Fernsehserie

Symbolfiguren des Widerstands: Ein Blick hinter die Kulissen von «The Handmaid’s Tale»

Düstere Vision: In «The Handmaid’s Tale» werden Frauen wie June (Elisabeth Moss, 2.v.r.) von reichen Familien versklavt.

Düstere Vision: In «The Handmaid’s Tale» werden Frauen wie June (Elisabeth Moss, 2.v.r.) von reichen Familien versklavt.

Die Fernsehserie «The Handmaid’s Tale» wird durch #MeToo zusätzlich brisant. Ein Besuch bei den Dreharbeiten gibt einen Einblick in die noch düstere zweite Staffel.

Es ist ein strahlender Frühlingstag, aber der Empfang ist frostig. An der Tür zu den Cinespace Studios in Toronto stehen zwei grimmige Mägde in scharlachroten Umhängen und weissen Hauben. Ihre bitteren Gesichter sind verständlich, denn die Mägde aus der preisgekrönten Fernsehserie «The Handmaid’s Tale» (zu deutsch: «Report der Magd») haben wirklich nichts zu lachen: Aus ihrer nordostamerikanischen Heimat ist die dystopische Religionsdiktatur Gilead geworden, wo fruchtbare Frauen eine Minderheit sind und als Sex-Dienerinnen gehalten werden.

Wie konnte es so weit kommen? June Osborne (Elisabeth Moss) hatte einst eine eigene Familie, einen Job und trug einen Minirock. Jetzt wird sie Offred genannt, weil sie dem Kommandanten Fred Waterford (Joe Fiennes) gehört. Im Beisein von dessen Frau Serena (Yvonne Strahovski) muss sich Magd Offred nun regelmässigem Geschlechtsverkehr mit dem Hausherrn unterziehen, um dem Paar ein Kind zu gebären. Ihre einzige Hoffnung: Im Untergrund brodelt ein geheimer Widerstand …

Die auf dem 1985 erschienenen Roman von Margaret Atwood basierende Serie traf den Zeitgeist, als sie letzten Frühling startete: Mit Donald Trump als neuem Präsidenten, der sich selbst als Grapscher bezeichnete, und dem Millionen-Marsch der plötzlich um ihre Rechte bangenden Frauen war das Frühjahr 2017 ein fruchtbarer Boden für den Stoff, an dem sich 1990 Volker Schlöndorff schon versuchte. Der Streamingdienst und Netflix-Konkurrent Hulu verbuchte damit seinen ersten Hit. «The Handmaid’s Tale» räumte die wichtigsten Preise bei den Emmys und den Golden Globes ab.

Neue Folgen werden dunkler

Als Werbe-Gag geisterten während Wochen die seriösen Mägde paarweise oder in Gruppen als Schauer-Sujets durch die Strassen von Los Angeles – so wie eben die beiden «Türsteherinnen» bei unserem Studiobesuch. Weil an diesem Tag keine Statistinnen arbeiten, haben sich Megan von der Buchhaltung und Alex, eine Produktionsassistentin, den Spass erlaubt, uns verkleidet zu begrüssen.

«Wir haben bereits am zweiten Drehtag gemerkt, wie unglaublich cool eine Ansammlung von Mägden aussieht», lacht Serien-Schöpfer Bruce Miller während einer Tour durch das im Studio nachgebaute Haus der Waterfords. «Im wirklichen Leben sind wir hier alle befreundet, plaudern und lachen miteinander, aber man spürt einen Unterschied, wenn die Mägde in ihren roten Uniformen und wir Ehefrauen in unseren blauen Kostümen herumstehen», bestätigt Yvonne Strahovski, die privat ihre Kostümfarbe nun meidet.

«Ich kann es gar nicht richtig beschreiben: Wir Ehefrauen wirken kostümiert automatisch wie Snobs.» Schuldgefühle der Oberklasse? Für Elisabeth Moss, Star der Serie und dem TV-Publikum als feministische Vorreiterin Peggy aus «Mad Men» bekannt, gibt es diese Unterschiede jedenfalls nicht. «Ich bin kein Method Actor, der rund um die Uhr in seiner Rolle bleiben muss. So habe ich eigentlich immer Spass – mehr, als wir eigentlich bei solch düsteren Themen, die wir aufgreifen, haben dürften», sagt sie in einer Drehpause.

Die zweite Staffel setzt gemäss Bruce Miller einiges an Düsterem hinzu – zum Beispiel die KZ-ähnlichen Kolonien, wohin Frauen verbannt werden: «Wir werden einige unserer zentralen Figuren auf den radioaktiv verseuchten Feldern der Kolonien wiederfinden, wo sie Zwangsarbeiten verrichten müssen und im Gegensatz zu den Pferden dazu keine Gasmasken bekommen. Wir werden via Rückblenden auch mehr über die Vergangenheit unserer Protagonisten erfahren und wie aus Amerika überhaupt Gilead werden konnte.»

Miller und Roman-Autorin Margaret Atwood haben bereits während der Produktion der ersten Staffel besprochen, wie es mit «The Handmaid’s Tale» jenseits der Romanvorlage weitergehen könnte. Aber Atwood hat letztlich nur eine beratende Funktion. Sie hat die Rechte 1990 an MGM verkauft und profitiert nun vom Umsatz des Buchverkaufs.

«Noch besteht Hoffnung»

Der Dreh wird vom Studio hinaus in die anglikanische St.-Aidan-Kirche in der Nähe des Ontario-Sees verlagert. Gedreht wird das Ende der Staffel, entsprechend darf nichts verraten werden. Elisabeth Moss, die hier alle «Lizzie» nennen, hüllt sich in einen dicken, braunen Bademantel und setzt sich in einen der leeren Kirchenbänke. Das Ensemble wurde unter anderem um Bradley Whitford, Marisa Tomei sowie Cherry Jones als Junes Mutter in den Rückblenden aufgestockt. «Junes Mutter kommt im Buch vor, aber wir haben sie in der ersten Staffel nicht berücksichtigt», erklärt Moss, die auch als Produzentin amtet. «Das wollte ich nachholen, denn Junes Verhältnis zu ihrer Mutter beeinflusst sie nachhaltig. Zum Glück war Bruce damit einverstanden.»

Die Schauspielerin ist sich bewusst, dass «The Handmaid’s Tale» im #MeToo-Zeitalter an Bedeutung noch gewonnen hat: «Etwas vom Schlimmsten für June in der ersten Staffel war, dass Serena zuliess, was mit ihr geschah. Wie konnte eine Frau zusehen, wie eine andere Frau jeden Monat vergewaltigt wird? Sie beide zusammen wären doch ein starkes Team – das wird in der zweiten Staffel thematisiert», lässt sie vorausblicken.

Bruce Miller fügt zum Thema Frauen-Power stolz an, dass bei der ersten Staffel vier der fünf Regie-Verantwortlichen Frauen waren und bei der zweiten Staffel die Hälfte der Episoden von einer Frau inszeniert sind.

«The Handmaid’s Tale» als Aufruf zum Widerstand ist über Hollywood hinaus hörbar geworden. «Wir leben in Amerika in einer Pre-Gilead-Zeit, und die Mägde sind ein Symbol des Widerstands im Allgemeinen geworden», meint Serien-Produzent (und ehemaliger Präsident von NBC) Warren Littlefield. «Frauen tragen rote Umhänge und weisse Hauben bei Protest-Märschen. Auch über die Landesgrenzen hinaus, unlängst bei den Wahlen in Costa Rica.» Jeden Tag würden wir irgendwo daran erinnert, dass um Menschenrechte und um Frauenrechte gekämpft werden muss.

«Aber solange wir protestieren können, solange Kirche und Staat getrennt sind und Shows wie diese produziert werden, besteht Hoffnung», gibt Elisabeth Moss versöhnend zu bedenken, setzt sich ihre weisse Haube auf und verschwindet wieder in Junes Welt, die niemals Wirklichkeit werden darf.

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