Zach Braff, die meisten von uns kennen Sie als den schrulligen Mediziner J.D. aus der TV-Serie «Scrubs». Sie sind aber auch ein begabter Regisseur. Wann haben Sie das Filmemachen für sich entdeckt?

Zach Braff: Das war schon als Kind mein Traum! Ich mochte es nicht nur, zu schauspielen, sondern auch zu fotografieren und Geschichten zu erzählen. Bei meinem Abschluss an der Filmschule war mir klar, dass ich beide Pfade einschlagen möchte, Schauspielerei und Regie. Ich ging an Castings und machte gleichzeitig Produktionsassistenz. Als ich dann mit «Scrubs» meinen Schauspiel-Durchbruch hatte, öffneten sich Türen. Ich konnte meinen ersten eigenen Kinofilm drehen und bei einigen «Scrubs»-Episoden Regie führen.

Ihr Regiedebüt «Garden State» erschien 2004 und gilt als Kultfilm der Nullerjahre. Sie wurden damals überall als grosse Regiehoffnung gefeiert. Warum hat es ganze zehn Jahre gedauert bis zu Ihrem zweiten Film «Wish I Was Here»?

Meine Ideen sind unkonventionell. Da ist es schwierig, Unterstützung zu finden. Studios wollen keine Risiken eingehen. Ich habe während der letzten zehn Jahre mehrere Filme geplant, aber sie fielen immer auseinander. Also finanzierten wir «Wish I Was Here» per Crowdfunding. Nur dank den Spenden der Fans war dieser Film möglich. Ohne Studioeinmischung konnte ich einen Film für sie machen. Wer «Scrubs» und «Garden State» mochte, wird auch an «Wish I Was Here» Gefallen finden.

Sie spielen darin einen erfolglosen Schauspieler, der aus Verzweiflung sogar für Rollen vorspricht, auf die er keine Chance hat – zum Beispiel als Afroamerikaner. Was war Ihr bizarrstes Erlebnis bei einem Casting?

Castings für Werbespots sind extrem erniedrigend. Früh in meiner Karriere musste ich mal ein Huhn nachspielen. Ich musste in die Hocke gehen, mit meinen Armen flattern und den Text «I feel like chicken tonight» singen. Danach ging ich nie mehr zu einem Werbecasting!

Ihre Filmfigur in «Wish I Was Here» muss ihren Traum von der Schauspielerei aufgeben, um sich besser um die Familie kümmern zu können. Geht denn nicht beides? Sie selber haben Ihre eigenen Leinwandträume ja verwirklicht.

Anders als meine Filmfigur habe ich keine Kinder, die ich versorgen muss. Wie lange kann man seiner Passion nachgehen? Darauf gibt es keine einfache Antwort, das muss jeder für sich entscheiden. Ich denke, sobald du Frau und Kinder hast, solltest du nicht mehr egoistisch handeln.

«Wish I Was Here» und «Garden State» handeln von Menschen, die feststecken, nicht weiterkommen.

Die zentrale Frage der menschlichen Existenz lautet für mich: Wie schaffe ich es, im Hier und Jetzt zu leben, den Moment zu nutzen? Meine Filmfiguren lernen, sich aus einer Lethargie zu lösen und die Flüchtigkeit des Augenblicks zu schätzen.

Fühlten Sie sich in den neun Jahren bei «Scrubs» jemals so, als würden Sie feststecken?

Am Ende schon. Da spürte ich, dass wir nichts mehr Neues zu erzählen hatten. Viele Leute waren traurig, als die Serie 2010 zu Ende ging. Aber es kam der Zeitpunkt, an dem wir eingestehen mussten: Lasst uns lieber zu einem guten Abschluss finden, als bloss die alte Leier immer wieder anzustimmen.

All Ihre Figuren – in «Scrubs», «Garden State» und nun auch in «Wish I Was Here» – geben sich der Tagträumerei hin. Ist das auch beim echten Zach Braff der Fall?

Ja. Es kommt oft vor, dass meine Freunde vor meinem Gesicht mit den Fingern schnippen und mich fragen, wo ich wieder mit meinen Gedanken bin. Ich bin sehr nachdenklich. Aber meine Tagträume sind nicht ganz so skurril wie jene von J.D. in «Scrubs».

Trailer zu I wish I was here

Skurrile, schräge Einfälle zeichnen auch Ihre Filme aus.

Sie sind aus dem echten Leben gegriffen. Wie meine Figur in «Garden State» ging ich mal zu einem Neurologen, der so viele Diplome hatte, dass er sie sogar an die Decke gehängt hat. Ein anderes Mal schmiss ich meine Kontaktlinsen weg und fragte mich plötzlich: Was habe ich durch diese Linsen schon alles gesehen? Deshalb sammelt eine Figur in «Wish I Was Here» all seine jemals getragenen Linsen in einem Wasserbehälter. Ich mag diese schrägen Momente, sie machen einen Film authentisch.

Gab es bei den Dreharbeiten einen besonders schrägen Moment?

Ja. In einer Szene müssen sich die beiden Kinder gegenseitig zu Höchstleistungen beim Fluchen antreiben. Die echte, hochreligiöse Mutter meines jungen Filmsohns sagte mir am Telefon, er dürfe auf keinen Fall «Fuck» sagen. Also fragte ich, ob er denn Sachen wie «haarige Eier» oder «Arschgesicht» sagen darf, und sie meinte: ja klar! Ich dachte mir: Super, das ist viel lustiger!

Sie stellen für Ihre Filme auch immer grossartige Soundtracks zusammen. Wie finden Sie den perfekten Song für eine Filmszene?

Intuitiv. Mein Cutter und ich probieren bei einer Szene mehrere Songs aus. Wenn sich auf unseren Armen die Haare aufstellen, funktioniert der Song. Bei «Wish I Was Here» zeigte ich zudem einigen meiner Lieblingsbands, wie Bon Iver und The Shins, ein paar Szenen, und bat sie, passende Songs einzuspielen.

Müssen wir uns auf den nächsten Zach-Braff-Film wieder zehn Jahre gedulden?

Nein, nein! Aber nach diesem epischen Jahr brauche ich bald eine Verschnaufpause. Am liebsten würde ich auf mein Bett fallen und mich in der Fötusposition zusammenkauern!(lacht)

Wish I Was Here - am Montag, 29. September, am Zürich Film Festival. 18.15 Uhr, Arena.