Filmfestival Locarno
Regisseur: «Wir pendeln in ein dunkles Zeitalter»

Fernand Melgar hat im Film «L'abri» die prekären Zustände in einer Notschlafstelle in Lausanne dokumentiert. Der Schweizer Regisseur will dazu beitragen, dass der Pendel, der momentan «in ein dunkles Zeitalter schwingt», wieder nach vorne schwingt.

Lory Roebuck
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Wer darf rein und wer nicht? Das Gedränge vor dem Eingang zur Notschlafstelle in «L’abri» hat auch Symbolcharakter.

Wer darf rein und wer nicht? Das Gedränge vor dem Eingang zur Notschlafstelle in «L’abri» hat auch Symbolcharakter.

Agora Films

Monsieur Melgar, in «L’abri» begleiten Sie Obdachlose, die in einer Notschlafstelle in Lausanne Unterkunft suchen. Menschen, bei denen viele von uns so tun, als gäbe es sie gar nicht. Warum haben wir diesen Instinkt, wegzuschauen?

Fernand Melgar: Als Schweizer leben wir in einem Land voller Vorzüge. Die wollen wir nicht verlieren. Ich bin sehr stolz darauf, in der Schweiz zu sein. Wir haben das humanitäre Recht erfunden, wir halten uns aus Kriegen zurück. Der Schweizer Gesellschaft geht es gut. Aber wir haben Angst, weil in den Staaten um uns herum scheinbar alles auseinanderfällt. Davor verschliessen wir reflexartig die Augen. Wir wollen nur fröhliche Menschen sehen, Party machen und das neuste iPhone besitzen.

Die obdachlosen Menschen in Ihrem Film dagegen haben praktisch nichts.

Fernand Melgar

Fernand Melgar

Keystone

Ihre grosse Hingabe an die Schwächsten in unserer Gesellschaft ist etwas, das Sie als Filmemacher auszeichnet. Worauf gründet dieses Engagement?

Meine Eltern kamen in den Sechzigern als Saisonarbeiter aus Spanien in dieses Land. Weil sie arbeiteten, erhielten sie eine Aufenthaltserlaubnis, aber nicht ihr Kind. Ich war also illegal in der Schweiz und musste mich in der Wohnung verstecken, wenn die Behörden vor der Türe standen. Es gab Tausende von uns sogenannten Schrankkindern. Heute bin ich Schweizer und führe ein glückliches Familienleben. Meine Herkunft vergesse ich aber nie.

Filmkritik: «L’abri»

Fernand Melgar hat in «La forteresse» (2009) die Zustände in einem Empfangszentrum für Asylsuchende dokumentiert und in «Vol spécial» (2011) die in einem Ausschaffungsgefängnis. Nun blickt der grosse Humanist unter den Schweizer Regisseuren in eine Notschlafstelle in Lausanne, wo an kalten Winternächten nicht Platz genug für alle ist.

Grosses handwerkliches Geschick zeichnet Melgars neuen Dok-Film nicht aus, dafür wieder umso mehr sein Einsatz für die schwächsten Glieder in unserer Gesellschaft. Wir werden gezwungen, dort hinzuschauen, wo wir im Alltag meistens die Augen verschliessen.

Ein aufwühlender Film, der keine Antworten liefert, aber wichtige Fragen stellt. Und wieder viel Anlass zu Diskussionen liefern wird. (lor)

Das nächtliche Gedränge vor der Schlafstelle in «L’abri», der brutale Selektionsprozess, wer rein darf und wer nicht: Ist das als Abbild der Situation an den Schweizer Grenzen gedacht?

Ja. Der Symbolcharakter meiner Dokumentarfilme ist beabsichtigt. Ich will die grosse Geschichte innerhalb einer kleinen Geschichte erzählen, anhand von Menschen, die dein Vater, dein Bruder oder du selbst sein könnten. Sogar im Türsteher, der jeden Abend einige Obdachlose abweisen muss, könntest du dich wiedererkennen. Vielleicht bist du ein Student, der Geld braucht, und machst deshalb diesen Job. Es gibt keine Bösewichte.

Man kann niemandem böse sein, aber die Lage ist schlimm. Da fühlt man sich doch irgendwie machtlos?

Was wir sehen, ist nicht unabwendbar. In der Schweiz haben wir die direkte Demokratie. Wir können Dinge ändern – zum Guten wie zum Schlechten. Mit meinen Filmen will ich daran erinnern, dass hinter all den Gesetzen und Abstimmungen echte Menschen stehen.

Seit fünf Jahren beschäftigen Sie sich in Ihren Filmen mit den Herausforderungen der Migration. Empfanden Sie das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative als
Rückschlag?

Es hat geschmerzt. Aber die Gesellschaft kann sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Das ist eine Bewegung, die Zeit braucht, ein Hin und Her. Wir pendeln momentan aber in die falsche Richtung, zurück in ein dunkles Zeitalter. Da müssen wir Widerstand leisten, damit die Pendel wieder nach vorne schwingen. Meine Filme sollen dazu beitragen. Sie sind wie Samen, die eines Tages hoffentlich für Wachstum sorgen. Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen – dieser Satz steht in der Einleitung unserer Bundesverfassung. Wir müssen das respektieren und zusammen nach Lösungen suchen.

In «L’abri» begleiten Sie mit Ihrer Kamera auch die abgewiesenen Obdachlosen in die eisige Nacht hinaus. Wie schwierig ist es, bei dieser Not Distanz zu wahren?

Das war jedes Mal extrem schwer. Aber wenn ich im Film helfend eingreifen würde, dann sähe das Publikum nicht, wie schlimm es ist, im Winter draussen schlafen zu müssen. Als Filmemacher muss ich ein Augenzeuge sein. Auf diese Art kann ich ihnen am besten helfen. Die Menschen, die ich gefilmt habe, konnten das nachvollziehen.

Bei der politischen Rechten stossen Ihre Filme auf Kritik. Die mittellosen Immigranten, die weder Schlafplatz noch Arbeit finden, könnten jetzt als Folge der Personenfreizügigkeit ausgelegt werden.

Ich dokumentiere reale Probleme, erzähle von Vätern, Müttern und Kinder, die kein Obdach finden. Diskussionen darüber sind gut, aber mir kann keiner sagen, dass Kinder bei minus zehn Grad im Freien schlafen sollen. Das kann man doch nicht hinnehmen.

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