Das diesjährige Filmfestival in Locarno lässt kein gutes Haar an den Herren der Schöpfung. Als Mann würde man am liebsten heulend zum Kino raus und direkt zum nächsten Psychiater. Denn Filme wie «Goliath», «Sparring» und «Ta peau si lisse» machen mit dem Selbstverständnis des angeblich starken Geschlechts derzeit kurzen Prozess.

Der Schweizer Film "Goliath" feiert Weltpremiere am Filmfestival Locarno

Der Schweizer Film «Goliath» feiert Weltpremiere am Filmfestival Locarno

Für den 35-jährigen Dominik Locher ist heute Montag ein spezieller Tag. Der gebürtige Aargauer Regisseur feierte Weltpremiere am Filmfestival in Locarno, und steigt damit ins Rennen um den Goldenen Leoparden der 70. Ausgabe. Sein Drama «Goliath» handelt von einem jungen Paar. Sie ist schwanger, er ist mit der Situation überfordert.

Ein Berg an Muskeln ist das erste, was wir in «Ta peau si lisse» erblicken. Der Dokumentarfilm des Kanadiers Denis Côté begleitet sechs Bodybuilder bei ihren täglichen Routinen. Wie sie Berge an Essen verschlingen. Wie sie pumpen und pumpen, um neue Berge aufzubauen. Wie sie für Fotoshoots und Selfies ihre Körper spannen und seltsame Grimassen ziehen.

Muskelexzesse: Der Dokumentarfilm «Ta peau si lisse» porträtiert Bodybuilder in Kanada. Locarno Festival

Muskelexzesse: Der Dokumentarfilm «Ta peau si lisse» porträtiert Bodybuilder in Kanada. Locarno Festival

Es ist wie bei einem Horrorfilm: Jede Sekunde fürchten wir, dass die zarte Haut, die alles noch zusammenhält, gleich zerbersten wird. Warum tut Mann sich das an? «Ta peau si lisse» kommt diesen Bodybuildern zwar so nahe wie eine Fliege, stellt ihnen aber auch ebenso viele persönliche Fragen: nämlich gar keine.

TA PEAU SI LISSE - Trailer

Ta Peau Si Lisse – der Trailer zum Film.

    

Faszination Muskelaufbau

Antworten suchen wir deshalb bei Sven Schelker. Der Basler Schauspieler, vor zwei Jahren Gewinner des Schweizer Filmpreises («Der Kreis»), hat es mit seinem neuen Film «Goliath» in den internationalen Wettbewerb von Locarno geschafft.

Das Drama des Aarauer Regisseurs Dominik Locher zeigt Schelker als David, einen jungen Mann, der damit beginnt, exzessives Krafttraining zu betreiben und Steroide einzunehmen, nachdem er und seine schwangere Freundin (gespielt von Jasna Fritzi Bauer) in der S-Bahn angegriffen wurden.

Der von Natur aus schlanke Schelker ging für die Rolle zehn Monate lang ins Fitnessstudio, trainierte fünf Mal pro Woche zwei Stunden lang und nahm täglich 3500 Kalorien zu sich. Er habe nicht gewusst, wie sich das auf ihn auswirken würde, erzählt der Darsteller der «Nordwestschweiz».

Er sei zwar immer schon sportlich gewesen, aber nie ein Fitnessfreak. Die Faszination des intensiven Trainings beschreibt er so: «Wenn du bis an die Grenze gegangen bist und jeder Muskel brennt, stellt sich ein Gefühl ein, das süchtig machen kann.»

Schelker legte während dieser Zeit 9 Kilogramm an Muskelmasse zu. Sein ganzes Auftreten habe sich dadurch geändert: «Ich lief anders, hatte eine andere Körperspannung, fühlte mich grösser und stärker. Leute schauten mich anders an, sogar meine Freunde.»

Sven Schelker als gewalttätiger Bodybuilder: «Goliath» ist der einzige Schweizer Film im internationalen Wettbewerb von Locarno. Filmcoopi

Sven Schelker als gewalttätiger Bodybuilder: «Goliath» ist der einzige Schweizer Film im internationalen Wettbewerb von Locarno. Filmcoopi

Bei Schelkers Filmfigur David hat diese körperliche und mentale Verwandlung scharfe Konsequenzen. Der gut gemeinte Beschützerinstinkt des angehenden Vaters kippt – zweifellos verschärft durch die Einnahme der Steroide – bald einmal ins Gegenteil.

David wird aggressiv und unberechenbar und damit gar zur Bedrohung für seine Partnerin und ihr ungeborenes Kind. Das sei die grosse Tragik der Geschichte, findet Schelker. «Diese Aggressivität ist für mich ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit.»

Die Angst, in der Rolle des Ernährers zu versagen und als Mann nicht zu genügen, treibt am Filmfestival auch das französische Drama «Sparring» an, das auf der Piazza Grande lief.

Mathieu Kassovitz spielt darin einen erfolglosen Boxer, der nur noch zum Sparringpartner taugt. Dabei muss er sich von einem Profiboxer vermöbeln lassen, der seinen nächsten Ernstkampf vorbereitet. Und das alles, damit er seiner Tochter ein Klavier kaufen kann.

Giftige Stereotypen

Ähnlich wie «Goliath» zeigt «Sparring», wie giftig es sein kann, sich an Stereotypen und Rollenbildern festzuklammern. «Was muss man tun, um Mann zu sein, was macht Männlichkeit aus?» Sven Schelker findet solche Fragen überholt: «Sie führen uns an einen Punkt, an dem wir nicht mehr uns selbst sind.»

Und sowieso: Das klassische Bild des Mannes in der Rolle des Ernährers sei sich am auflösen, und das sei gut so: «Heute können genau so gut zwei Frauen zusammen ein Kind aufziehen, oder zwei Männer.»

Auf Schelkers Wunsch hin wurde der Beginn von «Goliath» als letztes gedreht. Der 27-Jährige nahm in drei Monaten 12 Kilo ab, um wieder sein Normalgewicht zu erreichen. Ein intensives Unterfangen, das von einem Personal Trainer streng überwacht wurde.

Würde er seinem Körper solche Strapazen jemals wieder antun, wenn eine Rolle das erfordere? «Ja», sagt Schelker nach kurzem Zögern. «Aber nicht sofort. Ich bin froh, dass ich nicht mehr jeden Tag ins Fitnessstudio muss.»

Ohne die grossen Muckis aus dem Film gefalle er sich eh besser, findet der Schauspieler – «einfach so wie ich bin.»