächsten Herbst, Winter werde ich auch die Aufnahmeprüfung an einigen deutschen Schauspielschulen probieren.

Dann haben Sie also noch einige Monate Ferien nach dem Schulabschluss?
Genau, das ist eine Art Zwischenjahr, in dem ich noch ein Praktikum mache für die Fachmatur. Dann vielleicht einen Sprachaufenthalt in England und sonst einfach «chille».