Diese Oscar-Verleihung wird niemand so schnell vergessen. Am allerwenigsten Warren Beatty und Faye Dunaway, das legendäre Filmduo aus «Bonny and Clyde», das in der Hauptkategorie den falschen Gewinner verkündete. Es war in unseren Breitengraden kurz nach 6 Uhr morgens, man war da als Zuschauer schon halb eingeschlafen vor langweiliger Vorhersehbarkeit, als es im Dolby Theatre in Hollywood zur zweifellos grössten Panne in der 90-jährigen Geschichte der Oscars kam. Nicht das Musical «La La Land», das zu diesem Zeitpunkt schon 6 Oscars eingesteckt hatte, gewann die Auszeichnung für den besten Film des Jahres, sondern das Independent-Drama «Moonlight».

Dumm nur, dass das «La La Land»-Team bereits auf der Bühne stand und drei Produzenten mit der Goldstatue in der Hand schon ihre Dankesreden gesprochen hatten, bevor das peinliche Malheur aufgeklärt wurde. «Es tut mir leid, das ist ein Fehler. ‹Moonlight›, ihr habt für den besten Film gewonnen, das ist kein Witz», sagte «La La Land»-Produzent Jordan Horowitz. Zum Beweis streckte er den Umschlag in die Höhe, auf dem der Titel des korrekten Siegerfilms zu lesen war. Die «La La Land»-Produzenten reichten ihre gewonnen geglaubten Goldstatuen an das verdutzte «Moonlight»-Team weiter und schlichen von der Bühne, während Oscar-Moderator Jimmy Kimmel mit ein paar Sprüchen («Ich finde, ihr solltet beide den Oscar kriegen») zu retten versuchte, was nicht zu retten war, und die Produzenten der Show wohl bereits nach neuen Arbeitsstellen googelten.

«Nein, das ist ein Fehler!»: Das Missgeschick bei den Oscar-Verleihungen

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Es war das falsche Couvert

Wie war es zu dieser peinlichen Verwechslung gekommen? Warren Beatty erklärte, auf seinem Umschlag sei der Name von Schauspielerin Emma Stone (die wenige Minuten zuvor einen Oscar gewonnen hatte) mit ihrem Film «La La Land» gestanden, aus diesem Grund habe er so gezögert und den Umschlag an Dunaway weitergereicht (nicht gerade Beattys galanteste Stunde); Emma Stone sagte, sie habe den Umschlag mit ihrem Namen die ganze Zeit über in ihren Händen gehalten.

Tatsächlich wird jedes Couvert mit den Gewinnern zweimal gedruckt. Zwei Mitarbeiter von PricewaterhouseCoopers (PwC), die für die Umschläge zuständig sind, stehen an den beiden Bühneneingängen links und rechts und haben die Aufgabe, den Präsentatoren den jeweiligen Umschlag zu überreichen. Statt eines der beiden Couverts für den besten Film erhielt Beatty das zweite mit dem Namen der besten Hauptdarstellerin drin. «Wir entschuldigen uns aufrichtig bei Moonlight, La La Land, Warren Beatty, Faye Dunaway und den Oscar-Zuschauern für den Fehler», schrieb PwC in einer Stellungnahme.

Vorwärts statt rückwärts

«Endlich hat es sich gelohnt, die Oscarverleihung bis zum Schluss zu schauen», lautete einer von unzähligen hämischen Kommentaren in den sozialen Medien. In diesem steckt aber auch ein Funken Wahrheit: Die Schlusspointe dieser Oscar-Verleihung – sie ging unmittelbar danach im Getöse beinahe unter – hat gesessen. Dass nicht der grosse Favorit «La La Land», sondern «Moonlight» als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde, war ein Entscheid, der diese Verleihung in ein ganz anderes Licht rückte.

Wo das bunte Musical Hollywoods goldener Vergangenheit huldigt, hebt das Independentdrama von Barry Jenkins (Budget: 1,5 Millionen Dollar) einen Stoff ins Blickfeld, an den sich grosse Hollywoodstudios kaum herantrauen. «Moonlight» (Schweizer Kinostart 9. März) erzählt von einem scheuen Afroamerikaner, der sich in einen anderen Mann verliebt. Der Film ist herausragendes, tiefsinniges Kino über unterdrückte Gefühle und marginalisierte Individuen – die vom aktuellen politischen Kurs der USA erst recht an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden.

Moderator Jimmy Kimmel hatte noch gewitzelt, dass die als rassistisch verschrieenen Oscars dank Trumps Präsidentschaft nun vergleichsweise gut dastehen. Andere Ansprachen gaben sich zahmer, doch der Tenor war klar: Inklusion und Vielfalt statt Mauern und Abgrenzung. Es brauchte auch gar keine Brandreden gegen Trump, die Liste der Gewinner war Statement genug. So gewann «Moonlight» auch den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch (Barry Jenkins und Tarell Alvin McCraney) sowie für den besten Nebendarsteller (Mahershala Ali). Und weil Viola Davis («Fences») den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle erhielt, ging die Hälfte der Darstellerpreise an Afroamerikaner. Und das, nachdem bei den letzten beiden Verleihungen alle 40 nominierten Schauspieler weiss gewesen waren.

Am Ende der Oscar-Nacht war klar: Das #OscarsSoWhite-Debakel wurde ad acta gelegt, die Academy hat sich mit ihren schwarzen Filmschaffenden versöhnt.

Wie kam es zur Oscar-Panne?

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Es war wohl einer der peinlichsten Momente der Oscar-Geschichte: Bei der diesjährigen Verleihung wurden die Flaschen gekürt. Wie konnte das passieren?