«Ehnder degäge. Ir Tendänz, wördi säge. Ja.» Wer Herrn Schneuwly zum ersten Mal hört, der weiss, was bisher im Schweizer Film gefehlt hat. Ir Tendänz: Rhythmus und Takt. Kurz: das Unpräzise, Wabernde der Schweizer Alltagssprache. Schwer zu beschreiben, aber sofort erkennbar, wenn Herr Schneuwly auf die Frage, ob er für oder gegen den Familienartikel sei, mit Halbsätzen voller Füllwörter langsam seiner Antwort entgegenschlurft. 

Teaser der neuen Folgen der SRF-Webserie «Experiment Schneuwly»

Herr Schneuwly ist eine Figur des Schweizer Filmemachers Juri Steinhart. Am 5. November erscheint die zweite Staffel seiner multimedialen Serie «Experiment Schneuwly» online. In der fiktiven Dokumentarreihe stellt sich ein biederes Paar Experimenten, die sie aus ihrer Kunstledersofa-Welt in die Realität der urbanen Schweiz entführen. «‹Experiment Schneuwly› verstehe ich als persönlichen Kommentar zum Stadt-Land-Graben», sagt Juri Steinhart. Und den will er nicht etwa zuschütten, sondern weiter aufreissen. Steinhart macht Film ohne den typisch schweizerischen Konkordanzgedanken. Mit Herr und Frau Schneuwly hat Steinhart die Archetypen der Schweizer Agglomerationsreservate erschaffen. Überzeichnet und doch im Kern wahr. 

Teaser der neuen Folgen der SRG-Webserie «Experiment Schneuwly»

Steinhart ist Teil einer gerade ausgebrochenen Revolution im Schweizer Film. Er gehört zu einer Generation Filmemacher, die Mundart-Filme erstmals wirklich nach Mundart klingen lassen. Teil dieser Neuen Schweizer Welle ist auch Gabriel Vetter, der mit der Regisseurin Deborah Neininger die Web-Serie «Güsel. Die Abfalldetektive» kreiert hat. Und Patrick Karpiczenko, dessen Serie «Roiber und Poli» seit Anfang Oktober online ist. Alle drei Serien wurden von der SRG mitfinanziert. Alle drei sind primär aufs Web ausgerichtet. Und für alle drei steht die Mundart im Zentrum. Satiriker Gabriel Vetter sagt: «Dialoge sind das sprachliche Bühnenbild eines Films. Wir denken unsere Projekte immer von der Sprache her. Inhalt und Form sind nie getrennt.»

So logisch das klingt, so neu ist es doch für die Schweiz. Steinhart, Vetter und Co. entstammen der Schweizer Spoken-Word-Szene oder sind stark von ihr beeinflusst. Diese hat seit der Jahrtausendwende durch Figuren wie Pedro Lenz enorm an Einfluss gewonnen. Die Kino-Verfilmung von «Der Goalie bin ig» ist denn auch ein prägender Film für diese neue Generation. Für den Schweizer Mundartforscher Christian Schmid ist die Ausbreitung der Spoken-Word-Kultur dafür verantwortlich, dass im Schweizer Film «ein Bewusstsein für die gesprochene Alltagssprache entstand, die sich stark vom literarischen, geschriebenen Stil abhebt, der die Mundartfilme über Jahrzehnte geprägt hat».

Wenn Ueli der Knecht seinem Vreneli in den alten Schnyder-Filmen seine Liebe gesteht, dann ruft er: «Es geit mr ned ring, s’Härz dä wäg ufe Tisch usezpacke». Dem Zuschauer ging es nicht ring, Ueli zu verstehen. Die Filme damals standen laut Schmid im Banne der «Mundartpflege»: «Je älter und literarischer es klang, desto besser. Das hat dazu geführt, dass alles sehr gehoben getönt hat.» Gehoben und künstlich. Ir Tendänz.

Zu viel schlechte Mundart

Schnyder gehört trotzdem zum kulturellen Inventar der Schweiz. Aber das Schwizerdütsch-Problem ist nicht behoben. «Es gibt viele schlechte Mundart in Schweizer Filmen», sagt Schmid. Im Schweizer Tatort, sagen Figuren Dinge wie «es isch schön, sie kenneglernt zha». Statt einfach: «Het mi gfreut».

Die Mundart-Schwäche hat mehrere Gründe. Viele Schweizer Filmschaffende verbringen einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit in Deutschland, weil im kleinen hiesigen Filmmarkt schlicht die Arbeit fehlt. Im grossen Kanton stumpft die Sensorik für den Schweizer Dialekt ab. Ein weiterer Grund: Die meisten Schweizer Filmförderer fordern Drehbücher in Hochdeutsch, für die Produktion werden sie dann zurückübersetzt. «Das ist heikel», sagt auch Ivo Kummer, oberster Filmförderer beim Bundesamt für Kultur.

Neue Web-Serien kommen

Das mangelnde Bewusstsein für Schweizer Dialoge hat dazu geführt, dass der Schweiz ein Mangel an guten Autoren attestiert wird. «Der Mangel an Drehbuchautoren ist vielmehr ein Mangel an Plattformen», sagt «Schneuwly»-Macher Juri Steinhart. Gerade Serien wie «Güsel», «Schneuwly» und «Roiber und Poli» zeigen: Die Autoren sind da. «Wir werden als neue Generation wahrgenommen, weil wir mit den Webserien ein perfektes Ventil fanden», sagt Steinhart. Die SRG gibt nächste Woche die dritte Ausschreibung für Web-Serien bekannt. Das begrüsst sicherlich auch Herr Schneuwly. Ir Tendänz.