Fiktionale Dokumentation

Stromausfall in der Schweiz: Auf Reportage in der Dunkelschweiz

Stromausfall: «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin wird zur Stimme der Krise.

Stromausfall: «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin wird zur Stimme der Krise.

Dsa Schweizer Fernsehen SRF widmet sich mit dem Thementag «Blackout» der Frage, wie unser Land auf einen Stromausfall reagieren würde. Das Resultat ist wenig elektrisierend

Jeder Schweizer Soldat kennt Krisenszenarien. «Rotland stösst mit Panzerverbänden durch die Linthebene …» Es ist wohl das Glück eines vergleichsweise krisen- und ernstfallfreien Landes, dass Zivilschutz, kantonale Krisenstäbe und Militär ihre Einsatzfähigkeit im Konjunktiv prüfen müssen. Mit leicht absurd wirkenden Szenarien. Die Schweiz supponiert sich seit Jahrzehnten durch hypothetische Krisen – jetzt auch noch am TV.

Am 2. Januar setzt das SRF dem gutschweizerischen Krisenszenario quasi ein Denkmal. Im Thementag «Blackout» gehen die TV-Macher (und in deren Schlepptau auch die Radiosender von SRF) von 13 bis 22 Uhr der Frage nach, wie die Schweiz auf einen mehrtägigen Stromausfall vorbereitet wäre.

Eine Kumulierung von Ereignissen führt zu diesem Ausfall: Wenig Wasser in den Flüssen schränkt die Stromproduktion ein und sorgt für Engpässe beim Transport von Kohle. Ein plötzlicher Kälteeinbruch und ein Wintersturm führen dann zum Totalausfall im Stromnetz.

Es ist «gemäss Risikoexperten eines der grössten und potenziell folgenreichsten Katastrophenszenarien». Stefan Brem, Chef Risikogrundlagen und Forschungskoordination beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz: «Ein Stromausfall über drei Tage in mehreren Kantonen könnte sich alle 30 Jahre ereignen.»

Na ja.

SRF betritt Neuland

Kern der achtstündigen Dauersendung ist ein mehrteiliger fiktiver Dokumentarfilm, der mehrere Protagonisten durch die stromlosen Tage begleitet. Den Netzspezialisten, der verzweifelt versucht, den Strom zurück in die Leitungen zu bringen. Die SBB-Angestellte, die gestrandete Züge zurück in die Bahnhöfe lotsen muss.

«Blackout» Tag 1: Der Strom fällt aus

Der Banker, der verzweifelt versucht, zurück zu seiner schwangeren Frau zu gelangen. Zu den fiktionalen Szenen, kommen dokumentarische Einstellungen au den Notfallübungen des Krisenstabs des Kantons Baselland und des Universitätsspitals Basel.

Eingebettet wird der fiktive Dok-Film am kommenden Montag durch mehrere Live-Talks, in denen realexistierende Expertinnen und Experten das fiktive Szenario einordnen. Damit betritt das SRF Neuland.

«Schweiz aktuell»-Moderatorin Sabine Dahinden weiht die Kopps ein – und dann passierts ...

Stromausfall bei den Kopps in Biberstein AG

Die Familie hatte ihren Auftritt bereits im «Schweiz aktuell», wie sie sich ohne Strom durch den Alltag schlägt, wird auch am «Blackout»-Tag zu sehen sein.

Die Auswirkungen eines totalen Stromausfalls wären weitreichend. So viel macht «Blackout» klar. Kein Strom heisst kein Wasser, kein Transport, keine Heizung, kein Geld. Mit ande-
ren Worten: Ohne Strom kommt das Leben, wie wir es kennen, zum Erliegen. Und die Schweiz ist nur unzureichend vorbereitet, wie die Sendungsmacher betonen.

Tatsächlich hat eine Sicherheitsverbundübung im Jahr 2014 ergeben, dass Behörden und Wirtschaft schlecht vorbereitet sind. Und doch: Richtig elektrisierend wirkt «Blackout» nicht.

Das hat vor allem auch damit zu tun, dass die Macher im Zweifelsfall auf Realismus statt auf Spannung setzen. Der Film soll nicht in erster Linie unterhalten, sondern vor allem auch sensibiliseren. Nathalie Rufer, Projektleiterin des Thementags, sagt: «SRF will das Bewusstsein der Bevölkerung für einen kompletten Stromausfall in der Schweiz schärfen.»

Wie ein Zivilschutz-Lehrfilm

«Blackout» wurde aufwendig recherchiert. Das Szenario wurde unter Mitwirkung von Fachleuten, Behörden und unabhängigen Experten entwickelt. Doch die inhaltliche Genauigkeit hat ihren Preis. Stundenlang schaut man Journalisten bei der Befragung von Schauspielern zu. Es fehlt an Dynamik, an Überraschung, an Dramaturgie. «Blackout» hat die Spannungskurve eines Zivilschutz-Lehrfilms.

Da hilft es auch nicht, dass alle Beteiligten im Vorfeld betonen, wie realistisch das Szenario ist und wie viel Sorgen sich die Menschen tatsächlich über die Stromversorgung machen.

Und so geht ein löbliches Experiment leider schief. Aber wirklich tragisch ist das nicht. Denn eigentlich können wir alle froh sein, müssen wir auf fiktive Dokumentarfilme zurückgreifen, wenn es um Grosskatastrophen geht.

Thementag «Blackout» 2. Januar 2017, 13 bis 22 Uhr, SRF 1.

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Autor

benno tuchschmid

benno tuchschmid

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