Interview
Regisseurin Sabine Boss: «Meine Rebellion ist meine Passion»

Die Verfilmung von Pedro Lenz’ Mundartroman «Dr Goalie bin ig» feiert an den Solothurner Filmtagen Premiere. Ein Gespräch mit der Regisseurin Sabine Boss.

Stefan Künzli
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Filmregisseurin Sabine Boss zu Hause in Schaffhausen. Sie wohnt in einer ehemaligen Arztpraxis.

Filmregisseurin Sabine Boss zu Hause in Schaffhausen. Sie wohnt in einer ehemaligen Arztpraxis.

Patric Gutenberg

Was hat Sie am «Goalie» gereizt?

Sabine Boss: Das Buch «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz habe ich in einer Nacht verschlungen. Es hat mich berührt und gefesselt, ich musste lachen und weinen zur gleichen Zeit. Diese Gratwanderung zwischen Kömodie und Drama ist genau das, was ich liebe. Ausserdem ist es eine Geschichte, die meine Generation anspricht, und sie spielt im Mittelland, wo ich herkomme.

Der Goalie ist ein Geschichtenerzähler wie Sie. Irgendwie seid ihr wesensverwandt. Hat das eine Rolle gespielt?

Ja und Nein. Natürlich bin ich als Regisseurin eine Geschichtenerzählerin wie er. Aber mich hat einfach seine Figur fasziniert. Überall gibt es ja solche Typen wie den Goalie, die man etwas herablassend als «Hänger» tituliert. Aber es sind Leute mit grossem Potenzial, die einfach zu wenig «ellbögeln» können. Goalie ist einer, der viel weiter kommen würde, wäre er nicht so ein lieber Cheib.

Haben Sie für den Film viel geändert?

Ja, wir haben einiges verschoben und erfunden. Aber das ist bei jeder Umsetzung eines literarischen Stoffes zu einem Film ein ganz normaler Vorgang. Ein Filmdrehbuch hat nun mal eine andere Erzählstruktur als ein Roman. Im Film gibt es zum Beispiel einige Szenen zwischen Regi und Budi, die es im Buch nicht gibt, auch den Ausflug nach Spanien haben wir verändert und verdichtet. Im Buch gibt es nur einen Erzählstrang, jenen vom Goalie. Für den Film haben wir sein Umfeld stärker betont und den Kosmos von Schummertal plastischer gemacht.

Und die Dialoge?

An den Dialogen haben wir sehr intensiv gearbeitet. Pedro war am Drehbuch und speziell an den Dialogen mitbeteiligt, und so ist seine sprachliche Handschrift auch im Film deutlich zu spüren. Er ist denn auch mit dem Ergebnis sehr zufrieden und hat Freude am Film.

Goalie ist im Buch ein Plauderi, der sich seine Wahrheit durchs Erzählen zurechtbiegt. Es ist seine Überlebensstrategie. Das kommt im Film nicht so deutlich rüber.

Das stimmt. Filmisch funktionieren innere Monologe, auf die der Roman aufgebaut ist, eher schlecht, und so kommt dieser Aspekt im Film weniger vor.

Der Film bestätigt die Bilder, die ich mir selbst beim Lesen gemacht habe.

Das sagen alle, die den Film bisher gesehen haben. Es freut mich, dass wir das so getroffen haben. Es war für uns alle eine Reise in die Vergangenheit.

Sabine Boss

Sabine Boss (47) ist in Aarau geboren und besuchte dort die Kantonsschule. Nach ihren wilden Jahren absolvierte sie das Fachstudium Film/Video an der Hochschule der Künste in Zürich (ZHdK). Danach arbeitete sie als Regieassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Seit 2000 ist sie freie Autorin und Regisseurin für Film, Fernsehen und Theater. Mit dem Fernsehfilm «Studers erster Fall» (2001) machte sie erstmals auf sich aufmerksam. Ihr bisher grösster Erfolg war der Kinofilm «Ernstfall in Havanna» mit Victor Giacobbo, mit dem sie für den Schweizer Filmpreis nominiert wurde. Es folgten 18 Folgen für «Lüthi und Blanc» sowie die Kinofilme «Undercover» (2005, auch mit Giacobbo) und das «Das Geheimnis von Murk» (2008). Zuletzt führte sie Regie im Schweizer Tatort «Hanglage mit Aussicht» (2012) und im TV-Drama «Stärke 6». Sabine Boss lebt mit ihrem Partner, dem Schauspieler Andreas Matti, in Schaffhausen und Zürich. (sk)

Wie sind Sie selbst mit dem Ergebnis zufrieden?

Es ist für mich ein Herzensprojekt und ich bin stolz auf den Film.

Spüren Sie inzwischen, ob ein Film von Ihnen ein Erfolg wird?

Ich weiss, wenn etwas gelungen ist. Das ist diesmal sicher der Fall. Aber ob der Film beim Publikum ankommt, ist schwieriger. Ich frage mich zum Beispiel, ob diese Geschichte eine andere Generation auch so berührt. Aber es gibt schon Faktoren, die für einen Erfolg sprechen: Das erfolgreiche Buch, das grosse Interesse der Medien. Aber sicher bin ich nicht. Nehmen wir das «Missen Massaker» von Michael Steiner. Der Film wurde im Vorfeld gepusht und gefeiert, hat an der Kinokasse dann aber nicht funktioniert.

Wie ist Ihre Gefühlswelt so kurz vor der Premiere?

Ich bin so nervös wie beim ersten Film. Das geht wohl nie weg. Im Gegenteil: Je mehr Erfahrung man hat, desto besser weiss man, was alles schiefgehen kann. In letzter Zeit sind so viele Schweizer Filme erschienen. Es könnte sein, dass das Publikum genug hat. Es gibt so viele Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Wie kam der Song «Clap Hands» von Tom Waits in den Film?

Tom Waits gibt Einwilligungen für seine Songs nur persönlich und nur, wenn er den Film gesehen hat. Deshalb haben wir die betreffende Szene mit englischen Untertiteln versehen und ihm geschickt. Niemand wollte mir glauben, dass wir es schaffen, an den Mann überhaupt heranzukommen. Aber siehe da – es hat geklappt.

Bei Schweizer Filmen werden die Dialoge immer wieder kritisiert. Zu Recht?

Ich finde auch, dass sich Schweizer Filmer oft zu wenig um die Dialoge kümmern. Sie werden generell unterschätzt. Deshalb hatten beim Goalie die Dialoge oberste Priorität, und wir haben wochenlang um die beste Formulierung gerungen.

Ihr Tatort «Hanglage mit Seesicht» wurde in dieser Hinsicht aber auch verrissen?

Das Problem ist hier die hochdeutsche Synchronfassung. Diese Mischform zwischen Mundart und Hochdeutsch bricht jedem Film das Genick. Deshalb wird es für den Goalie keine Synchronfassung geben. Nur Untertitel.

Und was ist die Lösung für den Schweizer «Tatort»?

Die grosse Krux ist, dass das Schweizerdeutsch für die deutschen Zuschauer eine Fremdsprache ist. Also braucht es entweder Untertitel (was am deutschen Fernsehen nicht geht) oder dann eine gescheite Synchronfassung. Am idealsten wäre es, wenn man zwei Sprachfassungen zur gleichen Zeit drehen könnte. Das wären aber rund acht Drehtage mehr. Ein Drehtag kostet zwischen 30 000 und 50 000 Franken, das käme leider zu teuer. Deshalb müsste man in meinen Augen mal den Versuch machen, hochdeutsch zu drehen. Ich glaube, es ist einfacher, eine hochdeutsche Fassung auf Mundart zu synchronisieren als umgekehrt.

«Der Goalie bin ig» ist ein Volltreffer Nach einem Jahr im Gefängnis kehrt Goalie (Marcus Signer) in seine Heimatstadt Schummertal zurück und will ein neues Leben beginnen. Geregelte Arbeit, keine krummen Geschäfte und keine Drogen. Seine neue Liebe Regula (Sonja Riesen) steht für diesen Neuanfang. Er reist mit ihr nach Spanien in die Ferien und scheint dem Glück nah. Doch der Goalie vergibt die Chance, verschiesst den Penalty. Die Vergangenheit holt den gutmütigen und gutgläubigen Loser ein. Er merkt, dass er von seinen Freunden hintergangen und verraten wurde und als Sündenbock der Polizei ans Messer geliefert wurde. Doch der sympathische Verlierer und gutmütige «Plauderi» sinnt nicht auf Rache. Stattdessen verlässt er Schummertal und zieht von der Provinz in die Stadt. Er scheitert abermals, bleibt aber zuversichtlich und träumt von besseren Zeiten. «Der Goalie bin ig» ist eine Tragikomödie nach dem erfolgreichen Mundartroman von Pedro Lenz. Marcus Signer als charmanter Antiheld Goalie ist ein Glücksgriff, aber auch die anderen Rollen wie Ueli (Pascal Ulli) und Regi (Sonja Riesen) sind stark besetzt. Der Reiz der Sprache, der Berner Mundart, bleibt im Film erhalten und die Literaturvorlage wird mit viel Herzblut umgesetzt. «Der Goalie bin ig» ist ein Volltreffer. (sk)

«Der Goalie bin ig» ist ein Volltreffer Nach einem Jahr im Gefängnis kehrt Goalie (Marcus Signer) in seine Heimatstadt Schummertal zurück und will ein neues Leben beginnen. Geregelte Arbeit, keine krummen Geschäfte und keine Drogen. Seine neue Liebe Regula (Sonja Riesen) steht für diesen Neuanfang. Er reist mit ihr nach Spanien in die Ferien und scheint dem Glück nah. Doch der Goalie vergibt die Chance, verschiesst den Penalty. Die Vergangenheit holt den gutmütigen und gutgläubigen Loser ein. Er merkt, dass er von seinen Freunden hintergangen und verraten wurde und als Sündenbock der Polizei ans Messer geliefert wurde. Doch der sympathische Verlierer und gutmütige «Plauderi» sinnt nicht auf Rache. Stattdessen verlässt er Schummertal und zieht von der Provinz in die Stadt. Er scheitert abermals, bleibt aber zuversichtlich und träumt von besseren Zeiten. «Der Goalie bin ig» ist eine Tragikomödie nach dem erfolgreichen Mundartroman von Pedro Lenz. Marcus Signer als charmanter Antiheld Goalie ist ein Glücksgriff, aber auch die anderen Rollen wie Ueli (Pascal Ulli) und Regi (Sonja Riesen) sind stark besetzt. Der Reiz der Sprache, der Berner Mundart, bleibt im Film erhalten und die Literaturvorlage wird mit viel Herzblut umgesetzt. «Der Goalie bin ig» ist ein Volltreffer. (sk)

ho

Haben Sie vom «Tatort» die Nase voll?

Nein, überhaupt nicht. «Der Tatort» ist die Krönung, für jeden Filmer eine Ehre.

Dann gibt es bald wieder einen Boss-Tatort?

Mal schauen. Die Entscheidung liegt nicht bei mir.

Sie waren in der Kanti eine Punkerin und Rebellin. Haben sich bewusst abseits des Mainstream bewegt. Heute machen Sie mit Erfolg Filme für den Mainstream.

Was heisst schon Mainstream? Ich habe gern Publikum, ich will mit meinen Filmen unterhalten. Ich fühle mich aber immer noch als Rebellin. Ich habe zwar keine blauen Haare mehr, aber ich habe meinen eigenen Weg durchgezogen und kann als Künstlerin leben. Meine Rebellion ist meine Passion.

Ist Deutschland für Sie eine Option?

Ja, wenn man vom Film leben will, muss man den grossen deutschen Markt nutzen. Ich mache zurzeit einen Film für die ARD, die Komödie «Seitensprung» mit Claudia Michelsen in der Hauptrolle.

Und wie stehts mit dem «Bestatter», als gebürtige Aarauerin wären Sie doch prädestiniert?

Die Aufgabe würde mich sicher reizen, schon alleine, um mal wieder ein bisschen Zeit in Aarau zu verbringen (lacht). Ich wurde für den Pilot angefragt, musste aber wegen anderer Dreharbeiten absagen.

Der Goalie bin ig Sabine Boss, 92 Min. Fr 24. 1., 21 Uhr Reithalle; 28. 1., 21 Uhr Reithalle. Kinostart 6. 2.