Service Public
So gut ist das SRF: ein Streifzug durch das Unterhaltungs-Angebot

Die Schweiz zankt sich darum, wie und ob das SRF unterhalten darf. Die einen fordern mehr Fernsehen für Kinder, andere finden: Kochsendungen raus! Wir haben uns durch den Entertainment-Dschungel gezappt.

Benno Tuchschmid und Stefan Künzli
Drucken
Teilen
SRF: Buntes Allerlei mit einer kräftigen Prise Heimat

SRF: Buntes Allerlei mit einer kräftigen Prise Heimat

Die Unterhaltung über die Unterhaltung im SRF ist gehässig: Von linker Seite schreit es «Fernsehen für Kinder» (Jo Lang, Vizepräsident der Grünen) und «die Bespassung des Publikums ist kein Service-public-Programm» (Anita Fetz, SP-Ständerätin). Bürgerliche wollen keine Kochsendungen (Gregor Rutz, SVP-Nationalrat) und drohen: «Bei der Unterhaltung muss die SRG Federn lassen» (Christian Wasserfallen FDP-Nationalrat). Aber wie unterhält das SRF die Schweiz eigentlich? Die «Nordwestschweiz» hat eingeschaltet. Eine unvollständige Liste der Heiterkeit.

Aeschbacher

Ja, er sendet noch. Kurt ist Kult, denn Kult wird im Medienbereich gemeinhin für TV-Personal verwendet, das von seinem Ruf zehrt. Kurt «Aeschbi» Aeschbacher entspricht dieser Definition. Doch sein Handwerk beherrscht er immer noch. Es ist das Handwerk des weichgezeichneten Wohlfühl-Talks. Auch wenn die Mimik von Aeschbacher an Elastizität verloren und die Gesichtshaut an Straffheit gewonnen hat: Bei Aeschbacher menschelt es. Und ist das nicht auch Service public? Für Roger de Weck jedenfalls gehört «menschenwürdige Unterhaltung» dazu. Und zumindest die Würde lässt Aeschbacher seinen Gästen. Neben allerlei Semi-Prominenz und Kultur-Sternchen sitzen auch immer wieder Normalbürger mit berührenden Schicksalen in Aeschbachers Labor-Bar und werden vom Grossmeister des Kuschel-Interviews verabschiedet mit Sätzen wie: «E iidrücklechi Gschicht, wo mir all no chöne e Lehrblätz druus zie.»

Fazit: Solange das Völkerrecht in der Schweiz gilt, weiter ausstrahlen.

Die Millionen-Falle/1 gegen 100

Es gibt zwei Quiz-Allzweck-Waffen beim SRF: Susanne Kunz und René Rindlisbacher. Während man sich bei ihr fragt, wann sie endlich eine Sendung kriegt, die ihren Fähigkeiten entspricht, versucht man sich bei ihm zu erinnern, was sein damaliger Partner bei den Schmirinskis heute beruflich macht. Die beiden Sendungen sind dann das, was Quiz-Sendungen auf der ganzen Welt sind: von Spannungsmusik untermalte Operetten der Langeweile. Kunz ist charmant. Rindlisbacher schmirinskelt sich Dialekte nachäffend durchs Programm. Aber unterhaltsam ist es alleweil. Ach ja: Der andere Schmirinski, Stefan Schmidlin, fertigt jetzt Holzskulpturen.

Fazit: Wieso gibt es eigentlich «Risiko» nicht mehr? Ach ja, der Fussballer Moldovan.

Die Jasssendungen

Roman Kilchsperger beginnt seine Jass-Show tatsächlich singend («Guete Abig mitenand, ide Stadt und ufem Land»). Neben ihm kalauert sich sein Aussenmoderator Reto Scherrer durch den Abend. Scherrer gehört zur Spezies Humoristen, die ihr Publikum augenzwinkernd auf Pointen aufmerksam machen. Wird erst einmal gejasst, dann nimmt der Unterhaltungsfaktor exponenziell zu. Weil beim Jassen jeder lustig sein kann und Gäste wie Polo Hofer oder Dölf Ogi mit Karten in der Hand noch etwas lustiger sind als der durchschnittliche Jasser. Klar, das Kartenspiel ist Volkskultur. Haben wir verstanden. Wieso es aber gleich drei Jasssendungen geben muss («Donnschtig-Jass», «Samschtig-Jass», «Kilchspergers Jass-Show»), bleibt ein Rätsel. Darunter leiden dann andere volkstümliche Randsportarten wie Kegeln, Ciao Sepp oder Schnupf-Tabak schnupfen.

Fazit: «Donnschtig-Jass» ersetzen durch: «Stefan Klapproths Kegel-Show». Oder «Zischtigs-Schnupfete».

Sing mit Deinem Star

Nein, nicht schon wieder singende Kinder. Nach dem 10-jährigen Flavio Rizello bei «Die grössten Schweizer Talente» versuchen sich bei «Sing mit deinem Star» gleich fünf Kinder als Sängerinnen und Sänger. Es bleibt beim Versuch. Da helfen auch die fünf «Stars» Fabienne Louves, Eliane, Baschi, Adrian Stern und Luca Hänni nicht weiter. Gar horrormässig war die Quote. Mit 13,8 Prozent war sie so tief wie noch nie an einem Samstagabend. Ein Mega-Flop. Zugegeben: Die Konkurrenz war an der Premiere am 16. Mai stark (u.a. der DSDS-Final). Aber mal ehrlich. Wer ausser Kindern und den Familienangehörigen will das sehen? «Sing mit deinem Star» ist ein typisches Produkt aus der innovationsarmen SRF-Unterhaltungsfabrik. Es ist der klägliche Versuch, eine Kinderstube in eine Samstagabend-Show zu verwandeln. «Wir werden die Show konzeptuell sicher weiterentwickeln», heisst es bei SRF. Das klingt nicht gerade verheissungsvoll.

Fazit: Gute Unterhaltung ist halt kein Kinderspiel.

Giacobbo/Müller

Es ist zum Volkssport verkommen, seine Abneigung gegenüber Giacobbo/Müller lautstark auszudrücken. Und natürlich, bei der Moderation wackeln hin und wieder die Pointen, das Timing hinkt öfters. Aber trotzdem war die letzte Staffel passabel. Phasenweise sogar richtig gut. Wenn die Sendemacher Reden von Köppel und Blocher übereinanderschneiden und die wortwörtlich identischen Inhalte der beiden SVP-Schwergewichte entlarven, wenn sich Giacobbo als Susanne Leutenegger und Müller als Toni Brunner vis-à-vis sitzen, dann ist das etwas vom Witzigsten im Comedy-Bereich bei SRF. Eine kleine Relativierung bleibt: Es gibt in diesem Bereich halt eigentlich auch nichts anderes als Giacobbo/Müller.

Fazit: Bitte den Schwung mitnehmen.

Glanz und Gloria

Das People-Format steht für vieles, was die Politik an der SRG-Unterhaltung kritisiert. Aber ganz genau genommen nimmt die Sendung schon auch einen öffentlichen Service wahr: Sie kreiert Stars in einem Land ohne Stars. In einem Studio, das den Charme einer Kontaktbar aufweist, tratschen Dani Fohrler, Annina Frey und Co. über die neusten amourösen Verbandelungen der Cervelat-Prominenz – die gefühlt zur Hälfte aus SRF-Mitarbeitern besteht. «Glanz und Gloria» ist ein Fegefeuer des Fremdschams. Die Palette reicht von Peter Müller über Francine Jordi bis Irina Beller.

Fazit: Jetzt wissen wir, dass es auch in der Schweiz gewisse Dinge einfach nicht gibt: Zum Beispiel Prominente, die sich in einem TV-Boulevard-Magazin nicht blamieren.

Güsel/Experiment Schneuwly

Es gibt zwei Formate, die zeigen, woran es dem SRF in der Unterhaltung mangelt. Die beiden Web-Only-Formate «Güsel» und «Experiment Schneuwly». Es gibt im ganzen Programm von SRF keine Sendung, die auch nur annähernd so witzig, so innovativ und so präzise ist. Endlich schweizerdeutsche Texte, die nicht nach Hochdeutsch-Übersetzungen klingen, giftig sind und unheimlich viel über die Schweiz sagen, ohne abgehoben zu sein.

Fazit: Wo bleibt der Primetime-Sendeplatz?

Happy Day

Eine Sendung wie eine Hochzeitstorte: süss, bunt, kitschig, aber letztlich ungeniessbar. Es gehört zu den grossen Mysterien, wieso der begnadete Live-Moderator Röbi Koller sein Talent in diese Zuckerguss-Sendung verschwendet. Wenigstens versuchen die Sendemacher in den von romantischen Pop-Songs (wie «You lift me up») untermalten Tränendrüsen-Zeitlupen nicht einmal den Anschein zu erwecken, dass den Zuschauer mehr erwarten könnte als eine Taschentuch-Show.

Fazit: Integral in einen privaten TV-Sender verpflanzen.

Mini Beiz, dini Beiz

Irgendwas mit Kochen scheint heute jeder deutschsprachige TV-Sender im Programm haben zu müssen. Vom tätowierten Bio-Produkte-Chefkoch über den schnauztragenden Sterne-Magier bis zum Retter maroder Landgasthöfe: Hauptsache, es brutzelt. Beim SRF hat man sämtliche Zutaten in den Mixer gesteckt und eine Portion Service-public-Glutamat beigemischt. Das Resultat: «Mini Beiz, dini Beiz». Jede Woche gehen fünf Stammgäste fünf Tage auf Tour und schnöden und mäkeln sich durch die Regionen der Schweiz.

Fazit: Gibt kein Trinkgeld.

Potzmusig

«Potzmusig» ist die Sendung für die Schweizer Volksmusik. Mehr noch: Die von Hackbrettler Nicolas Senn (25) moderierte Sendung ist die einzige regelmässige Sendung im Schweizer Fernsehen, die sich mit Musik befasst. Dazu ist es die einzige Fernsehsendung, in der alles live performt wird. Die Auftritte sollen authentisch wirken. Das ist löblich. Doch damit haben sich die positiven Elemente schon erschöpft. Der aalglatte Moderator aus St. Gallen mag die Herzen der Schwiegermütter erobern, unsere bleiben kalt. Senn ist durchaus engagiert, geht an Schauplätze, wo die Musik stattfindet. Aber inhaltlich bleibt er stets an der Oberfläche. Mit dem 25-jährigen Senn, der auch bei Bligg Hackbrett spielte, will das Schweizer Fernsehen der Volksmusik einen jugendlichen Touch verleihen. Vergeblich. Von vorgestern ist vor allem das Studio-Dekor, das den Charme der verstaubten 50er-Jahre versprüht. Schwer vorstellbar, dass sich Jugendliche die Sendung anschauen.

Fazit: Die Renovation der traditionellen Volksmusik-Sendung ist auf halbem Weg stecken geblieben.

SRF bi de Lüt

Die ehemalige Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre versuchte wieder «bi de Lüt» zu sein. Das Resultat ist das Swissness-Mosaik «SRF bi de Lüt», zu dem Sendungen wie «Landfrauenküche», «Hüttengeschichten» und «Selbstgemacht» zählen. Showmaster ist der Funktionsjacken tragende Sympathiebolzen Nik Hartmann, der in «SRF bi de Lüt – Wunderwelten» das schöne Schweizerland erkundet. Postkarten-Romantik für urbane Freizeit-Wanderer und rurale Heimatverliebte. Aber ja: Die Bilder sind schön, die Geschichten auch und die Quoten ebenfalls. Allerdings kann man es auch wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» sehen: «Der Schweiz-Bezug der öffentlich-rechtlichen Programme in der Deutschschweiz ist so penetrant wie wohl nie seit dem Zweiten Weltkrieg und der geistigen Landesverteidigung, als öffentlich wahrscheinlich sogar weniger Mundart gesprochen wurde.»

Fazit: Hübsch, aber gibt es in der Schweiz auch Städte und Ausländer?

The Voice/Die grössten Schweizer Talente

Die Casting-Sendungen «The Voice of Switzerland» und «Die grössten Schweizer Talente» sind die Feigenblätter des Schweizer Fernsehens. Sie geben vor, etwas für den Schweizer Nachwuchs sowie die Pop- oder die Showszene zu tun. Doch eigentlich sind es Quotenbolzer für das öffentlich-rechtliche Fernsehen oder Wasserträger für ausgewählte Exponenten der Musikindustrie. Dabei wäre der Boden in der Schweiz fruchtbar. Vor allem in der ersten Staffel von «The Voice», der Nachfolgesendung von «MusicStar», war die Qualität der Kandidatinnen und Kandidaten herausragend. Die Chance war da, den Schatten von «MusicStar» abzustreifen. Doch das Schweizer Fernsehen hat sie verpasst. Am Leutschenbach ist man den Beweis schuldig geblieben, dass es in erster Linie um Talentförderung geht. Im Scheinwerferlicht stehen vielmehr die Moderatoren und die populären Juroren. Da ist es wieder, das grosse Imageproblem der Schweizer Castingsendungen.

Fazit: Hmm ... wie hiess nochmal die letzte Siegerin von «The Voice»?

Aktuelle Nachrichten