Wie würde Sandra Knecht schmecken? Vielleicht wie ein Bisonsteak über dem offenen Feuer gebraten, mit Rosmarin, Rüben und Portwein. Herb, warm, würzig, geerdet und heimlich ein bisschen süss. Vielleicht wie der Tonic, den sie gerade aus 37 Zutaten selber braut. Komplex. Da müsste man darüber nachdenken. So, wie Sandra Knecht es tut, bevor sie ein Menü plant, bevor sie etwas in den Mund nimmt, Essen oder Worte; bevor sie kochend Tiere, Menschen und Orte portraitiert.

Wie schmeckt Heimat? Wie wandeln sich Vorstellung und Begriff? Sind Heimat und Identität Verhandlungssache? Solche Fragen stellt sich Sandra Knecht. «Ich will mit der Kunst etwas herausfinden, etwas verarbeiten und entwickeln.»

Das Trudi im Glas

Als vor einigen Jahren die 103-jährige Grossmutter und die alte Bäuerin Trudi, bei der sie im Berner Oberland eine Wohnung untergemietet hatte, kurz nacheinander starben, vermisste Sandra Knecht auch Unerwartetes: Trudis Jodeln zu SRF 1 am frühen Morgen. Durch die Holzdielen des Bauernhauses waren die Lieder bis in ihr Zimmer gedrungen. Wie der Geruch von Trudis Gerichten.

«Heimat ist auch Geschmack», wurde Sandra Knecht damals klar. «Ich fühlte mich verpflichtet, ihre Kochtraditionen weiterzuführen.» Und sie überlegte, wie sie zum Gedenken der beiden Frauen deren Essenz erfassen könnte. Als ob es das Selbstverständlichste wäre, sagt sie: «Da habe ich einen Lärchenschnaps gemacht.» Er schmeckt nach Sauberkeit, Wald, Heimatliebe. Nach Trudi eben. Katholiken kennen das Prinzip.

Das Trudi im Glas bekommt gereicht, wer in Sandra Knechts «Chnächt» an der Kleinbasler Uferstrasse speist. «Immer wieder sonntags» heisst die monatliche Reihe, in der ein fünfgängiges Abendessen in einer Holzscheune zum wohltuenden Gesamtkunstwerk gerät.

Knecht kocht ausschliesslich regional. Sie kauft ganze Tiere beim Dorfmetzger oder beim Jäger – und nimmt sie manchmal selbst aus. Nie würde sie ein Tier essen, das im Schlachthof verendete – aus Respekt vor dem Leben, und weil sie deren Stresshormone nicht in den eigenen Körper lassen wolle. Zum Fleisch wählt sie Vorspeisen und Beilagen, die zur Region, zur Jahreszeit und zu den Vorlieben der Tiere passen.

Moostannen-Steinpilzsuppe. Im Wildfenchel-Sud gezogener Fasan mit Pastinaken, Demeter-Orangen in Weisswein, Marsala und geräuchertes Brot. Grillierter und in Kräutern durchzogener Bison von der Farnsburg mit Grünkern und Quitten an einer Kirschen-Rotwein-Sauce. Zimtcrumble, Demeter Quark vom Rütihof, Büelerzwetschgenpovidel, Williamsbirnen-Safran-Sirup. Zum Schluss gibts Schnaps.

Keine Angst vor Eingeweiden

Sandra Knecht hat keine Angst vor harter Arbeit, vor Blut und Eingeweiden. Sie hat jahrelang als Sozialpädagogin mit jugendlichen Männern aus dem Balkan und dem Nahen Osten gearbeitet. Hat Häuser besetzt, Drogenprostituierte betreut und von der Stadt Zürich eine Notschlafstelle für diese Frauen verlangt. Sie weiss, wie man Tiere ausnimmt und Würste füllt – schon als Kind hat sie im Dorf in einer Metzgerei ausgeholfen, mit 13 im Landdienst den Bauern morgens um sechs die Rösti gebraten. Auf einer Wiese im Dorf grasen ihre sieben Schafsböcke; Ouessants mit geschwungenen Hörnern.

Knecht weidet Schafe und hat das Wirtepatent. Aber sie hat auch ein Regiediplom und einen Master of Fine Arts. Sie macht Kunstinstallationen, fotografiert und dreht Filme. Sie führte Regie an Theatern in Zürich und Basel. Einmal erwähnt sie nebenbei, dass sie früher mit Ruth Berghaus am Opernhaus Zürich gearbeitet hat.

Knecht pflegt Bauerntraditionen weiter und dreht sexuell explizite Kunstfilme. Sie hinterfragt das Bild von der Heimat ebenso wie die Bilder der Queer-Culture, der homosexuellen Kulturszene. Fabelmenschen – ein masturbierender Matrose, ein König Ubu, ein Damenschuhfetischist – führen in «Oben sitzt ein Affe» gängige, pornografische Fantasien ad absurdum. «Ich will auch zeigen, wie langweilig das geworden ist. Die Queer-Ästhetik kommt aus den 70er- und 80er-Jahren.»

Manche der Filmaccessoires finden sich in ihrer Stube wieder. Knecht lebt seit einigen Jahren in einem Handwerkerhaus in Buus; mit viel Kunst, der Freundin, vier Hunden und drei Katzen. Fast allesamt gestörte Tierheimtiere, wie sie sagt, die aber auf wundersame Weise friedlich zusammen auskommen. Es muss an Knecht liegen. Sie liebe schwierige Tiere und schwierige Menschen.

Vom Küchenfenster aus sieht man die Dorfstrasse zwischen alten Häusern Richtung Hügel abbiegen. Wie ein Bild. Im Haus selber täte man sich gern alles ganz genau anschauen. Die Schnitzereien. Den ausgestopften Hundekopf mit der falschen Perlenkette um den Hals, das Foto Sandra Knechts unterm Geissenschädel im Kleid aus Tannenzweigen, das die Ziegen abfressen.

Nur das Trudi merkte es nicht

Bis vor kurzem hielt sie ihre aktuelle Heimat geheim. Das Private soll privat bleiben. Gerade auch, weil sie sich mit ihren klaren Meinungen und politischen Haltungen immer wieder exponiert. Und mit ihrem Lebensstil. Wenn zwei Frauen zusammenleben, ist das auf dem Dorf ein Thema. «Logisch kommt es darauf an, ob jemand hetero- oder homosexuell ist», sagt Knecht. So zu tun, als ob dem nicht mehr so sei, sei wenig hilfreich, ja verlogen. Nur das Trudi habe es damals nicht gemerkt, dass die Freundin die Freundin war.

Als Teenager wollte sie, inspiriert von Ulrike Meinhof, Terroristin werden – um mit Taten die Welt zu verändern. Sie sei schon immer sehr lösungsorientiert gewesen. Zum Theater kam sie mit Anfang 20, weil sie sich in eine Frau verliebt hatte, die Regie lernen wollte. Sandra Knecht machte die Aufnahmeprüfung auch, um ihr später nah sein zu können – ihre Freundin fiel durch, Knecht schaffte es. «Da sind Welten aufgegangen, ich habe gemerkt, wie frei man sein kann.» Wie erst viele Jahre später wieder, als sie genug davon hatte, «schwierige Jugendliche für die Gesellschaft zurechtzuklopfen» und sich ein Sabbatical mit einem Kunst-Studium gönnte. Es sei «die grosse Liebe» gewesen, ein Gefäss für alles, was sie tue.

«Ästhetik der Heimatfront»

Wir gehen zu den Schafen. Der Spaziergang führt vorbei an sterilen Minihäusern und Steingärten. «Budgethügel» nennt Knecht diesen Dorfteil. Einer ihrer Hunde uriniert in einen keimfreien Vorgarten, die Hausbewohnerin schimpft. Knecht bleibt ungerührt. Von einem Quad, einem Hybrid aus Auto und Motorrad, auf einem zubetoniertem Vorplatz macht sie ein Foto. Das kommt in ihre Serie «Home Sweet Home» über das, was sie «Ästhetik der Heimatfront» nennt.

«Dauernd Heimatlieder singen, aber bei erstbester Gelegenheit den Heimatboden verkaufen», Knecht macht diese Bigotterie wütend. Genauso wie die SVP, die falsche Sehnsüchte wecke, dass alles bleiben könne, wie es ist. «Aber nichts kann bleiben, wie es ist. Das ist Habakuk, und das wissen die ganz genau.»

Später sitzt sie auf der Wiese, umringt von ihren Schafen und Hunden. Sie liebt diese Landschaft, diese Tiere. Das Karohemd hochgeknöpft, eine schwere Kette um den Hals, zwei goldene Ohrringe, das dunkle Haar zusammengenommen – halb Bauer, halb Flamencotänzerin. Am Sonntag wird sie beim Hafen Geissenragoutpfeffer und Heusuppe kochen. Im April wird ihr Video «Sirocco» am Videofestival in Hamburg gezeigt. Ein Film über Menschen, die sich ihre eigene Identität zusammengestellt haben, tanzend, performend eigene Ausdrücke finden. Wild und frei.

Die nächsten Abendessen der Reihe «Immer wieder sonntags» – 30 Leute, 5 Gänge, 1 Schnaps, 100 Franken – finden morgen Sonntag sowie am 20. März um 19 Uhr statt. Der Anlass wird auf www.sandraknecht.ch oder auf ihrer Facebook-Seite ausgeschrieben, wo man sich per Messenger anmelden kann.