«Wir haben eine gute Bumsgeschichte, warum willst du eine Liebesgeschichte daraus machen?» Rhea (Nina Langensand) ist jung, hübsch und reich – und was sie will, das bekommt sie. Drogen, Geld und Sex. Dante (Matthias Britschgi) ist jung, pleite und die Liebste hat ihm den Laufpass gegeben. Er nimmt, was kommt. Dante und Rhea – die perfekte Partie, sollte man meinen. Doch ganz so einfach lässt Regisseur Sascha Weibel die Protagonisten in seinem dritten Spielfilm «Hard Stop», den er anlässlich der Solothurner Filmtage vorstellte, nicht davonkommen.

«Auf diesem Planeten geht es ausschliesslich um Sex und Geld. Alle anderen menschlichen Aktivitäten wie Wirtschaft, Kultur und Religion sind bloss Strategien, dahin zu kommen», findet Weibel. Mit sanfter Stimme sinniert der Regisseur, der in Zürich und Freiburg Physik, Philosophie und Psychologie studiert hat, über den Wert zwischenmenschlicher Beziehungen. Wahrscheinlich, sagt Weibel, sei die Liebe der einzige Ausweg, die vereinfachte Welt von Sex und Geld zu überwinden.

Eine Möchtegern-Femme-fatale

Doch die Liebe evoziert bei der experimentierfreudigen Rhea dunkle Ängste. Krampfhaft mimt sie die Möchtegern-Femme-fatale und nötigt den armen Dante, dem sie zufällig an einem lauen Sommernachmittag in Zürich über den Weg lief, zu sexuellen Eskapaden. Die ökonomische Strategie, von der Weibel spricht, teilt er in zwölf Episoden ein, in deren Zentrum der sexuelle Akt steht, der zwischen gemeinsamen Höhepunkten, brutaler Nötigung beiderseits und epischer Verzweiflung pendelt. Von Liebe keine Spur. Hemmungslos, ohne Verpflichtungen und Konsequenzen – so soll das Leben sein. «Brauchen wir nicht einen Gummi», fragt Dante beim ersten Mal. Rhea lakonisch: «Vergiss es. Das Leben ist so oder so zu lang!»

Und als sich der arme Dante dann schliesslich doch in die kaltschnäuzige Rhea verliebt und ihr aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag unterbreitet, treibt die Frau dem Mann das Messer noch tiefer ins Herz. Heiraten? Das sei doch langweilig. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen, findet Rhea.

Liebe stört

Liebe stört die zwischenmenschliche Ökonomie, stellt der Betrachter fest. Und es drängt sich die Frage auf, ob es in der modernen Erlebnisgesellschaft letztlich nur darum geht, das bessere Ende für sich zu behalten. Wäre es denn so einfach und wären da nur nicht diese verflixten Emotionen. Weibel spricht davon, dass der Mensch in der modernen Gesellschaft zum Profitcenter degradiert werde. Es gehe nicht mehr um Liebe, sondern um den materiellen Wert, vor allem dann, wenn es die Körper betreffe: «Wir prostituieren uns», sagt er knapp.

Weibel will seinen Film nicht als Pornografie oder Provokation verstanden wissen. Der Film sei kein inszenierter Skandal, es gehe lediglich darum, wie Menschen mit ihrer Sexualität umzugehen vermögen. Was Weibel harsch kritisiert, ist die seiner Meinung nach vorherrschende Prüderie in der heutigen Gesellschaft: «Auch in der dramatischen Kunst wird Sexualität meistens nur als kurze Episode eingefügt, zwischen der Phase des Verliebens und der nachfolgenden, durch die Sexualität entstandenen Beziehung – alles andere steht unter dem Generalverdacht der Pornografie.» Damit werde der explosiven Kraft der Sexualität viel weniger Raum und Bedeutung gegeben, als sie im subjektiven Empfinden und Denken habe.

Porno kommt in Mode

Angst, dass sein Film als Pornografie und deshalb als künstlerisch minderwertig wahrgenommen werden könnte, muss Weibel ohnehin nicht haben. Erst kürzlich eroberten die grössten Porno-Stars der 70er die Cinémathèque Française. Anlässlich des Erscheinens von Christophe Biers «Dictionnaire des Films Français Pornographiques et Erotiques» trafen sich dort die Protagonisten des goldenen Porno-Zeitalters zur grossen Revival-Party. Doch das ist eine andere Geschichte.

Weibel kritisiert, dass ein allgemeiner Konsens herrsche, immer weniger Haut zu zeigen und spricht von einer Renaissance der Prüderie, die sich im Film niederschlage – ganz nach amerikanischem Vorbild.

«Hard Stop» arbeite mit einer radikalen Dramaturgie, sagt derweil die Direktorin der Solothurner Filmtage Seraina Rohrer. Er zeige die sexuelle Weiterentwicklung zweier junger Menschen, setze den Fokus auf die Körperlichkeit und lote damit die Grenzen zur Gewalt aus. Nicht zuletzt deshalb habe der Film Eingang ins Programm gefunden, sagt Rohrer.

Bleiben da noch die etwas hölzernen Dialoge, die der Filmemacher seinen Figuren in den Mund legt. Weibel verpasst es, die Bilder für sich sprechen zu lassen und entzieht so entscheidenden Wendungen ihre Brisanz. Das ist schade, denn der Betrachter braucht keine mündliche Erklärung für die zwischenmenschliche Malaise.