Kino

Trotz allem Erfolg: Schweizer Film hat mit Kinderfilmen kaum Zukunft

«Heidi» hat Tausende in die Kinos gelockt.

«Heidi» hat Tausende in die Kinos gelockt.

Alles Heidi oder was? Nein, der Schweizer Film hat mit Kinderfilmen kaum Zukunft.

«Heidi» hier, «Schellen-Ursli» da – das Schweizer Kino feiert schöne Erfolge. 800 000 Zuschauer haben die Kinderfilme von Alain Gsponer und Xavier Koller gesehen, das einheimische Filmschaffen profitiert, der Tourismus prosperiert. Und ist das Publikum erst einmal angefixt, verlangt es automatisch nach mehr. Das gilt auch im Ausland, wo der Schweizer Film dank «Heidi» endlich wieder Präsenz markiert.

Trotzdem besteht Anlass zur Sorge – in mehrfacher Hinsicht. Erstens: Ohne «Heidi» und «Schellen-Ursli» wäre das Kinojahr 2015 eine Katastrophe geworden, denn ausser diesen Erfolgsfilmen hat an den Kinokassen fast nichts funktioniert. Zweitens: Weitere Kinderfilme made in Switzerland wird es dieses Jahr nicht geben («Papa Moll» von Manuel Flurin Hendry kommt frühestens 2017 in die Kinos). Drittens: Ein Vergleich mit dem legendären Superjahr 2006 zeigt, woran es dem Schweizer Film heute mangelt: am Themen- und Genremix, der ein unterschiedliches Publikum anzulocken vermag.

Nun muss man fairerweise sagen: Erfolg lässt sich nicht planen, weder in Hollywood noch in der Schweiz. Dennoch ist es erschreckend zu sehen, wie der Schweizer Film seine Erfolgschancen limitiert hat. Zwei Kinderfilme, ein wenig Seniorendrama («Usfahrt Oerlike») und ein Dokumentarfilm über einen toten Künstler («Giovanni Segantini») – sonst war 2015 nichts los am Box-Office.

Vor zehn Jahren sah das ganz anders aus (siehe Cards): da lockten eine Kinderbuchverfilmung («Mein Name ist Eugen»), eine Seniorenkomödie («Die Herbstzeitlosen»), eine heisse Dokufiction («Grounding»), ein Familiendrama («Vitus»), ein Junggesellenklamauk («Handyman») und eine Jugendkomödie («Jeune Homme») die Massen ins Kino. Über zwei Millionen Zuschauer strömten in diese Filme.

Die Top Schweizer Filme 2006 und 2015

Wo sind die Hitregisseure?

Wo aber sind die Erfolgsregisseure von einst, was machen ein Fredi Murer, ein Michael Steiner oder eine Bettina Oberli heute? Sie haben sich entweder selbst pensioniert, ihre Drehbuchautoren verheizt oder sich sperrigeren Themen zugewandt. Vom einstigen Hitfabrikanten Mike Eschmann («Achtung, fertig, Charlie!», «Breakout», «Tell») hat man seit fast zehn Jahren nichts mehr gehört.

Das ist bitter, aber es besteht Hoffnung – nicht punkto Themenmix fürs Mainstreamkino, aber bezüglich Schauspielkunst und Geschichten mit Biss. Wie diese Hoffnung aussieht, kann man an den Solothurner Filmtagen erleben, wo die jüngste Film-Vergangenheit auf die nahe Film-Zukunft trifft. Und diese Schnittstelle zeigt: Nach den Kindern kommen jetzt die Teenager. Ein erster Vorbote war schon «Amateur Teens» von Niklaus Hilber, der im Oktober 2015 in die Kinos kam. Hilber widmet sich darin der aktuellen Jugend, die alle Social-Media-Codes kennt, aber nicht die eigenen Abgründe. Zum Box-Office-Erfolg reichte es «Amateur Teens» nicht. Der Film hatte das Pech, dass er vom Verleih am selben Tag lanciert wurde wie «Schellen-Ursli».

Was von «Amateur Teens» bleiben wird, ist der Name Annina Walt. Die erst 19-jährige Darstellerin ist ein Riesentalent auf der Leinwand, vor allem punkto Leidensfähigkeit. Wenn sie übermorgen zwei Nominationen für den Schweizer Filmpreis erhalten sollte (sie spielt auch in «Nichts passiert» von Micha Lewinsky), wäre das kein Zufall, sondern Lohn für eine Leistung, die man von Schweizer Jungtalenten sehr selten sieht.

Amateur Teens - Trailer

Amateur Teens - Der Trailer

Es sei denn, der Name laute Kacey Mottet Klein und man wäre als Kind von Regisseurin Ursula Meier («Home», «Sister») entdeckt worden. Mottet Klein, dessen Werdegang aktuell in Meiers Film «Naissance d’un acteur» dokumentiert ist, wird dieses Jahr nicht nur als Shooting-Star zur Berlinale fahren, er ist auch Hauptdarsteller im französischen Wettbewerbsfilm «Quand on a 17 ans» von André Téchiné.

Und was läuft im Schweizer Film? Da wird es von Teenagern wimmeln. Den Anfang macht das Jugenddrama «Zoé und Julie», wo es um einen behaupteten Fall von sexuellem Missbrauch geht. Regisseur Markus Fischer («Der Bestatter») inszeniert routiniert, aber die angestrebte Flughöhe erreicht der Film nicht ganz. Zum einen, weil es ihm an erzählerischer Raffinesse fehlt, zum andern, weil Hauptdarstellerin Nurit Hirschfeld im Vergleich mit Annina Walt wie ein erschrecktes Küken wirkt.

Entsorgung der Senioren

Aber da sind noch die «Sweet Girls» von Xavier Ruiz und Jean-Paul Cardinaux: Elodie und Marie sind beste Freundinnen in einer gigantischen Agglosiedlung in Lausanne. Und die beiden No-Future-Girls haben eine Idee: alle Senioren der Siedlung werden in den Luftschutzkeller verfrachtet, damit für Elodie und ihresgleichen mehr Wohnraum bleibt. Das ist krass, knallig
und komisch. Ob der schmissige Kampf der Generationen fürs grosse Kinowunder 2016 taugt, ist allerdings fraglich.

Nacht der Nominationen 27. Januar, Konzertsaal Solothurn.

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