Eine Weltpremiere und der Hauptdarsteller fehlt! Thomas Hirschhorn könne nicht dabei sein, sagte die Moderatorin in der Reithalle Solothurn – und begrüsst den Regisseur und die Crew des Dokumentarfilms «Thomas Hirschhorn Gramsci Monument». 

Trailer zu Gramsci

«Ich habe den Film aus einem Zwiespalt heraus angepackt», sagt Regisseur Angelo Alfredo Lüdin. Den Anstoss gab ihm ein Besuch von Thomas Hirschhorns wuchernder Installation im Schweizer Pavillon an der Biennale Venedig. Ob die Zweifel nach der monatelangen Arbeit mit dem exzentrischen Künstler und seinem sozialen Kunstprojekt in der New Yorker Bronx verschwunden sind? Leider hat ihn das die Moderatorin nach dem Film nicht gefragt.

Hirschhorn, das Enfant terrible der Schweizer Kunstszene, polarisiert das Publikum, wie die Lacher zeigen. Zu lachen gab es manches, obwohl der Film mit kühlem und kritischem Auge beobachtet. Beobachtet wie Thomas Hirschhorn auf Einladung der Dia Foundation in den sozial schwierigen Forest Houses, sein Gramsci-Monument aufbaute. Gramsci? Ja, das fragten erst die Filmer und dann die Sozialhilfebezüger auch. Antonio Gramsci, so erklärte der Künstler, war ein italienischer Philosoph und Kommunist, der aus dem Gefängnis Briefe schrieb. Diese enthalten für Hirschhorn elementare Gedanken wie «Jeder ist ein Intellektueller». Deshalb möchte er Gramsci einmal mehr ein temporäres Denkmal setzen, ein Sozialprojekt. Er baut mit einem Dutzend Leuten aus der Bronx aus Paletten und Holztafeln einen Pavillon. Da wird gestapelt, gesägt, verschraubt – und erklärt. Der Widerspruch zwischen Hirschhorns Künstler-Ambitionen und dem Anspruch der Menschen von Forest Houses ist eklatant – und auch Anlass für Konflikte.

Natürlich schätzt der Staff in den roten Einheits-T-Shirts die bezahlte Arbeit (12 Dollar pro Stunde), für den einen ist es gar sein erster bezahlter Job. Aber wenn der Künstler ihm verbietet, wegen seiner verlorenen Kreditkarte zu telefonieren – die Arbeit für die Kunst sei wichtiger –, dann ist ein Zusammenprall unvermeidbar. Doch die Arbeiter sind willig. Herrlich die Szene, wenn zwei der Männer alle Sitzkissen mit Klebband umwickeln müssen. Sie begreifen es nicht, finden, im Sommer werde man darauf unangenehm schwitzen. Aber so what: Thomas liebt Klebband, also werden Tausende Rollen verklebt. Auch vom Künstler selber. Der reagiert aber auf die Frage nach dem Sinn einmal mehr ziemlich ungehalten.

«Wir filmten gegen eine Wand», sagte Kameramann Pio Corradi. Und meinte damit Thomas Hirschhorn, der die Filmer auch mal beschimpfte. Trotzdem ist Regisseur Angelo Alfredo Lüdin, Kamermann Pio Corradi und der Cutterin Miriam Krakenberger ein Film gelungen, der das Abenteuer Gramsci Monument unterhaltsam beleuchtet. Sie kommentieren nicht. Geschickt aber, wie sie immer wieder zwei Beobachterinnen zu Wort kommen lassen, Frauen, die auf der roten Bank vor dem Pavillon sitzen, staunen, froh sind über die Abwechslung, vieles aber nicht begreifen. Auch Erik, der Chef des Quartiers, ist in seinem Rollstuhl omnipräsent. Er schlichtet, organisiert – und erklärt vieles über den Alltag in der Bronx.

Im Gramsci Monument wird Radio gemacht, eine Bar betrieben, eine Zeitung gedruckt, die Quartierbewohner haben Computer zur Verfügung. Aber nach wenigen Wochen ist Schluss, wird alles abgebrochen. Was bleibt?

Der Film ist weder Verherrlichung noch wird Thomas Hirschhorn demontiert. Aber ob er dem Künstler gefallen wird? Und noch eine Frage diskutierten viele Besucher nach dem Film: Konnte Thomas Hirschhorn nicht zur Weltpremiere kommen – oder wollte er nicht?

Der Teufelsmaler

Diese Frage stellt sich bei Heinrich Danioth nicht. Der Urner Künstler ist 1953 gestorben und ist seither von der Kunstlandkarte fast verschwunden. Nun hat Felice Zenoni mit den beiden Töchtern es angepackt, das schwierige Leben des Malers in der Altdorfer Enge und in der Weite der Berge zu dokumentieren. Gemälde, Familienfotos, historische Dokumente und Landschaftsaufnahmen kombiniert Zenoni mit den Erzählungen der beiden Töchter, Aussagen von Zeitgenossen und Kunsthistorikern. Das erprobte Muster eines biografischen Dokumentarfilmes bewährt sich auch hier. Mit Zitaten aus Briefen und Tagebüchern wird auch bei Danioth der Konflikt zwischen künstlerischem Wollen, Zeitumständen und der Kritik der Zeitgenossen lebendig. Ein Konflikt, der sich nicht zuletzt an seiner Darstellung des Teufels über der Schöllenenbrücke entzündete.

Trailer zu «Danioth der Teufelsmaler»

Trailer zu «Danioth der Teufelsmaler»

Der Experimentalfilm

Kein Feuer zu entzünden vermochte dann allerdings der dritte Künstlerfilm des langen Solothurner Tages: San Kellers Experimentalfilm «The L Word – No mas metales». Die Ausgangslage klang noch spannend. Der Künstler San Keller reist nach Los Angeles, um einen Kunstsammler zu suchen, der ein Werk von Andy Warhol gegen alle Werke von Martin Disteli aus dem Besitz des Kunstmuseums Olten tauschen möchte. Also wandert der Künstler durch Strassen und Villenquartiere, steht mit einem unverständlichen Plakat da, wandert, isst, schaut fern und zitiert Reden über Liberalismus. Und wir sassen da, verstanden noch weniger als die beobachtenden Frauen vor Hirschhorns Gramsci Monument – und fragen uns zum Schluss nur noch: Warum tragen Schweizer Künstler in den USA – also Thomas Hirschhorn wie San Keller - immer blaue Hemden und dunkle Hosen? 

Trailer zu No mas metales

Thomas Hirschhorn – Gramsci Monument Reithalle, Di 27. Januar, 17.30 Uhr. Ab 29. Januar im Kino.

Danioth der Teufelsmaler Läuft aktuell im Kino.

The L Word – No mas metales Kino Canva Blue, Di 27. Januar, 20.15 Uhr.