Von Kopf bis Fuss verhüllt: Das Festivalvolk war dieses Jahr so unterwegs, als hätte es die Abbildung auf den omnipräsenten Burka-Plakaten als hilfreiche Kleidungsanweisung verstanden. Der offenbar kälteste Januar seit 30 Jahren machte die kurzen Strecken zwischen den verschiedenen Spielstätten zur Qual.

Doch hatte man es – im Eiltempo, versteht sich – erst einmal in den nächstgelegenen Kinosaal geschafft, dann konnte es einem an den Solothurner Filmtagen, die am Donnerstag zu Ende gegangen sind, dieses Jahr besonders warm ums Herz werden.

Denn was sich bei den eisigen Temperaturen herauskristallisierte, war, dass wir hier den vielleicht besten Jahrgang des Schweizer Films aller Zeiten gesehen haben. Ein Jahrgang, der es auch fernab von Solothurn und der Landesgrenzen beispiellos weit gebracht hat.

Die Erfolgsmeldungen trafen zuerst im Wochen-, dann gar im Tagesrhythmus ein: Rekordfilm «Heidi» mit 3,5 Millionen verkauften Kinotickets weltweit; «Ma vie de Courgette» Sieger beim Europäischen Filmpreis, dann für den Golden Globe nominiert, und jetzt sogar für den Oscar; «La femme et le TGV» mit einer historischen zweiten Oscar-Nominierung für die Schweiz; «Die göttliche Ordnung» mit rekordverdächtigen sieben Nominierungen für den Schweizer Filmpreis, mit dem Prix de Soleure der Filmtage und mit einem Weltvertrieb, der den Film nun in internationale Kinomärkte verkaufen wird.

Zum Greifen nah

Für einige dieser Filme («Die göttliche Ordnung») begann die Erfolgsgeschichte in Solothurn, andere sorgten an renommierten internationalen Festivals wie Locarno («La femme et le TGV»), Cannes («Ma vie de Courgette»), Berlin («Aloys») oder Venedig («Ruah«) für Furore. Doch erst an den Filmtagen kommen all ihre Macher zusammen, Solothurn ist der Ort, wo die Helden des Schweizer Films nach Hause kommen, um uns ihre wunderbaren Werke höchstpersönlich vorzustellen.

Frauenpower an den Solothurner Filmtagen

Frauenpower an den Solothurner Filmtagen (20. Januar 2017)

Am Donnerstagabend eröffneten die Solothurner Filmtage. Der Abend gehörte den Frauen. Der Eröffnungsfilm thematisierte den Kampf um das Frauenstimmrecht in der Schweiz im Jahre 1971. Bei der Filmpremiere mit dabei war auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Ob im Landhaus, in der Reithalle oder im Konzertsaal: Für einige Minuten sind die Götter-Frauen und Oscar-Jungs zum Greifen nah, bevor sie ihr Triumphzug weiter nach Saarbrücken, Los Angeles, Kopenhagen, New York und sonst wohin führt. Dann gibt es magische Momente, etwa wenn der 27-jährige «La femme et le TGV»-Regisseur Timo von Gunten dem Filmtage-Publikum beichtet, er sei einst von der Filmschule geflogen, wisse nun aber dank seiner OscarNominierung, dass er seinen Beruf wohl nicht ganz verfehlt habe.

Oscar-Anwärter auch für Schweizer Filmpreis nominiert

Oscar-Anwärter auch für Schweizer Filmpreis nominiert (26. Januar 2017)

Am Mittwochabend wurden an den Solothurner Filmtagen die Nominierten für den Schweizer Filmpreis bekanntgegeben. Mit dabei sind die Macher der Filme «Ma vie de Courgette» und «La femme et le TGV». Beide Filme sind bereits für die Oscars nominiert. Ebenso Erfolg hatte der Film «Die göttliche Ordnung». Er wurde in insgesamt sieben Kategorien nominiert. Der Schweizer Filmpreis wird am 24. März in Genf vergeben.

Oder wenn «Ma vie de Courgette»-Produzent Max Karli auf der Bühne von den 30 bis 40 Aufführungen ihres Filmes für die Oscar-Jury in Los Angeles erzählt – und dabei scherzt, er und Regisseur Claude Barras hätten nie gewusst, woran sie seien, weil die Amerikaner einfach alles, was sie sehen, als «great, beautiful, fantastic!» bezeichneten.

Alle lagen sich in den Armen

Die Solothurner Filmtage sind vielleicht auch der einzige Ort im Filmland Schweiz, wo so etwas wie kollektive Ekstase möglich ist. Nachdem am Dienstagnachmittag die Oscar-Nominierungen verkündet worden waren, ging ein Raunen durch die Stadt und das Festivalvolk lag sich überglücklich in den Armen.

Ähnliche Szenen am Mittwoch bei der Nacht der Nominationen für den Schweizer Filmpreis. Mit jeder der sagenhaften fünf Nominierungen steigerte sich der Jubel bei Regisseur Tobias Nölle und seiner «Aloys»-Crew ins Unermessliche. Für Nölle, der mit seinem zauberhaft verschrobenen Langfilmdebüt vor rund einem Jahr an der Berlinale den Kritikerpreis gewann, schloss sich in Solothurn ein Erfolgskreis.

Man kann diese Leistungen, diese Freude, diesen Optimismus nicht genug betonen. Der Schweizer Film leidet seit Jahren unter einem Imageproblem; einfallslos, behäbig, Dialoge für die Tonne, so lauten die Dauervorwürfe des Schweizer Kinopublikums, das sich lieber Dutzendware aus Hollywood reinzieht als Filme, die unweit ihrer eigenen Haustüre entstanden sind. Eklatant: Nur etwa 5,5 Prozent aller Kinotickets wurden 2016 für einen Schweizer Film gelöst.

Doch wer an den Solothurner Filmtagen war, weiss: Wir können stolz sein auf unsere Filmschaffenden. Sie überzeugen mit bissigen, relevanten Stoffen und finden aufregende neue Wege, ihre Themen umzusetzen. Obwohl sich ihre Produktionsbedingungen wegen des politischen Isolationskurses der Schweiz verschlechtert haben, sind sie so erfolgreich wie nie zuvor. Das verdient Wertschätzung – aber vor allem auch: ein neugieriges Publikum.