Willkommen im filmischen Schüttelbecher, willkommen bei «Tempo Girl» und «Milky Way»:

In diesen Werken, die an den Solothurner Filmtagen Premiere feierten, werden Künstlerkarrieren konzipiert, Familienträume zerstört, hirnrissige Risiken eingegangen und Altlasten zusammengekehrt.

Und das auf eine Art, die einem glatt den Atem raubt. Jedenfalls hat man menschliche Leidensetappen selten so kurios, so lebensprall und so herzergreifend hingeschleudert bekommen wie in diesen beiden Wunderwerken.

Tempo Girl - Official Trailer

Labyrinth der Möglichkeiten

«Tempo Girl» handelt von Dominique (Florentine Krafft), einer hippen Berlinerin, die auf Biegen und Brechen Schriftstellerin werden will. Dominique sagt:

«Ich bin schon 23, verdammte Scheisse. Die Scheiss-Hegemann war gefühlte elf, als sie ihren ersten Roman herausbrachte.»

In diesen Sätzen schlummert bereits der Karrieredruck einer ganzen Generation, die auf High Heels durch ein Labyrinth der Möglichkeiten stöckelt.

Was also tun? Dominique überredet ihren Beinahe-Ex-Freund, den Kebabverkäufer Deniz (José Barros), zu einem Spontanausflug in die Walliser Alpen.

Dort nistet man sich in einer Tankstelle ein, begegnet allerlei verschrobenen Gestalten, sucht und findet Inspiration auf die harte Tour.

«Tempo Girl» ist der Abschlussfilm von Dominik Locher, dem wohl ambitioniertesten Paradiesvogel der Schweiz.

Locher, im Aargau geboren, wuchs im Kanton Bern und im Wallis auf, arbeitete als Hotelmanager und Zirkusanimator, als Pornokinokassier und People-Redaktor, und war Groschenromanautor und Theaterregisseur, bevor er zum Kino fand. Jetzt, in seinem Langfilmdebüt, spiegelt sich der 30-jährige Filmemacher in seiner fast gleichnamigen Hauptfigur.

Dominique ist eine, die die Extreme spüren muss, um schreiben zu können. Sie verdingt sich im Wallis als Poledancerin, wird schwanger, lässt abtreiben und macht ihren Freund fast zum Mörder.

Eine geballte Ladung ist das, die Regisseur Locher als Alpenwestern, Aussenseiterkomödie und Generationenporträt auf die Leinwand wuchtet.

Vor allem aber ist dieser Film eine Landschaftsvereinnahmung: Wie da in den Schweizer Bergen überdimensionale Satellitenanlagen, halbleere Schwimmbäder und trostlose Nachtclubs als Kulisse vorüberziehen, zeugt von unerhörtem Gestaltungswillen. Und wirkt zugleich so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

Ausweg dank Schnecken

Ähnliches lässt sich von «Milky Way» sagen, einem Film, der das schrägste Trio des jüngeren Schweizer Films auffährt: Der geschiedene Rabauke Fredo (Antonio Buil), der arbeitslose Trödler Paul (Matthieu Ziegler) und das missmutige Escortgirl Nadia (Stéphanie Schneider) bewohnen eine WG in La Chaux-de-Fonds.

Alle haben an ihrer Perspektivlosigkeit zu kauen, bis Paul einen Ausweg erspäht – in einer von faschistoiden Gestalten bevölkerten Räuberhöhle auf dem Land.

Dort wird auf Schneckenrennen gewettet, und besagtes Trio unternimmt in der Folge alles, um erstens den Wetteinsatz aufzubringen und zweitens ein siegfähiges Kriechensemble zusammenzustellen. Und indem man drittens so viele Schnecken wie möglich vertilgt, um sich deren Geist einzuverleiben.

Punkto erzählerischer Tollkühnheit kann es «Milky Way» von Cyril Bron und Joseph Incardona also locker mit «Tempo Girl» aufnehmen. Ähnlich unbekümmert ist zudem der Umgang mit den Genres.

So bedient sich «Milky Way» von Elementen aus Gangsterfilm, Feelgoodkomödie und Roadmovie, um daraus ein wundersames Gleichnis auf drei Losertypen zu spinnen, die einmal im Leben das grosse Los ziehen.

Vielleicht. Denn sicher ist in diesem Film nichts.

Sicher ist nur, dass man «Milky Way» und «Tempo Girl» übermorgen viele Nominationen zum Schweizer Filmpreis 2014 wünscht.

Tempo Girl (CH/D 2013) 74 Min. Regie: Dominik Locher. Wiederholung: 29.1., 14.30 Uhr im Canva Club.

Milky Way (CH/B 2014) 93 Min. Regie: Cyril Bron, Joseph Incardona. Wiederholung: 29.1., 12 Uhr im Landhaus.