Das Telefon überrascht Sabine Boss. «Was, ich bekomme den Kulturpreis der AZ Medien? Wow!» Das hätte sie nicht erwartet, gesteht die gebürtige Aarauerin, die als Regisseurin längst im nationalen und internationalen Filmbusiness arbeitet. Zum Interview treffen wir sie in ihrer Wohnung an der Kasernenstrasse in Zürich. Die Sihl vor ihrer Haustüre bietet sich als Fotokulisse an und im lauschigen Garten der «Gessnerallee« gibt sie uns offen Auskunft über die Kurven ihrer Karriere und ihres Lebens.

Sabine Boss, Sie schwimmen dank dem Film «Der Goalie bin ig» auf einer Erfolgswelle. Was heisst für Sie Erfolg?

Sabine Boss: Erfolg ist ein Geschenk, ein sehr flüchtiges. Was ich vor allem merke: Die Leute nehmen mich anders wahr, obwohl ich immer noch dieselbe bin.

Wie denn?

Ich habe mehr Anfragen, nicht unbedingt beruflich, aber von Journalisten oder Verbänden. Man fragt mich auch öfters an für Statements zu irgendetwas, weil mein Name offenbar plötzlich Gewicht hat.

Ist das für Sie positiv oder negativ?

Ich bin schon lange am Inszenieren, seit 2000 lebe ich von meinem Beruf – und hatte immer gehofft, dass ein Kinofilm von mir so einschlägt. Dass einem etwas gelingt, bei dem rundum alles stimmt, ist selten. Seit dem «Goalie» erlebe ich eine unglaubliche gute Zeit und geniesse es.

Und was bedeutet für Sie der Kulturpreis der AZ Medien?

Es ist für mich eine sehr hohe Auszeichnung. Ich war immer mit dem Aargau verbunden, mein Bruder und meine Mutter leben dort und ich bin oft zu Besuch. Und ich muss sagen, dass sich die Aargauer Medien immer für meine Karriere interessiert haben, eigentlich mehr als alle anderen.

Sie wurden in den 14 Jahren, seit Sie Filme machen, nicht nur vom Erfolg verwöhnt, sondern mussten auch viel Kritik einstecken. «Sabine Boss macht funktional effiziente deutschschweizerische Komödien», schrieb mal ein Kritiker. Trifft Sie ein solches Urteil?

Es hat mich getroffen. Ich bin mit der Regie von «Ernstfall in Havanna» mit einer Komödie gestartet, wir hatten damit grossen Erfolg – und ich wurde danach in die Ecke Komödie gesteckt. Man wollte nicht wahrnehmen, dass ich mich in vielen Genres bewege, Komödie, Drama, Thriller, vor allem fürs Fernsehen, und, vieles ausprobiert habe.

Der Goalie wurde ein Riesenerfolg, über 138 000 Zuschauer sahen ihn. Im Nachhinein war das für alle klar, im Voraus nicht. Vom Bundesamt für Kultur etwa bekamen Sie kein Geld. Ist das eine Genugtuung, dass Sie es «denen» beweisen konnten?

Für uns alle, für meine Produzenten Michael Steiger und Theres Scherrer und für mich ist es ein Stück weit eine Genugtuung. Uns wurde vorgeworfen, der Film habe zu wenig Fallhöhe bei den Figuren und die Geschichte sei zu klein. Aber wir wussten, die Vorlage von Pedro Lenz ist dermassen anrührend, gerade weil sie so klein und intim ist. Und dass unsere Arbeit von den Kritikern und vom Publikum gleichermassen belohnt wird, ist eine Riesengenugtuung. An Veranstaltungen musste ich mich schon zusammenreissen, nicht zu sagen: «Seht ihr, ihr habt euch getäuscht . . .» Aber man muss der Fairness halber auch sagen, dass der Film sehr wohl gefördert wurde: Zürcher und Berner Filmstiftung, das Schweizer Fernsehen sowie private Sponsoren haben ihn unterstützt und ermöglicht.

Was braucht mehr Energie: Die Finanzierung eines Films oder die Entwicklung einer Geschichte?

Gute Frage! Beides ist etwa gleich intensiv. Die Entwicklung einer Geschichte ist befriedigender, weil man es selber in der Hand hat. Man erschafft, ändert, verdichtet, dreht sie um . . . Bei der Finanzierung ist man ein Stück weit den Gremien ausgeliefert.

Wenn man wie Sie schon so viele Filme gemacht hat, bekommt man bei den Förderkommissionen keinen Vertrauensbonus?

Nein. Bei uns wird ganz stark unterschieden zwischen Fernsehen und Kino. Es gibt noch immer die Haltung, Kino sei besser, selbst wenn man nur ein paar hundert Zuschauer erreicht. Fernsehen gilt als minderwertig, als Unterhaltungsmaschinerie, obwohl man dort mit vergleichbarem Budget auch 90-Minüter macht.

AZ-Medien-Kulturpreis für Sabine Boss

AZ-Medien-Kulturpreis für Sabine Boss

Den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte sie mit dem Streifen `Der Goalie ben ig`. Die Regisseurin freut sich über die Auszeichnung für ihr jahrelanges Filmschaffen.

Und mehr Leute erreicht.

Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, diesen Film sehen 600 000 Fernsehzuschauer. Man hat deswegen eine andere gesellschaftliche Verantwortung und das ist für mich Antrieb, vermehrt substanziellere Stoffe zu verfilmen. Ehrlich gesagt habe ich früher alles gemacht, was ich angeboten bekommen habe, um mich zu ernähren. Jetzt kann ich auswählen, das ist super.

Also kein «Tatort» mehr?

Doch. Den «Tatort» finde ich ein tolles Gefäss. Krimis haben als Genre die Möglichkeit, aktuelle und sozialkritische Themen aufzugreifen und garantieren dennoch ein positives Ende – der Fall wird ja gelöst. Deshalb ist der «Tatort» auch so beliebt.

Viele Filmer in der Schweiz machen nur Kino, nur alle paar Jahre einen Film. Sie drehen dank den Fernsehaufträgen mindestens einen Film pro Jahr. Man lerne nur so das Handwerk, sagte mir Samir einst. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Ich verdanke dem Fernsehen sehr viel. Um gut Regie zu führen, braucht es Erfahrung: Lebenserfahrung, handwerkliche und psychologische Erfahrung, und man muss Erzählmethoden kennen. Das Fernsehen ist eine wunderbare Spielwiese, um Methoden und Genres auszuprobieren. Nur alle paar Jahre einen Film zu machen, finde ich zu wenig – gerade weil das Geld immer knapper wird, die Ansprüche höher.

Was heisst weniger Geld? Der Bund, die Zürcher Filmstiftung und andere Gremien haben ihre Förderkredite ja ausgebaut!

Schon. Aber es gibt immer mehr Leute, die Filme machen und es gibt jedes Jahr mehr Filme. Die Zeit beim Filmen ist teurer geworden. Ein Drehtag kostet heute zwischen 30 000 und 50 000 Franken. Zum Sparen reduziert man die Drehtage und muss trotzdem den heutigen, visuellen Ansprüchen genügen. Schnellere Schnitte, mehr Bilder, höhere Auflösung, anspruchsvolle Kameraeinstellungen, schönes Licht. Früher hat man auf das schöne, natürliche Licht gewartet, hat am Mittag nicht gedreht.

Ist der Konkurrenzkampf, der Futterneid unter den Schweizer Filmern härter geworden?

Der Konkurrenzkampf ist extrem viel härter, ja.

Und wie entziehen Sie sich dem?

Indem ich mich nicht damit beschäftige, sondern einfach arbeite, auch in Deutschland oder am Theater. Ich hatte das Glück, relativ bald nach meiner Ausbildung meinen ersten Langspielfilm machen zu dürfen und zu zeigen, dass ich etwas kann. Manchmal fühle ich mich fast schuldig, dass es mir so gut läuft, dass meine Generation in einer so tollen Zeit starten konnte.

Wobei die Generation davor . . .

. . . punkto Drehzeit ein Zuckerleben hatte. Ich war im ersten Jahrgang der Filmschule in Zürich. Wir waren acht Studenten, ich hatte die Chance, einen Erstling fürs Fernsehen nach eigenem Drehbuch zu machen: «Studers erster Fall», nach dem Roman «Matto regiert» von Friedrich Glauser. Karin Koch von Dschoint Ventschr hat ihn produziert, sie und Samir haben mir vertraut und haben mir eine Chance gegeben. Heute schliessen jedes Jahr Dutzende von Filmstudenten ab, viele davon wollen Regie machen, das Fernsehen baut aber eher ab als aus . . .

Film ist immer auch ein Spiegel für soziale und politische Zustände. Der politischen Diskussion entziehen Sie sich aber. Ihre Filme sind psychologische Stücke und der «Goalie» spielt in den 1980er-Jahren. Ist das Absicht?

Tja (zögert), Sie meinen ich habe zu wenig politische Aussagen in meinen Filmen?

Auf jeden Fall wenig politische Aktualität.

Mich interessieren menschliche und psychologische Themen tatsächlich mehr. Ich habe Mühe mit systemanklagenden Filmen, weil sie für mich oft zu wenig doppelbödig sind. Ich mag das schematische Freund-Feind-Denken nicht, ich suche vielmehr eine Mehrschichtigkeit der Figuren. Und ich erkläre lieber übers Lachen als übers Leiden.

Sie haben vor kurzem den Fernsehfilm «Der Verdacht» gedreht. Man weiss bisher nur, dass es darin um Missbrauch geht. Ist Ihnen das schwierige Thema schwergefallen?

Überhaupt nicht. Ich habe es genossen, mehr in die Tiefe zu gehen. Ich möchte mich vermehrt mit sogenannt schweren Stoffen, auch mit politischen Themen auseinandersetzen. Ich bin mittlerweile an dem Punkt angekommen, wo ich mich dafür reif fühle. Aber mit dem Hin- und Herspringen zwischen den Genres, zwischen leicht und schwer, werde ich nicht aufhören, es tut mir gut und hält mich als Regisseurin wach.

Wenn ich sage: Mit dem «Goalie» ist Sabine Boss bei den Autorenfilmern angekommen, finden Sie das daneben oder tut es Ihnen gut?

Es tut mir gut. Beim «Goalie» habe ich die volle Entscheidungsfreiheit sehr genossen und ausgenutzt. Deshalb ist der Film sehr nahe an mir dran und wirklich persönlich, ich war ja auch intensiv am Drehbuch beteiligt. Bei Fernsehfilmen ist die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt, man muss alle wichtigen Entscheidungen von der Redaktion absegnen lassen. Bei einem Kinofilm kann man machen, was man will, das war eine riesige Befreiung.

Früher haben Sie viel fürs Theater gearbeitet, von Hamburg bis Zürich, von schwierigen Stücken wie Gerhart Hauptmann bis zu «Creeps» über Casting-Shows. Warum machen Sie das nicht mehr?

Ich vermisse das Theater. Aber ich schaffe es nicht, die beiden Agenden zu kombinieren. Theater machen Sie lange im Voraus ab, Film ist kurzfristiger. Ich musste mich vor ein paar Jahren leider für eine Richtung entscheiden. Aber wenn ich beide Standbeine schaffen könnte, wäre ich der glücklichste Mensch.

Apropos Theater: Ihr Lebenspartner ist der Schauspieler Andreas Matti. Gibt es für Sie überhaupt ein Leben ausserhalb von Film und Theater?

Ja. Wir trennen klar Beruf und Privatleben. Privat leben wir wie alle anderen auch, ich gehe vielleicht etwas öfters ins Kino als andere Leute und lese mehr.

Sie wohnen, nach einem kurzen Abstecher nach Schaffhausen, wieder in Zürich. Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Aarau oder auf dem Land zu leben?

Im Moment nicht. Zürich ist mein Arbeitsort, ich bin hier vernetzt, bin glücklich. Aber wer weiss . . . auch ich träume wie so viele manchmal von einem Haus mit Garten.

Ihren nächsten Film drehen Sie in Berlin. Heisst Ihr Ziel Deutschland?

Ich suche generell mehr europäische Zusammenarbeit. Meinen letzten Fernsehfilm «Vecchi pazzi» habe ich auf Italienisch gedreht. Ich sehe die Zukunft sicher stark bei den eigenen Filmen fürs Kino, gerne grösser, mit etwas mehr Budget. Ich habe immer so wenig Drehzeit: Beim «Goalie» waren es nur 27 Drehtage – und dann sehe ich bei den «Jungs», meinen männlichen Regiekollegen, dass sie meistens viel mehr Drehtage und vor allem höhere Budgets haben.

Haben Sie als Frau noch immer ein Handicap?

Europäisch kommt tatsächlich wieder eine neue Gender-Debatte in Gang. Zuerst dachte ich: Ach was! Ich bin in der Schweiz, ich kann alles machen. Ich habe mit anderen Frauen geredet und die Fakten angeschaut. Und siehe da: Auch bei uns sind Frauen noch immer nicht gleichwertig behandelt. Die Regiegagen sind tiefer, die Budgets kleiner, wir haben weniger Drehzeit und wir bekommen die technisch weniger anspruchsvollen Filme. Warum ist Catherine Bigelow praktisch die einzige Action-Regisseurin?

Sind Sie Feministin?

Ja. Ich profitiere schliesslich vom Kampf der Frauen in den Generationen vor mir. Dafür bin ich dankbar, ich stehe in einer Tradition. Und ich begreife nicht, warum dieser Begriff so negativ besetzt ist.

Als junge Frau waren Sie eine Rebellin. Aus der Pfarrerstochter in Aarau wurde ein Punk. Eine prägende Erfahrung?

Ich musste ausbrechen aus diesem behüteten Pfarrhaus. Ich fand die Subkultur faszinierend, die Musik, die Kleider, das Kaputte – das alles war in meinen Augen wunderschön. Ich stehe dazu. Und wenn Sie mich heute fragen, warum ich bisher eher apolitische Filme mache, hat das vielleicht damit zu tun, dass ich Anfang zwanzig als Hausbesetzerin mit all den Diskussionen eine Überdosis Politik genossen habe.

Gibt es trotzdem ein Thema aus der politischen Aktualität, das Sie gerne anpacken würden?

Das Thema Flüchtlinge. Das beschäftigt mich wahnsinnig. Ich hatte das Glück, hier und in diese Zeit geboren worden zu sein. Wir hocken in der privilegierten Schweiz und beobachten die Welt, die aus den Fugen geraten ist, die Frage ist nur: Wann explodiert sie?

Was kann man dagegen machen?

Augen offen halten. Sich nicht zurücklehnen. Ich engagiere mich in Afrika. Ich habe in Burkina Faso Film unterrichtet und halte weiterhin Kontakt, helfe jetzt gerade einem jungen Regisseur beim Erstellen eines Drehbuchs und eines Finanzierungsdossiers. Der strampelt, arbeitet, will bleiben und sich eine Karriere aufbauen und hat kaum eine Chance. Es ist unsäglich unfair. Ich merke übrigens, wenn ich das so sage und mich selber in letzter Zeit beobachte: Meine Kindheit im Pfarrhaus hat mich viel stärker geprägt, als ich es wahrhaben wollte. Als Mensch und in der möglichst fairen Art, wie ich arbeite.