Am Bodenseeufer hämmern die Konstanzer gerade die Holzbuden für ihren Weihnachtsmarkt zusammen. Das vorweihnachtliche Idyll ist auch Dreh- und Tatort für Eva Mattes (59). Die Schauspielerin, bekannt als bodenständige Konstanzer «Tatort»-Kommissarin Klara Blum, jagt dort mit ihrem schnöseligen jüngeren Kollegen Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) zurzeit Tätern in Weihnachtsmann-Kostümen hinterher. Der Weihnachts-»Tatort» soll im nächsten Jahr ausgestrahlt werden. Beim Foto-Shooting am Ufer fängt Mattes zu singen an. An der Bar des Steigenberger Inselhotels, wo die Wahlberlinerin während der Dreharbeiten logiert, erklärt sie, warum.

Eva Mattes, warum singen Sie?

Eva Mattes: Singen ist schön, weil es öffnet. Es öffnet denjenigen, der singt, und es öffnet denjenigen, der zuhört. Es öffnet Herzen, den Geist. Und man atmet gut. (Lacht.)

In Dok-Filmen über die Maidan-Proteste in der Ukraine sieht man immer wieder Menschen, die sich zu Singchören formieren. Sie selbst haben während der deutschen Friedensbewegung in den 1980er-Jahren viel mit anderen gesungen. Kann man mit Singen gesellschaftlich etwas bewirken?

Singen hat für mich eine enorm positive Kraft. Es ermutigt diejenigen, die friedlich gegen etwas demonstrieren und bildet Gemeinschaft. In meinem aktuellen Liederabend «Werft eure Herzen über alle Grenzen», den Irmgard Schleier zusammengestellt hat und zu dem sie mich am Piano begleitet, geht es ums Auswandern. Ums Auswandern müssen, ums Wiederkehren, um Heimat, Lust und Verlust. Angefangen mit Heinrich Heine über Wolf Biermann, am Ende steht ein südafrikanisches Wiegenlied. Wir wollen so den Emigranten von heute die Hand reichen. Flucht ist wieder ein grosses Thema, wir thematisieren das mit den Liedern der Dichtkunst.

Sie verfolgen also auch politische Absichten mit diesen Abenden?

Ja, mit künstlerischen Mitteln. Denn so berühren wir die Menschen, machen sie nachdenklich, ohne den Zeigefinger zu erheben.

Wir Schweizer tun uns ja etwas schwer mit der Aufnahme von Einwanderern. Vor einer Woche mussten wir abermals darüber abstimmen, ob wir den Einwandererstrom begrenzen wollen. Wie blicken Sie aus der Grenzregion Konstanz auf diese Schweizer Debatten?

Abgesehen davon, dass die Probleme in Afrika direkt gelöst werden müssen, sollten wir aus den reichen Ländern uns öffnen und teilen lernen.

Die meisten kennen Sie in der Rolle der Konstanzer «Tatort»-Ermittlerin Klara Blum. Was kaum jemand weiss: Sie haben als kleines Mädchen den «Pippi-Langstrumpf»-Song gesungen.

Ja, und wenn die Leute davon erfahren, sagen sie meistens: «Mein Gott, Sie haben ja meine Kindheit begleitet.»

Mochten Sie das Lied?

Oh ja, ich fand es toll. Als 14-Jährige fühlte ich mich wahnsinnig geehrt, dass ich das machen durfte. Ich war vorm Einsingen im Studio furchtbar aufgeregt, weil ich nicht wusste, ob ich das überhaupt kann. Denn ich musste mit sehr hoher Stimme singen. Wenn ich das heute höre, denke ich, wie süss.

Ich gebe zu, ich habe Sie unterschätzt. Für mich waren Sie bislang vor allem die Kommissarin Klara Blum aus dem Sonntagabendprogramm. Hatten Sie nie Angst, dass man Sie einmal nur noch auf diese Rolle reduziert?

In den 1970er-Jahren habe ich sehr viel Theater gespielt und für das Kino gedreht. Das Fernsehen habe ich gemieden, als Kinogesicht wäre ich sonst verbraucht gewesen. Als das Angebot für den «Tatort» kam, hab ich mir das in der Tat einen Moment lang überlegt. Ich fragte mich, was das mit mir und in den Köpfen von Publikum und Regisseuren macht, die einen gern in Schubladen reinstecken. Ich habe mich trotzdem für «Klara Blum» entschieden. Mittlerweile merke ich den Nutzen. Wenn ich mit meinen Liederabenden auf Reisen gehe, ist da auch wirklich Zulauf.

Wie finden Sie Klara Blum?

Ich mag Kommissarin Blum. Sie hätte sich aber gerne etwas unkonventioneller entwickeln können.

Sie hätten sie gerne abgründiger?

Ja, radikaler, wilder.

So wie Sie?

Genau! (Lacht.) Auf der anderen Seite habe ich mich damit ausgesöhnt. Ich mag die Figur, sie ist mir doch auch nah. Und sie hat ihr Publikum. Ich erlebe das an den Liederabenden, wenn ich Programme und Bücher signiere.

Ein bisschen kaputt wirkt Frau Blum manchmal schon. Ist sie ein Workaholic?

Ja, sie arbeitet oft die Nächte durch. Deshalb hat sie ein Sofa im Kommissariat.

Stimmt es, dass das «Tatort»-Team Schussgeräusche jeweils nachträglich einspielen muss, weil Sie eine Knallphobie haben?

Wenn hier ein Kind mit einem aufgeblasenen Luftballon reinkommen würde, müsste ich diesen Raum sofort verlassen. Oder der Luftballon. (Lacht.) Ich bin das Problem auch schon mal angegangen, habe bereits einmal eine Therapie gemacht, dann ging es auch sehr viel besser, aber es ist wieder schlimmer geworden.

In Ihrem Leben waren Sie sonst ja alles andere als schreckhaft. Sie haben mit vielen als schwierig geltenden Künstlern zu tun gehabt, in Werner Herzogs «Woyzeck»-Verfilmung war Klaus Kinski Ihr Partner. Woher nehmen Sie den Mut?

Um mit grossen Künstlern zusammenzuarbeiten, braucht es keinen Mut, das ist ein grosses Glück. Aber: Im Buch «Ein Mann» der italienischen Schriftstellerin und Journalistin Oriana Fallaci habe ich gelesen: «Mut ist Angst.» Ich habe sehr viel Angst, auf die Bühne zu gehen. Das zu überwinden ist dann tatsächlich Mut.

Wenn man auf Ihre Karriere schaut, hat man das Gefühl, Sie haben sich kaum eine Pause gegönnt. Mit 12 sind Sie über Ihre Mutter, die Schauspielerin Margit Symo, ins Schauspielgeschäft eingestiegen. Sind Sie ein exzessiver Mensch?

Ich war exzessiv! Während der Proben lebt man sowieso immer intensiv, da kämpft man dauernd mit der Rolle, will herausfinden, wer der Mensch ist, den man spielt. Und wenn man jung ist, geht man abends dann meistens noch weg. Was habe ich früher die Nächte durchgemacht und bin dann morgens auf die Bühne zur Probe. (Lacht.) Und wenn man wie ich als berufstätige Mutter auch noch zwei Kinder aufzieht, bleibt wenig Zeit für Pausen. Da komme ich abends zur Tür herein, und gleich gehts weiter.

Ist es schwierig, als Schauspielerin Mutter zu sein?

Für mich ist beides zu sein ein Geschenk. Und dank meiner Kinder bin ich nicht mehr in diese Löcher gefallen, wenn eine lange Zeit intensiver Theaterproben oder Dreharbeiten zu Ende ging. Wenn ich heute in Konstanz den «Tatort» drehe, gehe ich nach dem Dreh aber gleich auf mein Zimmer, ruhe mich aus und lerne meinen Text für den nächsten Tag. Und manchmal schalte ich dann noch den Fernseher ein.

… ganz wie Ihr «Tatort»-Publikum. Früher war das anders. Da haben Sie keine Wohlfühlrollen gespielt. Als 15-Jährige spielten Sie im Berlinale-Skandalfilm «o.k.» ein Vergewaltigungsopfer.

Man hat mich schon früh als Anti-Typ eingestuft. Trotzdem habe ich nie ganz verstanden, warum ich von der Kritik diesen Stempel aufgesetzt bekam. Im Film «Woyzeck» von Werner Herzog bin ich als Marie ja auch kein Monstrum. Und in «Deutschland, bleiche Mutter» von Helma Sanders-Brahms war ich auch sehr zart.

Für einen Filmdreh mit Roland Klick haben Sie auf der Reeperbahn mal eine Flasche Whisky runtergekippt. Wie weit würden Sie als Schauspielerin für eine Rolle gehen?

Naja, bei einer ganzen Flasche wäre ich tot umgefallen. Ein Whiskyglas mit Doornkaat wars. (Lacht.) Das war in «Supermarkt», ein toller Film. Ich sollte als Prostituierte besoffen mit einem Teller Spaghetti auf die Reeperbahn laufen und innerhalb von Sekunden das Laufpublikum auf mich aufmerksam machen. Gedreht wurde mit versteckter Kamera. Was für eine Aufgabe für eine 18-Jährige! Ich konnte das nicht. Deshalb dachte ich: Dann besauf ich mich halt. Als gedreht wurde, hab ich die Tür aufgemacht, bin zwei Stufen runtergetorkelt und sofort auf die Schnauze gefallen. Als ich raufgeschaut hab, standen die Leute um mich herum. Und da hab ich in meinem Suffkopf gedacht: «Super, hat ja funktioniert.» Ich hab rumgegrölt, es war völlig wirr, wie eine Fellini-Szene.

Würden Sie das heute wieder machen?

Es kommt drauf an, obs mich reizt, ob mein Ehrgeiz geweckt ist, ob es der Sache dient. Immerhin bin ich noch in meinem zweiten «Tatort» in einer eiskalten Novembernacht im Konstanzer Hafenbecken geschwommen.

Musste man Sie überreden?

Das war Ehrensache! Nach etwa zehn Schwimmzügen hab ich keine Luft mehr bekommen, das Wasser war eisig! Als der Regisseur «Danke» rief, hat mich ein Rettungsschwimmer rausgezogen.

In Ihrer Biografie schreiben Sie, schon als Kind hätten Männer in Ihnen eine Frau gesehen. Ihre erste Beziehung hatten Sie mit 14 mit einem 21-jährigen Mann. Wie blicken Sie heute darauf zurück?

Ich lebte durch meine Arbeit im Film und am Theater schon früh in dieser Erwachsenenwelt. Deshalb war ich geistig reifer. Von heute aus betrachtet denke ich manchmal trotzdem: Was hätte mir nicht alles passieren können. Meinem damaligen Freund gegenüber meinte ich erst kürzlich: «Du weisst, was das alles für Konsequenzen hätte haben können?» Er meinte darauf nur: «Nein, das war nicht so. Du warst erwachsen.» (Lacht.) Er besteht also noch heute darauf.

Hat Ihre Mutter da nie interveniert?

Meine Mutter war sehr tolerant und hat in diesem Fall wohl beide Augen zugedrückt. Sie hat gesehen, dass es mir gut ging.

Sie haben mit vielen grossen Theater- und Filmregisseuren zusammengearbeitet. Neben Werner Herzog, mit dem Sie eine Tochter haben, und Rainer Werner Fassbinder war wohl der 2009 verstorbene Regisseur Peter Zadek für Sie die wichtigste Figur. Warum?

Er verstand so viel von den Menschen. Er liebte Schauspieler, provozierte uns aber auch, lockte so unsere Abgründe heraus. Er war überraschend, bei jeder Produktion anders.

Können Sie ein Beispiel geben, wie er das anstellte?

Einmal sagte er zu mir, ich hätte mir beim Fernsehen so eine schöne Stimme angewöhnt, das sei ja ganz schrecklich. Mich hat das sehr geärgert. Ich fing sofort an zu krächzen und zu schreien. Und plötzlich merkte ich, wie recht er hatte. Die Rolle, die ich spielte, war intrigant und verschlagen und hatte keine Wohlfühlstimme.

Gibts Zeitgenossen, die das genauso draufhaben?

Ich hab sie noch nicht kennen gelernt. (Lacht.) Viele trauen sich gar nicht, mir etwas zu sagen. Viele können es auch nicht. Es gibt wenig Regisseure, die von Schauspielerei etwas verstehen. Ich kann mir zwar immer selbst helfen, aber auch ich bin besser, wenn ich inspiriert und herausgefordert werde.

Sie haben einmal gesagt, Sie fänden ein ironisches Verhältnis zur Liebe langweilig. Im Zeitalter der Ironie ein spannender Satz.

Ich neige nicht zur Ironie. Ich hab mir immer noch eine Naivität bewahrt, die erhält mir für das Spiel eine grösstmögliche Offenheit. Wenn ich ironisch bin, ist es oft Zufall. (Lacht.)

Was halten Sie eigentlich von dieser neuen Feminismus-Welle, die gerade über den Atlantik schwappt?

Soweit ich darüber gelesen habe, erscheint mir das mehr wie eine Modeform.

Würden Sie sich selbst als Feministin beschreiben?

Nein. Aber Irmgard Schleier war viele Jahre in Hamburg Intendantin des internationalen Festivals der Frauen, und ich war erste Vorsitzende unseres Vereins. Wir haben Frauen aus aller «Herren Länder» eine Bühne bereitet. Zum ersten Mal standen damals Dirigentinnen, Regisseurinnen, Komponistinnen in vorderster Reihe und – die Männer im Hintergrund.

Sollte Klara Blum doch mal Ihren Job an den Nagel hängen – immerhin ist sie seit 2002 im Dienst: Haben Sie das Szenario für Ihren Ausstieg schon im Kopf?

Tatsächlich hab ich mir neulich etwas dazu überlegt, aber ich kanns nicht verraten. Wer weiss, vielleicht drehen wir es tatsächlich. Mein Abgang wäre absurd bis unrealistisch. Aber wunderschön. Rilke würde sagen: «Es geht ins Offene.»

Einziger Schweiz-Auftritt «Werft eure Herzen über alle Grenzen». Liederabend mit Eva Mattes (Gesang) und Irmgard Schleier (Regie und Piano). Casino Theater Burgdorf, 12. Dezember.