Montagsinterview

Schauspieler Joel Basman: «Jeder kann zum Mörder werden»

«Alles, was ich gerade trage, ist von mir»: Joel Basman, hier in der Altstadt von Zürich, ist nicht nur ein gefragter Filmschauspieler, sondern auch Modedesigner.

«Alles, was ich gerade trage, ist von mir»: Joel Basman, hier in der Altstadt von Zürich, ist nicht nur ein gefragter Filmschauspieler, sondern auch Modedesigner.

Der Shootingstar des Schweizer Films spielt gern kaputte Menschen. In seinem neuen Film schlüpft Joel Basman in die Rolle eines jungen Mannes, der nach einem Snowboardunfall im Rollstuhl landet und zum wütenden Pflegefall wird.

Es ist ein sonniger Nachmittag in der Zürcher Altstadt. Wir treffen Joel Basman, den aktuell erfolgreichsten Schweizer Jungschauspieler, in einem Café unweit des Kleidergeschäfts, das von seinen Eltern geführt wird. Der 24-jährige Zürcher macht gerade Promo für seinen neuen Film «Vielen Dank für Nichts», der diesen Donnerstag im Kino anläuft.

Sie spielen im neuen Kinofilm «Vielen Dank für Nichts» einen jungen Mann, der sich nach einem gefährlichen Sprung beim Snowboarden schwer verletzt und im Rollstuhl landet. Suchen Sie auch privat den Adrenalinstoss?

Joel Basman: Nein. Man darf während eines Drehs keinen Extremsport betreiben. Ich habe extra mit Snowboarden und Skateboarden aufgehört. Ich kann nicht riskieren, dass ich mich ernsthaft verletze. Das wäre egoistisch, denn es geht ja nicht mehr nur um mich selbst, sondern um die ganze Produktion.

Sie haben kürzlich im Fernsehfilm «Ziellos» einen Amokläufer gespielt, jetzt sind Sie als wütender Pflegefall zu sehen: Worin besteht für Sie der Reiz, kaputte Figuren zu spielen?

Der Reiz an einer solchen Figur ist, dass sie einmal gleich angefangen hat wie ich. Aber irgendwann sind Dinge passiert, die anders verlaufen sind, die Sinn und Logik des Lebens komplett durcheinanderbrachten. Das kann sich unterschiedlich auswirken. Der eine läuft Amok, der andere bringt sich um. Warum nur können Menschen in solchen Situationen nicht miteinander reden? Ich kann immer noch zu Hause rumheulen, auch wenn ich nicht mehr dort wohne.

Ihre Filmfigur steckt nach dem Unfall in einer Klinik für körperlich behinderte Menschen fest. Wo haben Sie sich schon mal eingesperrt gefühlt?

In der Schule! Mir konnte in meinen neun Jahren dort niemand plausibel erklären, warum wir um 7.30 Uhr beginnen mussten. Ich hätte kein Problem damit gehabt, bis 18 Uhr zu bleiben, wenn der Unterricht erst um 9 oder 9.30 Uhr angefangen hätte. Filme drehen war dann das, was mir eine Struktur gab. In meiner Logik ging es da um etwas. In der Schule ging es mir um zu wenig.

Im Alter von 14 Jahren standen Sie bereits für «Lüthi und Blanc» vor der Kamera. Wie gingen Ihre Mitschüler damit um, einen Fernsehstar in ihren Reihen zu haben?

Ich ging im Zürcher Kreis 4 zur Schule. Wir waren 360 Schüler, 2 davon Schweizer. Fast niemand hat Schweizer Fernsehen geschaut, «Lüthi und Blanc» war kein Thema. Sie wussten einfach, der Joel geht drehen und verdient Cash. Und er muss keine Lehrstelle suchen.

Mit 18 Jahren sind Sie nach Berlin gezogen. Dort gelang Ihnen der Durchbruch. Sie sind jetzt oft in deutschen Filmen zu sehen. Wie werden Sie als Schweizer aufgenommen?

Wir Schweizer sind dick beschichtet mit Vorurteilen. Ich muss zum Beispiel schauen, dass ich immer als Erster ankomme, denn ich bin als Schweizer ja extrem pünktlich. Und ich habe auch immer Schoggi dabei und ganz viel Gold im Wohnwagen . . . Und sie kennen natürlich auch die Bündnerfleisch-Episode unseres Alt-Bundesrats Merz. Natürlich darf ich dann auch meine Witze machen über die Deutschen. Wir haben da eine Hassliebe gefunden.

Sie sind als Schauspieler international gefragt. Wie schafft man das als junger Schweizer?

Man muss eine professionelle Arbeitseinstellung haben. Wenn man plötzlich einen Anruf erhält, dass morgen ein Riesen-Casting ansteht und man bis dann noch die Szene lernen muss – dann sagt man nicht: Nein, ich schaffe das nicht! Dann macht man das, verdammt nochmal! Dann sagt man alles ab und ist am nächsten Tag bereit. Talent allein reicht nicht – Disziplin ist ebenso wichtig. Es sind schon viele Grossartige gescheitert, weil sie keine Disziplin hatten.

Disziplin zeichnet auch Topstars wie George Clooney und Bill Murray aus, mit denen Sie im Hollywoodfilm «The Monuments Men» zusammengearbeitet haben: Sie können am Set rumblödeln, aber wenn es darauf ankommt, sind sie bereit.

Absolut. Die sind nicht zufällig dort, wo sie sind. Das ist ein harter Businessweg. Aber neben viel Können gehört auch viel Glück dazu. Man braucht die richtige Agentur und das richtige Umfeld, das einen permanent antreibt.

Wie unterscheidet sich ein Dreh mit Clooney von einem Dreh hier in der Schweiz?

Ich habe mit Clooney einen Tag lang gearbeitet. Ich würde auch gern zwei Monate lang mit ihm arbeiten, denn ich bin überzeugt: Er würde nie zum Arschloch, er würde seine Position nie ausnutzen. Beim Schweizer Fernsehen aber musst du damit rechnen, dass irgendeiner daherkommt, der dir deine Dialoge durcheinanderbringt. Oder der sagt, etwas sei moralisch nicht vertretbar. Da hört es bei mir mit der Geduld auf, da denke ich: Alter, du hast BWL studiert, verpiss dich vom Set und lass uns Kunst machen!

Da gibt es viele Besserwisser?

Ja, oder sie sagen, der Schnitt muss hier sein, weil der dümmstmögliche Zuschauer das sonst nicht versteht. Du musst alles idiotensicher erklären. Ich finde es schade, dass das Geld so viel Entscheidungsmacht hat und dass man uns Filmemachern nicht vertraut. Ich finde: Gebt uns Geld, weil ihr uns vertraut, und haltet euch dann raus. So würde ein guter Produzent funktionieren.

Sie sind jetzt 24. Können Sie sich vorstellen, noch 50 weitere Jahre Schauspieler zu sein?

Klar! Allerdings mache ich mir momentan nicht so krass Gedanken darüber, wie es in zehn Jahren weitergeht. Das wird abhängig sein von Dingen wie Kindern und Familie. Momentan kann ich noch egoistisch durch die Welt gehen und tun, was mir Spass macht.

Mode scheint Ihnen Spass zu machen. Wie kam es dazu, dass Sie auch Kleider designen?

Meine Eltern haben ein Kleidergeschäft. Ich habe immer schon Sachen für mich selber entworfen. Zum Beispiel Anzüge, die ich an Premieren trage – sie kommen immer gut an. Vor zwei, drei Jahren wollte ich dann Ernst machen. Jetzt bringen wir schon meine dritte Kollektion heraus. Ich mache alles ausser nähen: zeichnen, Prototypen entwickeln, produzieren, verkaufen. Alles, was ich gerade trage, ist von mir. Ausser die Schuhe.

Billig sind Ihre Kleider nicht. Eine Jeans von Ihnen kostet 400 Franken . . .

Wir produzieren alles hier in Zürich, alles ist massgeschneidert, die Stoffe sind von höchster Qualität, genau wie unser Team. So wie die arbeiten, wird hier gar niemand mehr ausgebildet.

Werden Sie eigentlich oft erkannt, wenn Sie durch Zürich spazieren?

Mal mehr, mal weniger.

Wie ist das, berühmt zu sein?

Eigentlich okay. Im Ausgang hättest du schon gern deine Ruhe. Aber du musst dem Rummel mit Spass begegnen. Wenn dich zum Beispiel einige mit dem Handy fotografieren, während sie so tun, als würden sie eine SMS schreiben, dann musst du einfach auch dein Handy auf sie richten. Dann wird es für sie peinlich. Aber das ist alles easy.

Wie merken Sie, welches echte Freunde sind?

Meine Freunde habe ich schon länger als ein Jahr, sie sind aus der Schulzeit.

Können Sie jetzt noch neue Freunde finden?

Ich brauche keine neuen Freunde. Die, die ich habe, sind wunderbar. Das sind die von früher. Man mochte sich einfach so, nicht weil man dachte: Du könntest mir vielleicht etwas bringen. Oder: Du kommst in meinem Videoclip vor, dafür mache ich dir eine Jacke. Es geht mehr um die Qualität der Freunde als um die Quantität.

Im Herbst sind Sie wieder in einer deutschen «Tatort»-Folge zu sehen – als drogensüchtiges Mordopfer, das am Anfang der Episode angeschwemmt wird. Klingt nach einem Kurzauftritt.

Es ist eine kleine, aber intensive Rolle. Ich spiele einen Crystal-Meth-Junkie. Beim Verhör erzählt ein Mädchen von mir, man sieht mich dann in Rückblenden. Das war spannend: Ich musste von morgens bis abends Drogen nehmen – Traubenzucker. Wirklich ganz, ganz widerlich, vier Gramm Traubenzucker, die ich in Glaspfeifen geraucht habe.

Sie haben inzwischen schon vier «Tatort»-Folgen in Deutschland gedreht. Wäre auch der Schweizer «Tatort» etwas für Sie?

Ich würde da gern Regie führen! Mit diesem Interview möchte ich mich offiziell dafür bewerben. Ich würde den Schweizer «Tatort» nach Zürich holen. Oder nach Genf. Ich meine, sorry, verarscht uns doch nicht, scheiss auf diese Wasserleichen! Rückt mal diese Wirtschaftsleute in den Fokus: Drogen, Waffen, Geld, meine Güte! Was auf dem Paradeplatz alles passiert, oh mein Gott! Und in Genf lebten Gaddafis Söhne . . .

Sie würden den «Tatort» gern realistischer machen.

Ja, und aktueller! Klar stirbt jeden Tag irgendwo einer, aber man muss doch nicht – also ich will jetzt hier nicht mein Konzept verraten, sonst klaut es mir SRF noch . . .

Wen würden Sie gern mal spielen?

Ich würde extrem gern einen Bond-Bösewicht spielen.

Warum einen Bösewicht?

Wir alle haben dieses Böse in uns drin. Jeder kann zum Mörder werden. Es kann so schnell gehen. Die Frage ist: Was muss passieren, damit es so weit kommt? Das sind faszinierende Abgründe. Wie oft bist du vielleicht schon im Bus oder im Zug neben einem Mörder gesessen? Oder neben einem Vergewaltiger, Kinderschänder – du weisst es nicht. Du warst vielleicht neben ihm und hast ihn sogar angelächelt, hast «Hallo» gesagt und mit ihm gesprochen. Ich habe kürzlich «Steppenwolf» gelesen. Hesse sagt darin: Jeder ist krank, der behauptet, er habe nur eine Persönlichkeit. Es geht darum, wie du mit diesen verschiedenen Seiten von dir umgehst, was du rauslässt, was nicht.

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