Irak

Regisseur Samir: «Alle erzählen schreckliche Sachen und lachen dabei»

Samir im Sitzungszimmer seiner Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr in Zürich.

Samir im Sitzungszimmer seiner Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr in Zürich.

Der schweizerisch-irakische Regisseur Samir dreht mit «Iraqi Odyssee» einen Film über seine Familie und die irakische Politik. Er bangt um seine Cousins in Bagdad – doch ohne Panik.

Samir sitzt mit der Cutterin am Schneidetisch der Produktionsfirma Dschoint Ventschr. «Schon da?» Er reicht uns 3-D-Brillen und zeigt uns den Filmanfang mit dem verzwickten Stammbaum seiner irakischen Familie. Ja, er ist im Stress, um den Film fürs Festival in Toronto fertigzustellen. Im Sitzungszimmer mit dem beruhigenden grünen Vorhang gibt er sich gelassen – auch wenns um die Situation im Irak geht.

Samir, Ihr neuer Film heisst «Iraqi Odyssee». Das klingt nach aktuellem Polit-Film. Wie kann man so schnell produzieren?

Samir: (lacht herzlich) Ich habe den Film nicht in Hinblick auf die aktuellen politischen Ereignisse geplant. Er thematisiert die Ereignisse der letzten 50 Jahre im Irak, die eine unerhörte Emigrationswelle ausgelöst haben. Ich habe meine Familie als Beispiel genommen, um diese ganzen globalen Verstrickungen zu zeigen.

Was hat Ihre Familie vertrieben?

Politische und ökonomische Gründe. Vertrieben wurde die Mittelschicht. Heute bilden 4,5 Millionen Iraki eine über die ganze Welt zerstreute Diaspora, die gebannt die Ereignisse in ihrem Land verfolgt und sieht, dass die Emigration weitergeht.

Sie beschreiben Ihren Film selber mit den Worten, heute sehe man im Irak Bomben, Krieg, wütende bärtige Männer, verschleierte schluchzende Frauen, kaputte Städte. In den 50er- und 60er-Jahren hingegen sei Bagdad eine moderne, ja gar mondäne, westliche Stadt gewesen. Und Sie fragen: Wie konnte es so weit kommen? Haben Sie eine Antwort?

Es beginnt, auch in meinem Film, schon 1914 bis 1918, als die Engländer im Irak intervenierten. Sie brauchten Erdöl, weil sie ihre Flotte von Kohle auf Diesel umstellten. Seit damals war der Irak nie mehr sich selber, sondern immer verbandelt mit der globalen Politik. Das Öl ist der Segen und der Fluch für dieses Land.

Inwiefern?

Ein Segen war es, als Irak die Ölförderung nationalisierte und davon profitierte. Aber das führte zur Diktatur und zu Kriegen. Der schlimmste war jener gegen den Iran. Er dauert acht Jahre, es gab eine Million Tote. Er passte zur globalen Politik, zur Strategie der USA: Sie wollten das Khomeini-Regime eindämmen, der Krieg von Saddam Hussein war ihnen gerade recht. Als er seine Pflicht getan hatte, haben sie ihn bekriegt und besiegt. Ich will zeigen: Die Ereignisse im Irak sind Teil der globalen Politik. Im Irak leben nicht einfach etwas blutrünstige Wüstensöhne, die sich gegenseitig totschlagen.

Wie zeigt sich das am Beispiel Ihrer Familie?

Sie sind gleich wie die Leute hier. Man hat eine Familie gegründet, man hat studiert, man hatte Hoffnung auf eine moderne Zukunft: All das wurde durch die politischen Umstände zerstört.

Welche Kräfte haben die moderne Stadt Bagdad in einen Ort der bärtigen Männer und verschleierten Frauen zurückverwandelt?

(lacht) Bagdad ist noch nicht ganz auf diesem Stand. Es war eine Kombination von imperialer Politik und politischen Fehlern: Irak ging anstatt in Richtung demokratischer Staat in eine Diktatur von partikularen Interessensgruppen – konkret von Saddam Hussein und seinem Clan.

Aus dem Irak höre ich vom Terror der extremen IS, von sich bekämpfenden Sunniten und Schiiten, von verfolgten Jesiden. Sind die Kämpfe also religiös bedingt?

Religion war in der irakischen Politik nie entscheidend. Heute wird sie aber tatsächlich als Mittel der eigenen Machterhaltung benutzt. Bei der Gründung des Irak 1921 wollte man einen modernen Staat aufbauen, die Stämme wurden 1934 entmachtet. 1993 hat Saddam Hussein den bedeutungslosen Stammesfürsten die Teilhabe an der Macht versprochen, weil ihm durch das Embargo die Macht zu entgleiten drohte. So wurde der Staat als Einheit zerstört. Die Amerikaner haben das im 2003er-Krieg noch befördert. Sie haben die Iraki zwar von der Diktatur befreit, aber gleichzeitig den Staat zerstört, der die neue Freiheit und Demokratie hätte garantieren können.

Was lösen die Nachrichten über die Gräueltaten der IS und die US-Bomben in Ihnen aus?

Das ist schrecklich. Aber die Präsenz der IS ist nicht neu. Ich war im November im Südirak. In Falludja und Ramadi waren Kaida-Kämpfer. Die irakische Regierung wusste schon damals kein anderes Mittel, als Bomben abzuwerfen. Die Menschen flüchteten – als Sunniten absurderweise ins heute schiitische Bagdad. Wobei Bagdad einst durchmischt war. In den letzten drei Jahren aber gab es eine Binnenwanderung – und heute sind die Quartiere entweder sunnitisch oder schiitisch. Als ich zu meiner Familie in ein sunnitisches Quartier Bagdads fahren wollte, wechselten wir das Auto, damit man nicht sah, dass wir aus dem schiitischen Süden kamen. Solches war vor dem 2003er-Krieg unnötig.

Kann denn Ihre Familie noch ein normales Leben führen, herrscht nicht Angst?

Sie leben einigermassen normal. Mein Cousin unterrichtet an einer Schule, stellt Bilder seiner Kinder auf Facebook, meine Cousine, die im schiitischen Teil lebt, lehrt an der Uni … Natürlich macht man sich Sorgen: Als die IS vormarschiert ist, habe ich jeden Tag per Skype angerufen. Die Kommunikation funktioniert zum grössten Teil noch.

Gehört Ihre Familie verschiedenen Religionsgruppen an?

Nein, nein. Wir sind ursprünglich Schiiten. Mein Grossvater war ein Freigeist. So konnte eine Tante einen Sunniten heiraten, die andere einen Kurden, mein Vater sowie drei Onkel haben Europäerinnen geheiratet. Die Religionsgruppe war nie ein Thema. Sogar meine Frau hat mir gesagt: «Als wir vor bald zwanzig Jahren geheiratet haben, habe ich nicht gewusst, dass du Schiit bist. Auch mit deinen arabischen Freunden war das bis vor kurzem nie ein Thema. Jetzt macht ihr Witze darüber, wer woher kommt.» Ich war verblüfft über ihre Beobachtung. Denn das war ein schleichender Prozess und mir so gar nicht bewusst.

Wie einträchtig lebt denn die Irak Community in der Schweiz?

Die irakische Exilgemeinde in der Schweiz ist nur in zwei Gruppen aufgeteilt: Kurden und Araber. Aber es ist auch eine Frage der sozialen Klassen: In der gebildeten Mittelschicht gibts keine religiösen Abgrenzungen, je mehr Unterschicht-Emigranten da sind, desto eher gibts religiöse Grenzen. Es ist aber nicht vergleichbar mit den Jugoslawen, die sich plötzlich als Serben, Kroaten oder Albaner feindlich gegenüberstanden.

Wie geht es im Irak weiter?

Wie mit jeder Gesellschaft, die eine schmerzhafte Transformation mitmacht. In Russland wurden Gangster zu Businessmen, das Gleiche passiert im Irak. Da hat sich einer mit der Waffe in der Hand bereichert und wurde später zum Telekom-Tycoon. In zwanzig Jahren wird es so vielleicht eine neue Mittelschicht geben. Der Irak ist Teil der Weltwirtschaft. Und die hat nur ein Interesse: Dass das Land wieder stabil wird, sodass man geordnet und sicher handeln kann. Diese Sicherheit muss ein Staat gewährleisten – sei es mit Unterdrückung des Volkes oder mit demokratischer Partizipation.

Besteht die Gefahr, dass der Irak zu einem fundamentalistischen Staat nach dem Muster des Irans wird?

Nein. Damit widerspreche ich zwar vielen westlichen Experten, aber man kann die Geschichte des Irak nicht einfach ausradieren. Hier mussten sich Völker und Stämme, Minderheiten und Mehrheiten immer zusammenraufen. Im Süden hat der Iran zwar Einfluss gewonnen, aber der Widerstand gegen einen Gottesstaat à la Iran ist gross. Mossul im Norden ist seit Jahrhunderten eine Handelsstadt mit allen Minoritäten. Dass die Leute am Anfang die IS unterstützten, hatte nur mit ihrer Angst vor den schiitischen Milizen von Ex-Präsident Maliki zu tun.

Ihr Film erzählt von Ihrer über den ganzen Globus zerstreuten Familie. Gibts bei ihr, gibts in der Irak-Gemeinschaft hier überhaupt den Wunsch, mal wieder zurückzukehren?

Das ist ein Thema aller Emigranten. Die Alten haben sich abgefunden. Sie leben ein perfektes Rentnerleben in Neuseeland oder in England, sie haben überall ihre irakische Community und können sich per Satellit auf den ideologisch unterschiedlichen Stationen ein Bild machen. Die Jungen sind engagierter, schreiben Kommentare auf Facebook. Für meine Halbschwester, die hier lebt, ist klar, sie wird hingehen und ein Waisenhaus eröffnen. Meine Cousine in Deutschland ist forensische Anthropologin, sie könnte sich gut vorstellen, im Irak in den Massengräbern die Vermissten identifizieren zu helfen. Es gibt seit der Diktatur über eine Million vermisste Menschen im Irak.

Sie erzählen das mit enormer Gelassenheit.

Das mag so wirken. Aber wir alle sind emotional enorm involviert. Auch im Film: Alle erzählen schreckliche Sachen und lachen dabei. Meine Freunde hier finden, die irakische Art zu reden, gleiche dem jüdischen Humor. Aber wenn man in der Diaspora lebt und mit anschauen muss, welche schrecklichen Dinge in seinem Land passieren, bleibt einem nichts anderes übrig, als das mit schwarzem Humor zu bewältigen.

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