Delia Mayer, 47, wirkt leicht aufgekratzt, als wir uns vor dem KKL in Luzern treffen. Einerseits, weil sie direkt von den «Tatort»-Dreharbeiten kommt. Andererseits, weil wir im KKL auf die Schnelle keinen Raum für ein ungestörtes Gespräch finden. Kurz darauf, im Bistro Luz mit Blick auf den Vierwaldstättersee, entspannt sie sich. 

Bestimmt Liz Ritschard auch Ihre Träume?

Delia Mayer: Schon (lacht). Kürzlich habe ich davon geträumt, dass die gesamte Filmcrew von 30 Leuten in meiner Küche sitzt.

Ist Ihre Küche so gross?

Nein, das ginge gar nicht. Das war ein absurder Traum. Ich habe auch schon geträumt, dass ich Geld geklaut habe.

Quasi als «Tatort»-Kommissarin?

Nein. Mein Gesangsabend «Crime Songs» beinhaltet beides: Täterin und Beobachterin. Im Traum hatte ich beide Hosentaschen voll mit geklautem Geld. Damit habe ich einen Pullover gekauft. 

Löst es etwas in Ihnen aus, wenn Sie eine Pistole in der Hand halten?

Unterdessen nicht mehr. Einzig das Gewicht nervt. Es sind ja keine scharfen Patronen drin. Aber es gab auch schon Unfälle in Amerika, weil man vergessen hat, die Pistole mit Platzpatronen zu laden. Und man denkt schon mal: Wer weiss, wenn die Pistole scharf ist? Der Gedanke, dass man die Macht hätte, einfach um sich schiessen zu können, ist beängstigend.

Sie sagten mal: Die Schauspielerei hätte Sie nicht gesund bleiben lassen. Ist dieser Job so ungesund?

Nein. Ich habe das im Kontext mit dem Gesang gesagt. Singen hat für mich etwas sehr Heilendes. Die Schauspielerei kann auch das Gegenteil sein. Wenn ich in eine Figur tauche, wo ich an Grenzen gehe, ungesunde oder destruktive Gefühle empfinden muss, tut das nicht nur gut. Die Musik ist für mich ein Gegenpol, der nährt.

Während Dreharbeiten fehlt Ihnen die Muse, um sich mit Musik zu therapieren.

Das macht nichts. Auch wenn ich in diesem launischen, wühlenden Zustand bleibe, wie es die Figur verlangt. Ich schlafe während der Dreharbeiten weniger als üblich, gehe müde ans Set. Daraus resultiert so eine Aufgekratztheit, die der Figur guttut.

Dreharbeiten zum Luzerner Tatort «Sniper» mit Delia Mayer.

Dreharbeiten zum Luzerner Tatort «Sniper» mit Delia Mayer.

Die Schweiz gilt als unglaublich hartes Pflaster für Musiker.

Die Schweiz ist generell ein hartes Pflaster für Künstler.

Warum?

Weil in der Schweiz kein Selbstverständnis für Kunst existiert. Während österreichische Künstler Weltruhm erlangt haben, sind die Schweizer Künstler im Irrenhaus gelandet, haben sich in die Alpen zurückgezogen oder ins Ausland abgesetzt. Hier wird immer noch gefragt: Wovon lebst du eigentlich?

Noch heute?

Seit ich im «Tatort» spiele nicht mehr. Aber wer freischaffend Theater oder Musik macht … Die wenigsten können alleine davon leben.

Was ist der Hintergrund dieser Aversion gegen Kultur?

Einst ein Volk von Bauern, ist die Schweiz seit 150 Jahren ein Volk von Dienstleistern. Tourismus, Banken und Versicherungen machen uns stark, machen uns potent. Qualitäten wie Disziplin und Geschäftssinn, die einen Dienstleister auszeichnen, sind in der Kultur nicht von grossem Wert. Ich habe meine besten Texte geschrieben, nachdem ich am Abend aus war, schlecht gelaunt aufgestanden und den ganzen Tag nur rumgehängt bin. Geschäftig tun, was in der Schweizer Mentalität stark verankert ist, entpuppt sich häufig als Gegenpol zur Kreativität.

Oder haben wir nur Sinn für elitäre Kunst? Ich denke an das Opern- und Schauspielhaus in Zürich, an das KKL in Luzern. Fliesst das Geld, das in der Schweiz genügend vorhanden ist, nur in den elitären Kulturzirkel?

Das ist in der Schweiz nicht anders als in Paris oder Berlin. Nur: Kunst hat bei unseren Nachbarn einen anderen Stellenwert. Gehen Sie mal an einem Sonntag in Wien in einen Heurigen und lauschen den Tischnachbarn. Da drehen sich die Gespräche auch darum, was am Vorabend auf den Bühnen gespielt oder gesungen wurde. Das passiert mir in Zürich nie. Bei uns ist nicht nur die Finanzierung, sondern auch das Interesse an Kultur elitär.

Warum?

Weil Kunst kein Grundpfeiler unserer Kultur ist. Beispielsweise endet der Musikunterricht in der Schule bereits nach der 2. Klasse.

Ihre Eltern sind mit der Familie von Hongkong in die Schweiz emigriert, als Sie zweijährig waren. Und sie sind geblieben. Obwohl es für Ihren Vater, einen Jazz-Musiker, nicht einfach war.

Die Schweiz zu verlassen, war in der Familie immer wieder mal ein Thema. Aber meinen Eltern war auch wichtig, mir und meinem älteren Bruder Stabilität zu geben. Gleichwohl lebten wir in einem Mikrokosmos. Einerseits waren wir dadurch etwas abgeschottet. Andererseits passierte in diesem Mikrokosmos unglaublich viel Spannendes, weil Kulturschaffende aus der ganzen Welt bei uns zu Hause ein- und ausgegangen und viele Sprachen gesprochen worden sind.

Wurden Sie ausserhalb dieses Kosmos als Sonderling betrachtet?

Alle Mitglieder unserer Familie galten als Sonderlinge. Besonders mein Bruder mit seinen langen Haaren. Mir sah man meinen Hintergrund nicht an. Ich wollte normaler sein, um nicht gleich als Hippie stigmatisiert zu werden.

Wie angepasst sind Sie heute?

Ich spüre auch heute noch viele Widerstände. Aber durch meine Arbeit, meine Freunde und meine Familie tauche ich immer wieder in einen vertrauten Mikrokosmos ein. Wie anders ich ticke, realisiere ich bei Abstimmungen und der Zeitungs-Lektüre.

Sie leben ausgerechnet in Zürich, dem Hotspot des Überflusses.

Zürich ist anstrengend. Die typische Kombination aus Wohlstand und Unzufriedenheit geht mir oft auf die Nerven. Aber sie hält mich auch wach. Ist es nicht auch die Aufgabe eines Künstlers, Dinge zu sehen und zum Ausdruck zu bringen die anderen in ihrem Alltag entgehen? Und es kann einen Heidenspass machen, die Narrenkappe anzuziehen und dann den Mund aufzumachen.

Finden Sie Gehör?

Die Menschen hören nur, was sie hören wollen. Der «Tatort» mit seinem Millionenpublikum ist ein gutes Gefäss, um sozialkritische Themen zu behandeln.

Meinen Sie «Schutzlos», der im Juli ausgestrahlt worden ist und von afrikanischen Flüchtlingen handelt?

Zum Beispiel.

Was erwarten Sie von der Schweiz in der Flüchtlings-Thematik?

Man soll nicht mit Angst operieren. Die Angst, etwas verlieren zu können; die Angst vor dem Unbekannten. Diese Angst finde ich gefährlich und sie macht mir Angst. Man muss differenziert und ruhig bleiben.

Wir differenzieren zwischen politischen und Wirtschaftsflüchtlingen und lehnen die Wirtschaftsflüchtlinge kategorisch ab. Oder: Ist der Tod durch erschiessen schlimmer als der Tod durch verhungern?

Das ist absolut idiotisch. Ausserdem sind die Grenzen zwischen politischen und Wirtschaftsflüchtlingen häufig fliessend. Die Juden verliessen vor dem Ersten Weltkrieg Russland und Polen teilweise als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge, knapp 20 Jahre später waren sie politische Flüchtlinge. Solange es Menschen gibt, sind sie von A nach B nach C und immer an einen Ort, wo sie nicht hingehören. Und jetzt fürchten sich viele vor der Masse. Nur: Als Amerika besiedelt worden ist, waren das viel mehr Flüchtlinge.

Machen Sie sich aufgrund des Terrors in Frankreich Sorgen um die Sicherheit in der Schweiz?

Es hat etwas Verlogenes, wenn jetzt alle ausflippen, nur weil Paris mit dem Zug in viereinhalb Stunden erreichbar ist. Natürlich ist es schrecklich, was in Frankreich passiert. Aber er gibt ganz viel Terror in anderen Teilen der Welt, der uns nicht berührt, weil er eben weit weg stattfindet. Ich mache mir Sorgen um das grundsätzliche Klima. Und was dieses Klima der Angst und des Misstrauens bei uns auslöst.

Hat es Sie als Künstlerin zusätzlich erschreckt, dass ein Anschlag in Paris in einem Konzert stattgefunden hat?

Nein. Was mich eher erschreckt ist das Alter der Attentäter. Wer sich in den Siebzigerjahren am Rand der Gesellschaft bewegte, hat sich Heroin reingeknallt. In den Achtzigern hätten sie vielleicht Häuser besetzt, in den Neunzigern in der Disco Kokain geschnupft. Und heute sprengen sie sich und andere in die Luft. Für mich hat diese Art von Terror auch etwas von Lifestyle für orientierungslose junge Menschen in unserer Gesellschaft. Ich finde das beängstigend und es zeigt auch, wo unsere Gesellschaft nicht hinschaut oder Verantwortung für alle übernimmt. Es gibt einen Grund für diese Verführbarkeit von Menschen.

Was machen die jungen Menschen in der Schweiz, denen eine Perspektive fehlt?

Mir fällt auf, dass alle permanent shoppen. Sie formieren sich nicht für Inhalte. Jeder schaut für sich.

Denken Sie nicht, dass der Leistungsdruck heute ein anderer ist, als damals, als wir Jugendliche waren?

Pink Floyd haben doch schon Ende der Siebziger gesungen: «Just another Brick in the Wall», das System macht Backsteine aus uns. Als Mutter einer 11-jährigen Tochter stelle ich aber auch fest, dass alle Kinder ins Gymnasium gehen, Geige spielen, Fremdsprachen und was weiss ich alles tun müssen. Ich sehe nicht ausschliesslich den Staat, der Druck aufsetzt. Der Leistungsdruck ist oft hausgemacht und basiert auf der Angst und dem Ehrgeiz der Eltern.

Ihr «Tatort»-Partner Flückiger haust auf einem Segelboot. Von Liz Ritschard weiss man, dass sie ein bisschen lesbisch ist. Aber wo sie wohnt, weiss man nicht.

Ich würde auch gerne wissen, wo Liz wohnt.

Haben Sie diesen Wunsch bei der Produktion geäussert?

Natürlich. Aber das sind produktionstechnische Entscheidungen. Eine Wohnung zu mieten, kostet. Liz hätte auch gerne ein Zuhause – das wäre doch eine Schlagzeile.

Warum spielt der «Tatort» ausgerechnet im cleanen Tourismus-Mekka Luzern, das die Schweizer Wirklichkeit nicht wirklich abbildet?

Das war ein Entscheid von SRF. Interessant ist, dass man unter dem Idyll graben kann und sich dann ein ziemlich übler Gestank verbreitet.

Acht Millionen schauen eine «Tatort»-Folge. Macht Sie diese Aufmerksamkeit nervös?

Diese Zahl ist für mich abstrakt. Ich finde es lässig. Denn offenbar ist es relevant, was wir tun. Acht Millionen – das ist sehr motivierend.

Nach Anlaufschwierigkeiten kommt der Schweizer «Tatort» in Deutschland immer besser an.

Ja, das ist super. Es ist nicht lustig, ständig eins auf den Deckel zu kriegen. Am härtesten haben uns jeweils die Schweizer kritisiert. Und wenn Vergleiche angestellt werden, dann immer mit den besten «Tatort»-Teams, nicht mit den durchschnittlichen.

Welches ist das beste «Tatort»-Team?

Ich schaue zu selten, um unvoreingenommen zu bleiben. Alle reden immer von Münster und Dortmund. An denen werden wir gemessen. Einerseits ist das nicht ganz fair, andererseits aber super, weil es ein Ansporn ist.

Warum sind solche Vergleiche nicht fair? Weil der «Tatort» aus Münster mehr Mittel zur Verfügung hat?

Ich kenne deren Ressourcen nicht. Und ich weiss auch nicht, wie die ersten fünf Folgen aus Münster ausgesehen haben. Wie und ob die gestolpert sind. Wie schnell ihre Figuren charakterisiert waren. Der Schweizer «Tatort» wächst. Es braucht Zeit, Mut und Radikalität zu entwickeln. Ausserdem ist Deutschland ein Krimiland, die Schweiz nicht.

Sie sagten mal, die meisten Rollen für Frauen gebe es zwischen 15 und 30 – ein Drecksjob für Frauen über 30?

Es ist wirklich schwierig, auch im Theater. Die meisten grossen Rollen sind von Männern für Männer geschrieben. Nur: Film und Theater spiegeln die Gesellschaft. Für Frauen in meinem Alter ist die Schauspielerei eine grosse Herausforderung. Umso glücklicher bin ich, dass ich in einem reiferen Alter die Liz Ritschard spielen kann. Denn es geht bei dieser Figur nicht um Äusserlichkeiten.

Aber etwas mehr Anmut würde der Liz Ritschard gut anstehen. 

Ich wollte etwas Burschikoses reinbringen.

So nähern Sie sich der Männerwelt.

Wenn ich im Fernsehen überall die 08/15-Fräuleins mit den schönen Klamotten und der schönen Frisur sehe, schlafe ich ein. Das ist mir zu langweilig. Ich habe von innen raus der Liz ein Gesicht gegeben. Liz steht morgens nicht stundenlang vor dem Spiegel, weil sie das gar nicht interessiert.

Auf Ihrer Homepage steht unter «später»: «Neuro-Philosophin, Bestsellerautorin, Kioskfrau, Baggerfahrerin?» Wie kommen Sie dazu?

Das ist letztlich Koketterie. Ich versuche mitzuteilen, dass es für mich noch ganz viele andere interessante Dinge gibt. Und das, was jetzt ist, ist nicht ausschliesslich. Hinter der Baggerfahrerin ist auch eine Sehnsucht nach einer archaischen Arbeit versteckt. Und es geht auch darum, eine gewisse Bescheidenheit zu wahren. Das, was wir Schauspieler machen, die Suche nach Wahrheit und Erdigkeit, passiert in einem geschützten Rahmen.

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