Frau Huber, Sie haben 2012 den Dokumentarfilm «Harry Dean Stanton: PartlyFiction» gedreht. Wie kam es dazu?

Sophie Huber: Ich hatte Stanton schon Jahre zuvor in seiner Stammbar in Los Angeles kennen gelernt. Wir fanden sofort einen guten Draht zu einander, und daraus entstand eine Freundschaft. Mir fiel auf, dass Stanton regelmässig sang – zu Hause, an Festen, in der Bar. Einmal pro Woche spielte er mit seiner Band. Seine Stimme berührte mich, aber niemand hielt das jemals fest. Nachdem ich ihn von Musikaufnahmen überzeugen konnte, kam mir die Idee, mit dem Material auch filmisch etwas zu machen.

War Stanton sofort bereit, im Film mitzuwirken?

Keineswegs. Ich benötigte etwa ein Jahr an Überzeugungsarbeit.

Warum zierte er sich?

Das weiss ich bis heute nicht genau. Ich vermute, er wollte einfach nicht über sich selbst reden. Dass darauf Regisseure wie David Lynch oder Sängerinnen wie Debbie Harry diesen Part übernahmen, bewegte ihn schliesslich zum Mitmachen.

Sie haben auch den Soundtrack zum Film produziert, der 2014 erschien. Bekamen Sie von Stanton Reaktionen auf Ihre Arbeit?

Ja, der Film und das Album haben ihm sehr viel bedeutet. Nicht zuletzt, weil er bedauerte, nicht schon früher etwas aus seiner musikalischen Ader gemacht zu haben.

Hatten Sie in den letzten Monaten noch Kontakt zu ihm?

Ja. Während der Arbeit an meinem neuen Film vernahm ich, dass es ihm nicht gut gehe. Es hiess, dass er wohl im Juni sterben würde. Ich flog sofort nach Los Angeles, um ihn im Spital zu besuchen und mich von ihm zu verabschieden. Sein Zustand stabilisierte sich zwischenzeitlich, aber letztlich erlag er einer schweren Lungenentzündung.

Stantons letzter Film «Lucky» lief vor einem Monat am Filmfestival Locarno. Haben Sie ihn gesehen?

Noch nicht. Aber ich wusste natürlich von diesem Projekt, da Stantons langjähriger Assistent Logan Sparks den Film produzierte und das Drehbuch schrieb. Sparks hatte mich sogar gefragt, ob ich die Regie übernehmen wolle. Aber für mich war meine Arbeit mit Harry mit meinem Dokumentarfilm abgeschlossen, ich wollte mich danach bloss unserer Freundschaft widmen.