Solothurner Filmtage

«Umdenken ist tatsächlich realisierbar»: Solothurner Dok-Film setzt Zeichen für fairen Handel

In Nino Jacussos neuem Dok-Film «Fair Traders» macht Biobäuerin Claudia Zimmermann aus Küttigkofen mit. Der Film steigt an den kommenden Solothurner Filmtagen ins Rennen um den «Prix de Soleure».

Filmemacher Nino Jacusso kauft sein Gemüse, das Fleisch und die Milch im Bioladen in Küttigkofen ein. Besitzerin Claudia Zimmermann bedient ihn, wie jeden anderen ihrer Kunden. Und doch haben die beiden seit 2017 ein besonderes Verhältnis zueinander, denn in Jacussos neuem Dok-Film «spielt» die Biobäuerin eine wichtige Rolle.

«Fair Traders» heisst der neueste Film des Solothurner Filmemachers, der im 270 Seelen-Dorf Küttigkofen im Bucheggberg lebt. Jacusso berichtet, wie er nach seinem grossen Erfolg mit dem Jugendspielfilm «Shana» darauf gekommen ist, einen Dok-Film über die Thematik des fairen und nachhaltigen Handels zu drehen. «Bei den vielen Filmvorführungen für Jugendliche mit ‹Shana›, wurde oft diskutiert. Immer wieder wurden dabei Fragen über die Zukunft unserer Welt gestellt und ich realisierte, dass sich viele junge Leute grosse Sorgen um die Umwelt, die Ungerechtigkeit und die sozialen Probleme der Menschheit machen. Wer steht noch für unsere Welt ein? Diktiert nur noch der Konsum und ein rücksichtsloser Kapitalismus unsere Welt?».

Solche Gedanken veranlassten ihn, darüber zu recherchieren, wer und wo in der Welt sich dem fairen Handel verschrieben hat. Jacusso fand drei Unternehmen, die ihn mit ihren Ansätzen positiv überraschten: «Porträtiert werden im Film ein Unternehmen, welches international tätig ist, eines das national arbeitet und ein lokales Geschäft».

So zeigt er das Unternehmen Remei AG von Patrick Hohmann aus Rotkreuz, das fair mit Bio-Baumwolle aus Tansania und Indien handelt; er porträtiert die Augsburgerin Sina Trinkwalder, die mit dem Textilunternehmen «manomama» und ihren 150 Angestellten Textilien herstellt und verkauft. Sie sagt: «Lass uns doch etwas machen, wo wir Menschen, die sonst jede Firma ablehnt, eine Chance geben, ihren eigenen Erwerb zu erwirtschaften und damit wieder Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen».

«Der Film soll Mut machen»: Nino Jacusso erklärt, worum es in seinem Film «Fair Traders» geht

«Der Film soll Mut machen»: Nino Jacusso erklärt, worum es in seinem Film «Fair Traders» geht

Das Naheliegendste

Und dann wird noch Claudia Zimmermann, Biobäuerin und Bioladenbesitzerin aus Küttigkofen porträtiert. Jacusso: «Auf der Suche nach einem lokalen Ansatz kam ich zunächst gar nicht auf das Naheliegendste, die Biobäuerin im eigenen Dorf». Erst seine Partnerin habe ihn auf den Gedanken gebracht, da Claudia Zimmermann und ihr Mann gerade zu diesem Zeitpunkt, als Jacusso das Skript entwickelte, ihren Bioladen eröffneten.

Claudia Zimmermann erzählt: «Die Idee, einen Film über faire Händler zu machen, faszinierte mich.» Doch sei es für sie nicht so einfach gewesen, ihre Motivation für den Laden filmgerecht zu präsentieren. «Ich bin jemand der macht und weniger redet», meint sie. Doch inzwischen, mit all ihren Erfahrungen vor der Kamera, falle ihr das Reden über ihren Laden leichter. «Wir sind zusammengesessen und haben im Voraus besprochen, welche Etappen im Jahreskreislauf des Bauernbetriebes und des Ladens wichtig sind», erzählt Jacusso.

Claudia Zimmermann vom Biohof Küttigkofen: «Wir wollten einen Laden machen, in dem wir Produkte direkt an den Kunden verkaufen können.»

Claudia Zimmermann vom Biohof Küttigkofen: «Wir wollten einen Laden machen, in dem wir Produkte direkt an den Kunden verkaufen können.»

Der Biohof Küttigkofen führt einen Bioladen im Dorf. Diverse Bauern aus der Gegend liefern Produkte.

So ist im Film beispielsweise die Dinkelernte, das Mahlen und Backen des Brotes zu sehen. «Für einen Dok-Film braucht es authentische Handlungen. Ungewohnt für Claudia Zimmermann war sicher, im Film zu erklären, was sie nun jeweils macht», so der Filmemacher. Zimmermann erzählt auch, dass ihr ihre Nervosität manchmal schon zu schaffen gemacht habe. Doch Jacusso und sein eingespieltes Team hätten es immer wieder geschafft, sie zu beruhigen. Jacusso bestätigt, dass es in seinem Kernteam mit Daniel Leippert an der Kamera und Tonmann Olivier Jeanrichard familiär zugehe. «Es ist wichtig, dass beim Filmen eine gute Atmosphäre herrscht. Sonst gibt es ‹kalte Bilder›», sagt er.

Kunden miteinbezogen

Der Film wurde 2017 gedreht, letzte Szenen noch im Frühjahr 2018 und dann fertiggestellt. Im Dorf habe man schon wahrgenommen, dass im neu eröffneten Bioladen Filmaufnahmen stattgefunden haben, erzählen beide. «Manchmal konnten wir die Kunden gar in die Handlung einbauen», sagt der Regisseur. Und Zimmermann ergänzt: «Oft haben wir auch draussen ein Schild hingestellt, wo auf die Dreharbeiten hingewiesen wurde.»

«Beim Drehen ist mir auch immer mehr bewusst geworden, welche politische und gesellschaftliche Dimension mein Laden im Dorf hat», sagt Zimmermann nachdenklich. Sie habe mit dem Laden zunächst das Ziel verfolgt, ihre und von anderen Biobauern produzierten Lebensmittel den Leuten im Dorf und in der Region zu fairen Preisen anzubieten. «Wir hatten im Dorf ja keinen Laden mehr. Dennoch werden hier viele Lebensmittel produziert. Wieso soll dies also nicht – ohne die Umwelt mit Transporten oder Verpackungen zu belasten – direkt an die Konsumenten gelangen?». Es habe sie auch die Anonymität der Waren gestört und so sind auch immer mehr fair hergestellte Konsumgüter in ihrem Laden zu haben.

Zwei Ausschnitte aus dem Film Fair Traders mit Claudia Zimmermann

Zwei Ausschnitte aus dem Film Fair Traders mit Claudia Zimmermann

Heute findet man hier neben dem einheimischen Gemüse und Fleisch auch selbst hergestellte Konfitüren, Strickwaren, aber auch biologisch hergestellten Wein oder Kosmetika. «Oft bin ich gar nicht teurer als der Grosshändler», kann Zimmermann sagen und Jacusso meint: «Der Preis allein darf doch nicht das alleinige Kriterium für ein Produkt sein. Alle, die an einem Produkt teilnehmen, also daran arbeiten, sollen davon leben können. Wir müssen wieder das Gewissen in den Handel bringen.»

Und so hat Küttigkofen heute nicht nur einen mit viel Liebe eingerichteten Bioladen, sondern es ist auch ein Treffpunkt entstanden, wo man sich beim Einkauf begegnet und man einen Kaffee trinken kann. Eine positive Kraft, die auch im Film spürbar ist. Jacusso: «Der Film zeigt an drei positiven Beispielen, dass ein Umdenken – weg von der Gewinnmaximierung, hin zum fairen Handel für alle – tatsächlich realisierbar ist und wir nicht machtlos sind.

Trailer zu Fair Traders von Nino Jacusso

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