Vergiss es», sagte Samuel Morris der befreundeten Produzentin, als diese ihm von der Ausschreibung für die Regie der SRF-Webserie «Nr. 47» erzählte. «Da hab ich keine Chance.» Gerade war der 25-jährige Pfeffinger an zwei Filmschulen in New York und Ludwigsburg nicht angenommen worden. Er war mit einem Freund zum Surfen nach Spanien verreist, um den Kopf zu lüften. Und um sich zu überlegen, das Filmemachen ganz aufzugeben.

Morris steckte nicht viel Effort in die Bewerbung für das SRF Serienprojekt. Doch wider Erwarten wurde er zum Gespräch eingeladen. Er reiste kurzerhand früher aus den Ferien zurück, denn die Zeit drängte: SRF wollte die Webserie unbedingt noch vor der WM rausbringen, damit sie nicht in Konkurrenz dazu lief.

Beim Vorstellungsgespräch erzählte Morris von den Dreharbeiten seines letzten Kurzfilmes «Doug & Walter». Bei diesem draufgängerischen Roadtrip durch das Baselbiet kämpfte Morris mit allerlei unvorhersehbaren Zwischenfällen: Ein Kameramann stieg wegen eines Todesfalls in der Familie kurzfristig aus. Der Hauptdarsteller musste ausgewechselt werden. Der damals 22-jährige hatte das Drehbuch geschrieben und dirigierte einen Cast im Alter von 40 bis 50 Jahren.

All das beeindruckte die Verantwortlichen beim Fernsehen. Morris bekam den Job. Auch für SRF war das Projekt ein Wagnis: Erst seit 2016 gibt es dort eine eigene Abteilung für Webprojekte, zugeschnitten für die Zielgruppe der unter 25-Jährigen. So ist es auch bei der Webserie «Nr. 47», in der Morris Regie führte. Keine der verantwortlichen Personen durfte bei Projektbeginn über 30 Jahre alt sein und alle im Cast sind unter 25. Genau so frisch und urban wirkt das Endprodukt.

Die erste Sexszene

Eveline ist Anfang Zwanzig und zieht endlich in ihre erste eigene Wohnung. Doch, anstatt Unabhängigkeit zu erlangen, kriegt sie Stress von allen Seiten: Mutter, Job, Nachbarn, Freund – alle stellen Ansprüche.

Doch Eveline geht ihren Weg, mit den neuen Freunden aus der «Nr. 47». Auch die 22-jährige Baslerin und derzeitige Schauspielstudentin in Stuttgart, Lorena Handschin, hat eine Nebenrolle. Wie so viele Basler Schauspieltalente begann ihre Karriere im «Jungen Theater» – ein unverzichtbares Sprungbrett.

Die Arbeit mit den jungen Schauspielern war für Regisseur Morris eine spezielle Erfahrung: «Erfahrene Schauspieler bleiben in ihrem Spiel oft kontrolliert. Junge achten weniger darauf wie sie wirken, das ist manchmal extrem authentisch.» Morris erzählt von einer Sexszene und dem Bammel, den Hauptdarstellerin Elsa Langnäse davor hatte. «Ich sagte ihr, ich mache das ja auch zum ersten Mal. Mir ist wichtig, dass du darüber entscheiden kannst, was wir zeigen und was nicht.» Es ist dieses Einfühlungsvermögen, das man bei Morris auch im Gespräch spürt.

«Scheiss auf die Filmschulen»

Morris’ Handschrift in «Nr. 47» sind Szenen wie jene der Einweihungsparty: Blaues Licht, flirrende Synthies. Freund Yannick hat allen, ausser Eveline erzählt, dass er bei ihr einzieht. Elsa Langnäse blickt in die Kamera, die zoomt in Zeitlupe auf ihr Gesicht und sie zieht ein «Resting Bitch Face». So nennt man den tötenden Blick im Internet.

Regisseur Morris hat ein Händchen für solche Szenen. Wie in seinen Musikvideos für den Basler Metal-Durchstarter Manuel Gagneux alias «Zeal & Ardor». Haut man ihn auf Zeitlupen und Pathos an, kommt Morris ins Schwärmen. Er erzählt von seinen Vorbildern: Regisseure wie der junge kanadische Tausendsassa Xavier Dolan oder der verspielte Franzose Jean-Pierre Jeunet. Jeunets Kultfilm «Die fabelhafte Welt der Amélie» war Morris filmisches Erweckungserlebnis. Seine Schwester nahm ihn mit zehn Jahren mit ins Kino und danach wusste er: «Ich will Filme machen.»

Er begann seine Freunde beim Skaten zu filmen und später entstand das berührende Porträt «14» über einen jungen Skater. Heute erhält Morris immer wieder Nachrichten von jungen Teenies auf sein Instagram-Profil. Sie fragen ihn, wie man Regisseur wird, oder an welcher Filmschule er war.

Morris setzt ein schelmisches Grinsen auf und sagt: «Ich schreibe ihnen jeweils: Scheiss auf Filmschulen, macht einfach.» Genau das hat er auch getan. In wenigen Wochen dreht der 25-jährige Basler mit den tätowierten Armen die zweite Staffel von «Nr. 47». Danach hat er wieder Zeit für eigene Projekte. Es zeichnet sich ab, dass man von ihnen hören wird.

«Nr. 47» Auf srf.ch und auf Youtube. Die zweite Staffel soll im Herbst erscheinen.